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17. Juni 2014, 15:28 Uhr

Merkel und Co. bei der WM

Der Reiz der Umkleidekabine

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Angela Merkel besucht die DFB-Elf, Irans Präsident Rohani lässt sich im Wohnzimmer ablichten, Joe Biden feiert mit dem US-Team: Spitzenpolitiker nutzen die WM geschickt zur Inszenierung. Aber muss man sich deshalb gleich aufregen?

Berlin - Am Sonntag ist Angela Merkel mit ein paar Kollegen aus dem Bundestag in den Regierungsflieger gestiegen. Die Kanzlerin hat einmal den Atlantik überquert, um in Brasilien mal kurz beim Eröffnungsspiel der Nationalmannschaft vorbeizuschauen. Nebenbei ist noch dieses hübsche Kabinenfoto herausgesprungen, das ihre Leute sogleich im Internet verbreiteten. Am Dienstagmorgen war Merkel wieder zurück in Berlin.

Welch ein Trip.

Politiker und die WM - das ist ein durchaus spezielles Thema. Ob Präsidenten oder Kanzler, schon immer haben sich die Staatenlenker bei wichtigen Turnieren gerne als große Fußballfans inszeniert. In diesem Jahr jedoch scheinen besonders viele Mächtige die Weltmeisterschaft für sich entdeckt zu haben. Merkel schaut bei der DFB-Elf vorbei. Irans Präsident Hassan Rohani zeigt sich, sehr weltlich, im Trainingsanzug vor dem heimischen Fernsehgerät. Joe Biden erscheint zur Siegesfeier des US-Teams. Es sind nur drei Beispiele von vielen.

Natürlich: In Zeiten, in denen die Politik immer größere Schwierigkeiten hat, die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen, ist so ein Fußballturnier eine vielversprechender Bühne. Mit verhältnismäßig geringem Aufwand können die Staatenlenker sich mit ihren Sporthelden verbrüdern, und darauf hoffen, dass ein wenig Glanz auf sie abfällt. Wir sitzen alle in einem Sportboot - so die Botschaft jener Bilder, die quasi in Echtzeit über die modernen Kanäle gejagt werden.

Es sind teilweise lustige Dinge zu beobachten

Man kann sich darüber aufregen. Man könnte zum Beispiel fragen, was so eine 48-Stunden-Rundreise, wie Merkel sie unternommen hat, den Steuerzahler eigentlich kostet. Oder ob sie und ihre Kollegen nicht wichtigere Dinge hätten tun können, als sich bei den Kickern anzubiedern. Oder was die Fußballverbände sich davon versprechen, mit den Mächtigen zu kuscheln.

Man kann es aber auch alles etwas entspannter sehen. Natürlich sind solche WM-Szenen immer auch Werbung in eigener Sache. Aber immerhin hat der Zuschauer eine Gelegenheit, die Politiker mal außerhalb ihrer herkömmlichen Umgebung zu beobachten. Nicht beim EU-Gipfel oder beim Truppenbesuch, sondern auf der Stadiontribüne oder in der Kabine. Für einen Moment bewegen sich Merkel und Co. in einer ihnen weitgehend unbekannten Sphäre. Die Regeln bestimmen mal andere.

Es sind dann teilweise auch lustige Dinge zu beobachten. Wenn die Mächtigen auf ihren Sitzen jubeln, übt das zum Beispiel immer einen besonderen Reiz aus, was auch daran liegen mag, dass das Jubeln eine Disziplin ist, die der Politik im Allgemeinen eher fremd ist. Zwei Sorten Mensch, der Fan und der Politprofi, fließen dann für einen Moment ineinander und ergeben eine durchaus ulkige Kreation. Nicht zuletzt die jubelnde Merkel verströmt im Stadion einen ganz eigenen Charme.

Wie Kohl sich 1986 in Szene zu setzen versuchte

Ob die Spitzenpolitiker dabei authentisch wirken oder nicht, kann letztlich jeder für sich selbst beurteilen. Es geht ja auch hin und wieder mal schief. Helmut Kohl war zum Beispiel 1986 beim WM-Finale in Mexiko-Stadt. Deutschland verlor gegen Argentinien. Nachher war die Stimmung schlecht. Außer beim Kanzler.

Der große SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann beschrieb damals in einer wunderbaren Glosse, wie Kohl sich mit den leidenden Spielern zu verbrüdern versuchte.

"Ob Briegel, Augenthaler oder der sich zierende Magath, der mit einer eleganten Körpertäuschung wenigstens andeutet, daß er politisch die Nähe zum Kanzler scheut und eigentlich aus der Kernkraft aussteigen will - sie alle müssen sich in dieser entscheidenden dritten Halbzeit auf der Ehrentribüne der überlegenen Physis der alles überrollenden Regierungswalz aus der Pfalz beugen", schrieb Leinemann. "Wenig Schwierigkeiten hat der aus der Tiefe des deutschen Raums über den rechten Flügel herangebrauste Kanzler auch mit dem an diesem Tag besonders reaktionsschwachen Torhüter Toni Schumacher. Wie schon beim ersten Tor der Argentinier verschätzt der sich bei der Berechnung der gegnerischen Attacke und landet in den fest zugreifenden Armen des ehemaligen Ludwigshafener Jugendliberos, der ihn gnadenlos abschmatzt."

Die Spieler, so der Subtext Leinemanns, hatten nach ihrer Niederlage auf alle gewartet. Nur nicht auf den Kanzler.

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