Große Koalition Merkels Sonnendeck, Gabriels Maschinenraum

Die SPD hat geschworen: Nie mehr wird sie als Juniorpartner die Drecksarbeit in einer Großen Koalition erledigen. Aber ist es jetzt anders? Die Kanzlerin wird auf dem EU-Ostgipfel umschwärmt. Ihr neuer Partner Gabriel muss in Hessens Provinz bei der Basis für Unterstützung rackern.

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Sie haben im Innenhof des "Palais des Großfürsten" in Litauens Hauptstadt Vilnius nicht einfach einen roten Teppich verlegt, sie haben diesen auch bis zuletzt gezupft und gesaugt. Nun leuchtet er wie für eine Filmpremiere. Fotografen und Kameraleute warten in gebührendem Abstand zum Teppich, ferngehalten durch Kordeln, es sieht aus wie bei den Oscars, und ein Star hat sich ja auch angekündigt zu diesem "EU and Eastern Partnership Summit", der politische Star Europas: Angela Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin.

Ihre Limousine chauffiert sie am Donnerstagabend direkt vom Flughafen zum Palais-Teppich, an dessen Ende wartet ein mehrgängiges Galadinner, Glückwunsche gibt es als Vorspeise. Mehrere Regierungschefs - versammelt, um bessere EU-Kooperation mit östlichen Ländern wie der Ukraine, Georgien oder Moldau zu beraten - gratulieren der geschäftsführenden Bundeskanzlerin, als ob sie schon wieder vereidigt sei. Dann erklärt Merkel jedes Mal geduldig, die Basis der Sozialdemokraten müsse ja dem Koalitionsvertrag noch zustimmen, man wisse schon.

Das weiß keiner so genau wie Sigmar Gabriel, möglicher Vizekanzler in einer Großen Koalition. Ein Mann, der zur Überraschung vieler trotz des bescheidenen Abschneidens der SPD mit Merkel auf Augenhöhe verhandelte - und sich dabei vom Spruch des Ex-SPD-Generalsekretärs Hubertus Heil leiten ließ, der während der ersten Großen Koalition unter Merkels Führung rief: "Es darf nicht so sein, dass die CDU winkend auf dem Sonnendeck steht und die SPD im Maschinenraum die Arbeit macht und schwitzt."

SPD-Genossen motzen über den Koalitionsvertrag

Während Merkel durch Vilnius stolziert, schwitzt auch Gabriel nicht. Aber nur weil es ziemlich zieht in der Stadthalle von Hofheim, knapp 40.000 Einwohner, 19 Kilometer vor Frankfurt am Main. Doch arbeiten muss er, rackern gar. Der Chefgenosse will jene Genossen überzeugen, denen der Koalitionsvertrag vor allem Kopfschmerzen bereitet. Zu essen gibt es nichts außer ein paar Brezeln und Würstchen, dafür sind jede Menge Kamerateams da - aber die halten vor allem Ausschau nach SPD-Kritikern einer Großen Koalition. Die Suche fällt leicht: Direkt vor dem Tagungssaal schwenken hessische Jungsozialisten Schilder. "Nein zu Schwarz-Rot", steht darauf. Darunter ist ein riesiger schwarzer Fisch gemalt, der ein rotes Fischchen verspeist.

Gabriel in Hofheim: Rackern für das Votum der Basis
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Gabriel in Hofheim: Rackern für das Votum der Basis

Die Stadthalle, für rund 800 Leute ausgelegt, platzt aus allen Nähten, aber offenbar nicht in erster Linie, weil so viele den Parteichef sehen wollen. Sondern weil so viele motzen möchten. Den "Ausverkauf der sozialdemokratischen Seele" beklagt ein Genosse am Saalmikro. Ein anderer moniert, dass jeder, der sich gegen eine Große Koalition ausspreche, wohl ein "Vaterlandsverräter" sei. Ein älteres Parteimitglied verkündet: "Ich stimme mit Nein, weil ich das Verbrechen, den Mindestlohn um ein Jahr zu verschieben, nicht mittragen kann." Gabriel hört mit ernster Miene zu.

