Meinungsforschung SPD hofft auf stille Reserve

Die Hälfte der Wahlberechtigten weiß noch nicht, ob und vor allem für wen sie am 18. September ihre Stimme abgeben wird. Weil darunter viele enttäuschte SPD-Anhänger sind, klammern sich die Genossen an diesen Strohhalm. Die Union feiert sich derweil schon als Sieger.

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Hamburg - 43, 30, 8, 8, 7 - Zahlen spielen dieser Tage im politischen Deutschland eine große Rolle. Fast täglich veröffentlichen die Meinungsforschungsinstitute neue Umfrageergebnisse, die Koalitionsarithmetik überlagert die inhaltliche Debatte. Die SPD hat wenig zu lachen in der deutschen demoskopischen Republik. Schwarz-Gelb liegt vorn, knapp zwar, was die regierungsfähige Mehrheit betrifft, aber immerhin Wählerwelten vor Rot-Grün. Und trotzdem: Die Sozialdemokraten ziehen ausgerechnet aus den desaströsen Sonntagsfragen den Optimismus, den sie derzeit so offensiv zur Schau stellen.

49 Prozent der Wahlberechtigten seien in ihrer Wahlentscheidung noch unentschieden, verkündete jüngst das Meinungsforschungsinstitut Forsa, die Forschungsgruppe Wahlen sieht die Zahl der Unentschlossenen immerhin bei etwa einem Drittel. "Deswegen setze ich auf die letzten 14 Tage", erklärte Gerhard Schröder angesichts der geballten Wankelmütigkeit im Wahlvolk. Dann würden sich die noch unentschlossenen Wähler entscheiden. Er sei zuversichtlich, ließ der Kanzler wissen, die fehlenden Stimmen für die SPD gewinnen zu können.

Leiden die Genossen unter Realitätsverlust oder sind die Hoffnungen auf den last minute swing nicht ganz unberechtigt? Richard Hilmer, Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap, identifiziert drei Gruppen der Unentschlossenen: 7 Prozent der Wahlberechtigen seien überzeugte Nicht-Wähler; 20 Prozent wüssten noch nicht, ob sie zur Wahl gehen und wem sie ihre Stimme geben; und noch einmal 20 bis 25 Prozent würden bei Umfragen eine Partei nennen, um schnell hinterher zu schieben, dass sich diese Entscheidung durchaus noch ändern könne.

Die Meinungsforscher sind sich einig. In der großen Gruppe der Unentschlossenen finden sich etliche, die vor drei Jahren noch SPD gewählt haben: Enttäuschte, Verunsicherte, Verprellte. Eine Erkenntnis, die viel Raum für Interpretation lässt. "Es gibt für die SPD eine gewisse Wählerreserve. Trotzdem reicht es für maximal 33 bis 34 Prozent." Das sagt einer, der nicht im Verdacht steht, dem konservativen Lager nahe zu stehen: Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Regelmäßig vertraut der Kanzler auf dessen Informationen. Dass die SPD in den vergangen Wochen Pünktchen für Pünktchen zulegen konnte, verbucht Güllner unter "Loyalitätsbekundungen". Ein dynamischer Aufwärtstrend sei nicht erkennbar.

Infratest-dimap-Chef Hilmer sieht da schon mehr Potential: "Dieser Trend kann sich erheblich verschärfen, wenn entsprechende Ereignisse dies begünstigen." Dazu zählt Hilmer auch das TV-Duell am kommenden Sonntag. Es sei seitens der SPD durchaus klug und berechtigt, jetzt besonders auf die unentschlossenen Wähler abzuzielen. "Die Frage, ob wir eine schwarz-gelbe oder eine große Koalition bekommen, ist nach wie vor offen." Und Rot-Grün? Da möchte auch Hilmer sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. "Dafür würde es höchste Zeit, dass etwas passiert."

Klaus Peter Schöppner, Geschäftsführer von TNS Emnid, hält die Hoffnungen der SPD, die Unentschlossenen noch für sich gewinnen zu können, dagegen für "großen Quatsch". "Dass sich die Wahl in der letzten Woche entscheidet, sagen immer die Parteien die hinten liegen", sagte Schöppner der "Neuen Presse". Die Lager aus Union und FDP einerseits und SPD, Grüne sowie Linkspartei andererseits seien schon "relativ festgezurrt". Eine Chance auf ein besseres Ergebnis habe die SPD: Sie müsse Wahlkampf für eine große Koalition machen - als künftiger Junior-Partner. "Dann könnte sie den Bürgern sagen: Wählt uns als Korrektiv einer CDU-Wirtschaftspolitik."

Die große Koalition ist die einzig realistische Alternative zu Schwarz-Gelb. Laut Hilmer ist sie auch die "deutliche Präferenz der Wähler". Die nach wie vor erkennbare "ausgesprochene Wechselbereitschaft" gehe nicht in Richtung Schwarz-Gelb. Kollege Güllner von Forsa pflichtet ihm bei: "Es gibt nur eine Grundstimmung, die lautet: Rot-Grün muss weg."

Weil das so ist, feiert die Union schon mal den Sieg: "We are the champions" sangen die Christdemokraten auf ihrem von Kritikern als "Krönungsmesse" verspotteten Parteitag in Dortmund. Wer es jetzt noch nicht wisse, werde schon noch merken, wo die Musik spielt, scheint man sich im Unionslager zu sagen. Band wagon effect hat das der US-amerikanische Wahlforscher Paul Lazarsfeld einmal genannt: Die Unentschiedenen sammeln sich beim vermeintlichen Sieger - bei dem, der in den Umfragen vorne liegt.

"Vom Gefühl her" sieht auch der Augsburger Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider diesen Moment gekommen. Wissenschaftlich weiß er es allerdings besser: "Empirisch konnte der band wagon effect nie nachgewiesen werden." Nicht in Deutschland und nicht in den USA, wo die Datenlage deutlich besser ist als hierzulande.

Brettschneider hält einen anderen Effekt von Umfragen auf das Wahlverhalten für wesentlich entscheidender: das taktische Wählen. Wählt der Unionsanhänger lieber FDP, um eine große Koalition zu verhindern? Gibt der Hartz-IV-Kritiker statt der Linkspartei doch noch SPD oder Grünen seine Stimme? Derartige Überlegungen könnten kurzfristig eine Rolle spielen.



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