Mehrgenerationenhaus Geschacher ums Geld gefährdet Erfolgsmodell

Nachbarn treffen sich, Alt und Jung, man hilft sich gegenseitig: Das Mehrgenerationenhaus war eines der Lieblingsprojekte von Familienministerin von der Leyen - und es hatte Erfolg. Ihre Nachfolgerin Schröder will die Zuschüsse für das Modell kürzen. Nun fürchten viele Häuser um ihre Existenz.

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Hamburg - "Für mich ist das wie eine Therapie hier." Arzu Sahin steht hinter ihrer Theke und strahlt die Frauen am Tisch davor an. Ihre Hände stecken in Einmalhandschuhen, Klammern halten die blonden Haare kunstvoll am Hinterkopf. Für sechs Euro pro Stunde schenkt sie mehrmals in der Woche vormittags Getränke aus, verkauft den Besuchern im Mehrfamilienhaus in Hamburg Eimsbüttel Frühstück. Kaffee kostet 50 Cent, Latte Macchiato im großen Glas 1,50 Euro.

Ihre beiden Kinder besuchen die Kita eine Etage höher. Wenn sie mit der Arbeit fertig ist, geht sie oft trotzdem nicht heim.

Arzu Sahin bekommt Hartz IV und verdient sich hier die erlaubten 100 Euro im Monat hinzu. Angefangen hat sie als Ein-Euro-Kraft, als die Maßnahme auslief, ist sie geblieben. "Ich bin einfach gern hier. Hier kann ich helfen, das tut mir gut."

Das Café mit der Theke und der offenen Küche dahinter ist das Herz der Einrichtung - wie auch in allen anderen Mehrgenerationenhäusern. Hier soll jeder neue Besucher persönlich in Empfang genommen werden, niemand soll verloren herumstehen. Im "Nachbarschatz", so heißt das Mehrgenerationenhaus in Eimsbüttel, sitzen an diesem Vormittag ein paar Frauen aus der Gegend am Tisch. Daneben in der mit bunten Kissen ausgelegten Stillecke zwei Mütter mit ihren Babys. Zwanglos soll es zugehen in den Häusern. Hier sollen sich Menschen treffen - und gegenseitig helfen. Das ist der Plan.

Die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen rief 2006 das Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser ins Leben. 500 Einrichtungen wurden nach und nach aufgenommen und erhielten einen Bundeszuschuss von jeweils 200.000 Euro verteilt auf fünf Jahre. Manche gingen aus schon bestehenden Jugend-, Stadtteil- oder Seniorentreffs hervor - wie das "Nachbarschatz", das ursprünglich ein Mütterzentrum war. Andere gründeten sich ganz neu. Das Ziel: Über ganz Deutschland verteilt sollte eine Art moderne Variante des Dorfplatzes entstehen.

Handy-Kurs eingestellt

Hier sollte die Möglichkeit für ein engeres nachbarschaftliches Miteinander geboten werden - in Zeiten, in denen die familiären Strukturen immer weiter auseinanderbrechen. Vor allem Familien, Alleinerziehende und alte Leute sollten von den Mehrgenerationenhäusern als Anlaufstelle profitieren. Yoga-Kurse besuchen, die Kinder mal kurz abgeben, nähen lernen, für kleines Geld die Oberhemden bügeln lassen. Die Angebote richten sich danach, was die Menschen brauchen. Heute besuchen bundesweit täglich rund 41.000 Menschen allein die Cafés der Mehrgenerationenhäuser.

Das "Nachbarschatz" hatte für eine Weile auch den Handy-Kurs von Schülern für alte Leute im Angebot - dem Beispiel folgend, das von der Leyen so gern benutzte, wenn sie ihre Vision von den Mehrgenerationenhäusern erklären wollte. Das hat hier aber nicht geklappt. Inzwischen ist der Kurs wieder eingestellt: zu wenige Anmeldungen.

Zwischen 2011 und 2012 läuft nun nach und nach die Förderung der Einrichtungen aus. In vielen Häusern wächst die Unruhe. Wie soll es weitergehen, wenn die jährlichen 40.000 Euro aus Berlin nicht mehr fließen? Das Bundesfamilienministerium hat angekündigt, dass es ein Folgeprogramm geben soll. "Das Konzept hat sich bewährt - jetzt werden wir es in die Zukunft tragen", sagt Familienministerin Kristina Schröder. Eine Absichtserklärung - mehr nicht. Über Geld kein Wort. Außer, dass die Unterstützung der Kommunen unerlässlich sei. "Die Kommunen sollen eine stärkere Rolle als bisher übernehmen, auch in Form einer Beteiligung an der Finanzierung", heißt es.

"Die Kommunen können das alleine nicht schultern"

Die Kommunen sperren sich nicht grundsätzlich gegen mehr Verantwortung bei den Mehrgenerationenhäusern. "Wir halten den Ansatz für richtig", sagt Franz-Reinhard Habbel vom Deutschen Städte- und Gemeindebund. Bisher fehle aber der Aspekt der Nachhaltigkeit. "Es ist nicht richtig geklärt, wie die Finanzierung dauerhaft laufen soll." Und ohne Geld vom Bund, macht er klar, wird es auch künftig nicht gehen: "Die Kommunen können das alleine nicht schultern. Darüber muss gesprochen werden." Am 25. Januar soll es ein Gespräch im Ministerium geben.