Merkel redet lieber. Als Europas Regierungschefs über die Weigerung des ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch beraten, bei diesem Ostgipfel ein lange geplantes Partnerschaftsabkommen mit der EU zu unterzeichnen, ist sie die Wortführerin. Irgendwann müsse sich ein Bräutigam schon zur Hochzeit entscheiden, heißt es später. Der Vergleich passt auch daheim: Merkel will ja nicht, dass Bräutigam Gabriel ihr abspenstig wird.

Doch Gabriel kann wenigstens niemand vorhalten, dass er sich nicht traut. Er hat gar Trauzeugen nach Hofheim mitgebracht. Leute wie IG Metall-Bezirksleiter Armin Schild, der das Publikum warnt: "Jede Stimme gegen die Große Koalition ist eine Stimme gegen den Mindestlohn von 8,50 Euro." Oder den Genossen Albert Schäfer, der erinnert: "In der Opposition kriegen wir gar nichts."

"Lassen Sie uns diesen Quatsch beenden"

Aber kämpfen muss Gabriel letztlich allein. "Fortschritt vollzieht sich in Schritten und nicht auf einmal", ruft er. "Alle unsere Freunde in Europa bitten uns darum, in diese Koalition zu gehen."

Dreieinhalb Stunden ringt der Parteiboss mit seinen Genossen. Auch das ZDF muss warten. Und als Moderatorin Marietta Slomka ihn endlich im "heute journal" befragen darf, verhört sie Gabriel so lange zur Rechtmäßigkeit des SPD-Mitgliederentscheids, bis es aus diesem herausbricht: "Lassen Sie uns diesen Quatsch beenden."

Merkel hingegen wirkt ganz gelassen. Mitgereiste deutsche Journalisten, die zur Innenpolitik nachhaken, moderiert sie sanft ab, sie schreitet wenige Schritte hoch in den zweiten Stock des Kempinski-Hotels, dort wartet ihre Suite.

Gabriel muss noch nach Hause, von Hofheim nach Goslar sind es 317 Kilometer, es ist fast Mitternacht. Der SPD-Chef fährt Auto.

insgesamt 99 Beiträge
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Seite 1
captnali 29.11.2013
1. Hat die SPD
nichts gelernt aus der ersten Vereinigung? Vergessen wie Madame dann mit der FDP umging? Hoffentlich sagt die Parteibasis nö zu Madame Egoista hoch drei no!
Alfred Ahrens 29.11.2013
2. Gabriel wird die Zeche bezahlen,
die SPD wird weitere Stimmen verlieren, die Wähler lassen das nicht mit sich machen...
Misi 29.11.2013
3. Provinz?
Hofheim Provinz? Bitte nochmal die Lage von Hofheim im Rhein-Main-Gebiet ansehen. Zentraler als Hofheim geht gar nicht.
lostjedi 29.11.2013
4. optional
Wenn man einen Ort, der mitten im Herzen des Rhein-Main-Gebietes liegt, als "hessische Provinz" bezeichnet, frage ich mich, was dann etwas wie Alsfeld wäre... ;)
sitiwati 29.11.2013
5. das hat
Zitat von sysopDPADie SPD hat geschworen: Nie mehr als Juniorpartner die Drecksarbeit in einer Großen Koalition erledigen. Aber ist es jetzt anders? Die Kanzlerin wird auf dem EU-Ostgipfel umschwärmt. Ihr neuer Partner Gabriel muss in Hessens Provinz bei der Basis für Unterstützung rackern. Merkel auf dem EU-Gipfel in Vilnius und Gabriel bei der SPD in Hofheim - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/merkel-auf-dem-eu-gipfel-in-vilnius-und-gabriel-bei-der-spd-in-hofheim-a-936272.html)
Gabriel mit seiner SPD vergessen-Frau Merkel eine ausgepuffte Spezialisten in Propaganda und Agitation, ich denke, die Roten werden es noch bitter bereuen, sich wieder mit ihr zusammengetan zu haben-aber eben die Gier nach Macht-in Hessen gibts den nächsten Elfmeter-wenn Schwarz/grün kommt, naja, in der SPD Spitze sind eigentlich nur Verlierer, die habens halt noch nicht gemerkt!
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