Jan Fleischhauer

Meinungsfreiheit Achtung, Sie verlassen den öffentlich kontrollierten Sektor!

Wo endet Meinungsfreiheit? Bei einem "Focus"-Redakteur, der als zu rechts gilt, um ihn auftreten zu lassen? Oder einer Punkband, die so politisch korrekt ist, dass die Kartoffeln geschält aus dem Keller laufen?
Punkband Feine Sahne Fischfilet

Punkband Feine Sahne Fischfilet

Foto: Bernd Wüstneck/ dpa

Es gibt viele Gründe, Feine Sahne Fischfilet für eine Strafe Gottes zu halten. Das beginnt mit dem Bandnamen, der wahrscheinlich so etwas wie selbstironische Unverfälschtheit signalisieren soll, tatsächlich aber, was den Ironie-Level angeht, nicht mal Bommerlunder-Niveau erreicht.

Es gibt den Frontmann Jan Gorkow, genannt "Monchi", den sie im Feuilleton wegen seiner vorbildlichen antifaschistischen Haltung so sehr herzen, dass ihm trotz seiner drei Zentner die Puste auszugehen droht. Da ist überhaupt dieser ganze ostdeutsche Links-Proll, der aus jedem Auftritt und jeder Zeile spricht, und der einem als "Punk" verkauft wird, weil das besser klingt. Ich würde ja immer meinen, es ist etwas faul, wenn Punkgrößen mit Kosenamen bedacht werden, aber was verstehe ich schon von Punk.

Wenn sich Künstler politisch äußern, geht das meist zulasten der Kunst. Bei Pianisten fällt das nicht so auf. Da sind die Noten vorgegeben. Bach und Mozart interessiert es nicht, was der Interpret auf Twitter an Herzensergießungen postet. Leider heißen Monchi und seine Kumpels nicht Levit sondern Irrgang oder Ney - sie verstehen auch nichts von Bach und Mozart, weshalb sie uns mit Reimen heimsuchen, die so quietschen, dass die Kartoffeln freiwillig geschält aus dem Keller gelaufen kommen, wie der große Dieter Bohlen sagen würde.

Die Bauhaus-Stiftung in Dessau hat dummerweise den schlechtesten aller Gründe gefunden, Feine Sahne Fischfilet nicht auftreten zu lassen. Vergangene Woche hat die Stiftungsleitung ein Konzert abgesagt, weil im Internet ein paar Nazis ihr Missfallen über den Auftritt geäußert hatten.

Man befürchte Demonstrationen vor der eigenen Tür, hieß es in einer Mitteilung. Das ist nun allerdings ein Argument, mit dem sich sogar der Auftritt eines notentreuen Pianisten wie Igor Levit verhindern ließe. Es müssen nur ein paar Verrückte auf die Idee kommen, im Netz Protest anzukündigen, und schon wäre das Bauhaus gezwungen, seinen Saal zu verrammeln.

Ich bin für weitgehende Meinungsfreiheit, ich war das immer. Ich bin dafür, dass es ein Recht auf die ungehinderte Verbreitung von politischem Unsinn sowie schlechter Kunst gibt, womit Feine Sahne Fischfilet gleich doppelt unter Schutz stünde. Ich bin sogar dafür, dass Menschen zweifelhafte Witze machen dürfen. Das Aussterben des Polenwitzes seit dem TV-Abgang von Harald Schmidt empfinde ich als Verlust. Wer traut sich denn heute noch, sich über andere Volksgruppen lustig zu machen? Die einzige Grenze, die ich akzeptiere, ist die, die das Gesetz zieht.

Meinungsfreiheit heißt nicht, dass jeder überall auftreten können muss - um diesem Missverständnis gleich entgegenzutreten. Ein privater Veranstalter ist frei, sich die Leute auszusuchen, die ihm passend erscheinen. Auch politische Erwägungen müssen eine Rolle spielen dürfen.