Dabei wollen die Kommunen auch ihre übrigen Bedingungen nennen: Mehr Freiheit bei der Umsetzung des Konzepts. "Es darf nicht so aussehen, dass der Bund immer mehr Vorschriften aufstellt und wir kaum noch Bewegungsspielraum haben", sagt Habbel.

Dabei hat das Ministerium die Schwerpunkte des Folgeprogramms bereits festgelegt. Künftig soll es vermehrt um Pflege und Integration gehen.

Im Eimsbütteler Mehrgenerationenhaus ist die Pflege bisher kein größeres Thema. Zwar hat sich das ehemalige Mütterzentrum auch für Ältere geöffnet. Aber bisher eher für die Rüstigen, die sich donnerstags im Erzählcafé treffen oder nach Schulschluss die Kinder und Jugendlichen im Pädagogischen Mittagstisch beaufsichtigen. Doch die Sorge über die Zukunft des Bundeszuschusses ist im "Nachbarschatz" gerade eher zweitrangig. Der Vermieter hat zum 31. März gekündigt - und die Suche nach einem neuen Haus blieb bisher erfolglos.



insgesamt 30 Beiträge
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altruist 27.12.2010
1. überflüssige sozialträume
in so einem haus möchte ich nicht mal tot über dem zaun hängen.sozialträume einer bestsituierten ministerin,die niemals in so ein objekt ziehen würde. wenn darin leute wohnen,die keine gleichen einkommensverhältnisse haben,dann gibt es schon eine psychologische schieflage.es sei denn die minderbemittelten macht es nichts aus auf kosten der anderen zu leben. auch als alter mensch bin ich lieber unter meinesgleichen als dass ich mir das getue und geschrei andererleuts blagen anhören muß. schade uns geld. die neue ministerin schröder steht da mehr auf dem boden der tatsachen.
Hilfskraft 27.12.2010
2. Mehrgenerationenhaus ? Was ist das ?
Was ist ein "Mehrgenerationen-Haus"? Es ist wohl ein Wohnhaus mit mehreren Generationen unter einem Dach. Sind die Generationen alle miteinander verwandt? Wohl kaum. Kennen sich die Leute bereits vor dem Einzug und ziehen zusammen? Wohl kaum. Sind diese Leute immer nett zu einander und kommen toll miteinander aus? Wohl kaum. Was ist dann an einem stink normalen Mehrfamilienhaus mit mehreren Generationen, die sich so nicht kennen, auch nicht immer toll verstehen, anders? Was wollte von der Leyen da eigentlich unterstützen? Das Leben mehrerer Generationen im städtischen MFH wird auch nicht finanziell unterstützt. Sollte das etwa so eine Art "Beschützes Wohnen" sein? Oder, eine Art "Wohn-Club" für Priviligierte? Irgendwie kapiere ich das nicht. H.
Tango, 27.12.2010
3. Kein Erfolgsmodell
Zitat von sysopNachbarn treffen sich, Alt und Jung, man*hilft*sich gegenseitig:*Das Mehrgenerationenhaus war eines der Lieblingsprojekte von Familienministerin von der Leyen - und es hatte Erfolg. Ihre Nachfolgerin Schröder will die Zuschüsse für das Modell kürzen. Nun fürchten viele Häuser um ihre Existenz. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,735373,00.html
Wie kann man eine Lebensweise als Erfolgsmodell verkaufen, die nur mit massiver staatlicher Subvention am Leben gehalten werden kann? Ich möchte auch gern subventioniert werden!
franklin, 27.12.2010
4. Anscheinend
muss in diesem Staat alles subventioniert werden. "Hier sollte die Möglichkeit für ein engeres nachbarschaftliches Miteinander geboten werden - in Zeiten, in denen die familiären Strukturen immer weiter auseinanderbrechen. Vor allem Familien, Alleinerziehende und alte Leute sollten von den Mehrgenerationenhäusern als Anlaufstelle profitieren. Yoga-Kurse besuchen, die Kinder mal kurz abgeben, nähen lernen, für kleines Geld die Oberhemden bügeln lassen." Darum muss sich der frei lebende Normalo selbst bemühen. Genau das wird den Leuten hier aberzogen, sie werden doch wohl eher unselbstständig gemacht. Arbeitsbeschaffung für arbeitslose Sozialarbeiter...
stupsnase 27.12.2010
5. Zuerst sich informieren!
Liebe andere Teilnehmer, bevor Sie meckern und schlecht reden, am besten sich vorher informieren. Mehrgenerationenhäuser sind nicht das was Sie denken. http://www.mehrgenerationenhaeuser.de Die Häuser bieten einen Knotenpunkt für alle an; nicht nur ein Kinderhaus, nicht nur ein Jugendhaus, nicht nur ein Seniorenhaus sondern ein Haus mit Angebote für alle Altersklasse und teilweise sogar Angebote "übergenerationenell"! Kommen Sie aus Ihrem Schneckenhaus - vielleicht würde es Ihnen dort auch gefallen.
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