Kanzlerin im Google-Hangout "Die Technik soll sich mal bemühen"

Abhängen mit der Kanzlerin: Im Video-Chat von Google diskutiert Angela Merkel mit ausgewählten Bürgern über Integration. Ein Online-Abenteuer ohne jedes Risiko - wenn da nicht die Technik wäre.
Kanzlerin Merkel beim Hangout: "Scharf drauf, was von Ihnen zu hören"

Kanzlerin Merkel beim Hangout: "Scharf drauf, was von Ihnen zu hören"

Foto: Pool/ Getty Images

Berlin - Als Ismail Öner auch beim zweiten Versuch stumm bleibt, macht die Bundeskanzlerin Druck. "Ich bin sehr scharf drauf, was von Ihnen zu hören", sagt Angela Merkel. "Die Technik sollte sich jetzt mal ein bisschen bemühen. Haben Sie das Mikro eingeschaltet, irgendwo ein roter Knopf vielleicht?" Ismail Öner sitzt vor eingerahmten Hertha-BSC-Berlin-Fußballtrikots und schaut ratlos und ein bisschen enttäuscht in die Kamera.

Ja, die Tücken der Technik. Zum ersten Mal wagt sich die Bundeskanzlerin in einen Video-Chat, und so ganz reibungslos klappt es nicht mit der virtuellen Konferenz im sogenannten Google Hangout. Das ist aber auch schon das größte Risiko, das Merkel bei ihrem kleinen Experiment am Freitagnachmittag eingeht. Mit sechs Bürgern diskutiert sie eine Stunde lang online über Integrationspolitik, live übertragen im Internet. Die Gesprächsteilnehmer sind natürlich vorher sorgfältig ausgewählt, genauso wie die Fragen, die vorher an die Bundesregierung gemailt werden konnten. Es gibt keine störenden Journalisten, Überraschungen sind ausgeschlossen. Spannender macht das die ganze Veranstaltung nicht, da kann das Format noch so innovativ sein.

Immerhin, auch wenn es manchmal verdächtig knarzt, die Leitung zu den anderen Teilnehmern steht, und alle bedanken sich artig, dass sie dabei sein dürfen: Hani Al-Mohamed ist Deutscher mit syrisch-libanesischen Wurzeln und Stipendiat der Studienstiftung; Nina Aleric arbeitet an einer Gemeinschaftsschule in Mannheim für eine Bildungsinitiative; die Sozialpädagogin Janine Molitor-Kasonde berät Zuwanderer im Raum Wiesbaden; die Unternehmerin Sigrid Nahs aus Bremervörde unterstützt Migranten bei der Ausbildungs- und Arbeitsplatzsuche; Pratheepan Santhiralingam ist Polizist und Einstellungsberater bei der Polizei Hannover, er sitzt in Uniform vor der Webcam.

PR für Google?

Es geht um Vorurteile gegen Ausländer, um Leitkultur, Berufszugänge, Bürokratie und Zuwanderung in die Sozialsysteme. Keine wirklich neuen Problemfelder also - und keine größeren Herausforderungen für die Kanzlerin. Im roten Blazer sitzt Merkel vor einem etwas tristen Hintergrund und betont, wie wichtig die deutsche Sprache bei der Integration ist, sie darf das Bildungspaket und die Kita-Förderung ihrer Regierung loben und schöne Sätze sagen wie: "Jeder Mensch muss einzeln betrachtet werden." Und wenn ein Fragesteller klagt, dass die Bewilligung von Deutschkursen für Migranten viel zu lange dauere, verspricht sie, "nochmal mit der Bundesagentur für Arbeit und der Arbeitsministerin zu sprechen, ob wir daran was ändern können".

Ein "richtiges Bürgergespräch", wie Merkels Regierungssprecher zuvor versprochen hat, kommt so nicht zustande. Es geht wohl auch eher darum, sich modern zu geben und das Format einmal auszuprobieren, so wie es vor der Kanzlerin etwa auch schon Barack Obama getan hat. "Fireside Hangout" nannte der US-Präsident seinen Video-Chat - in Anlehnung an die Tradition der Kamingespräche - oder "Fireside Chats" - des früheren Präsidenten Franklin D. Roosevelt in den dreißiger und vierziger Jahren.

Doch während sich die deutsche Regierungschefin bei ihren Ausflügen in die digitale Welt zwar ehrlich bemüht, aber doch immer etwas hölzern wirkt, schaffen es Obamas Online-Strategen meist, den Präsidenten im Netz tatsächlich spontan und authentisch rüberkommen zu lassen. So tauchte Obama im Herbst vergangenen Jahres ohne Vorankündigung im Internet-Forum Reddit auf ("Hi, ich bin Barack"). Für eine halbe Stunde plauderte er in einem sogenannten "Ask me Anything" ("Frag mich alles") über Biersorten und Basketballteams.

Der Auftritt steigerte nicht nur Obamas Coolness-Faktor, sondern auch den Bekanntheitsgrad des textlastigen Nerd-Tummelplatzes. Für Reddit war der Blitzbesuch des US-Präsidenten ein PR-Coup. Ähnliches dürfte sich Google vom Auftritt der Kanzlerin erhoffen, um das hauseigene, ziemlich verwaiste Netzwerk Google+ zu bewerben. Ob das mit dieser Veranstaltung am späten Freitagnachmittag gelingt, ist allerdings fraglich.

Wenigstens die Technik spielt am Ende doch noch mit. Nach einem Neustart seines Rechners ist der Berliner Jugendsozialarbeiter Ismail Öner schließlich doch noch zu hören und kann von seinen Sportprojekten erzählen, mit denen er Jugendliche von der Straße holt. Die Kanzlerin freut's, sie lobt das Engagement der Gesprächsteilnehmer. Dann winkt sie zum Abschied in die Kamera: "Tschüss und schönen Dank!"

Mitarbeit: Annett Meiritz/Mit Material von dpa