Wenn ich eine Demonstration gegen Hass zu organisieren hätte, würde ich zum Beispiel dafür Sorge tragen, dass nicht Gruppen mitlaufen, die Politiker wie Angela Merkel und Horst Seehofer als "Schweine" bezeichnen oder von der Bühne eine Vernichtung Israels herbeiwünschen. Problematisch wird es, wenn Veranstalter unter Druck gesetzt werden, bereits gemachte Zusagen zurückzuziehen. Das ist der Punkt, wo die Freiheit endet.

Anzeige
Fleischhauer, Jan

Unter Linken: Von einem, der aus Versehen konservativ wurde

Verlag: Rowohlt
Seitenzahl: 384
Für 12,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

01.12.2022 20.35 Uhr

Keine Gewähr

Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Bevor jetzt alle Freunde links der Mitte sagen: "Was ist bloß in den Fleischhauer gefahren? 100 Prozent Zustimmung. Das mit der Absage der Bauhaus-Stiftung ist wirklich unmöglich", ein Wort der Warnung. Freiheit ist unteilbar. Das heißt, man kann sie nicht nach Opportunität gewähren. Das wäre dann nämlich keine Meinungsfreiheit mehr, sondern Meinungsfreiheitszuteilung.

In dem Zusammenhang deshalb der Hinweis auf eine Geschichte, die vergleichsweise klein wirkt, aber ebenfalls nicht unbedeutend ist. Ein Bekannter von mir, der "Focus"-Redakteur Alexander Wendt, hat in diesen Tagen ein Buch vorgelegt, in dem er für eine andere Drogenpolitik plädiert. Es heißt "Kristall" und will dem "Microdosing" einen Weg bahnen. So heißt der aus den USA importierte Trend, sich so geringe Mengen harter Drogen zuzuführen, dass nur die positiven Effekte übrig bleiben. Ich habe einen Blick hineingeworfen, das Buch liest sich gut. Ich bin allerdings extrem skeptisch, was die These angeht. Mir scheint das ein Projekt, das eher zu den Grünen passt.

Das Buch sollte in einer bekannten Buchhandlung in Berlin-Mitte vorgestellt werden. Die Einladungen waren schon versandt, da erreichte den Autor die Nachricht, dass man von der Buchpremiere leider zurücktreten müsse. Man sei darauf aufmerksam gemacht worden, dass er, Wendt, einer der Initiatoren der "Erklärung 2018" sei. Für alle, die das nicht mehr in Erinnerung haben: Das war der Aufruf, mit dem eine Reihe von Intellektuellen im März eine Unterschriftenaktion gegen die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin lancierte.

Auch hier gilt: Not my cup of tea. Weder fühle ich mich von Flüchtlingen bedroht, noch glaube ich an die Unterschriftenliste als politisches Mittel. Was mich hingegen besorgt, ist die Eilfertigkeit, mit der einem Autor ein vereinbarter Auftritt aufgekündigt wird.

Das Ganze wiederholte sich, als die Agentur, die Wendt betreut, einen Ausweichort gefunden hatte. Dieses Mal dauerte es nur ein paar Tage, bis die Veranstaltung gecancelt wurde. Es ist nicht klar, ob es Druck von außen gab, aber das liegt nahe. Buchhändler ist ein Beruf nahe am Existenzminimum, da kann man es sich nicht mit seinem Publikum verscherzen.

Die Berliner Buchhandlung Topics musste vor einem Jahr ihre Türen schießen, weil die Betreiber es gewagt hatten, eine Lesung zu einem Vordenker der Alt-Right-Bewegung zu organisieren. Das reichte einem Teil der Szene, um so lange gegen den Laden zu mobilisieren, bis er in die Insolvenz getrieben war.

Beide Vorgänge, der in Dessau und der in Berlin, zeigen aus meiner Sicht, was für ein empfindliches Gut die Meinungsfreiheit ist. Und dass die Feigheit der erste Schritt auf dem Weg in die Unfreiheit ist.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.