Merkel nach dem Skiunfall Kanzler weinen nicht, die Kanzlerin erst recht nicht

Angela Merkel auf Krücken: ein Bild, an das sich die Republik erst gewöhnen muss. Denn die Regierungschefin zeigt nur ungern Schwäche - schon gar nicht zum Start der Großen Koalition. Da verhält sie sich ganz wie ihre Vorgänger.

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Berlin - Für den Kanzleramtschef Peter Altmaier war es ein ungewöhnlicher Neujahrsbeginn. Eigentlich hätte seine Chefin die Sternensinger begrüßen sollen. Angela Merkel hat es so Jahr für Jahr im Kanzleramt gehalten. Doch dann kam ihr Skiunfall. Und so war Altmaier gefragt, den ersten Teil des öffentlichen Termins zu absolvieren.

Zur Gruppe der singenden Kinder kam die Kanzlerin erst später - auf Krücken. Es ist ein seltener Anblick. Bis auf wenige Auszeiten wegen Erkältungen war Merkel immer auf ihrem Posten, auch als sie 2011 eine Operation am Knie hatte, erschien sie auf Krücken im Kanzleramt.

Gesundheitsprobleme? Vielleicht plagt sich die Kanzlerin damit wie jeder Mensch - groß gesprochen wurde darüber öffentlich nicht. Kanzler vor ihr haben es auch so gehalten, ihre Krankheiten und Blessuren verschwiegen oder kleingeredet. Frei nach dem Motto, das früher für Jungen galt: Wer Kanzler ist, weint nicht!

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Merkel nach dem Skiunfall: Auftritt mit Krücken
Es ist ja auch so: Wer dort oben angelangt ist, wo die Luft bekanntlich dünn ist, herrscht allein schon durch seine Anwesenheit. Manager tun es, überhaupt fast jeder, der in zeitraubenden, kräftezehrenden Führungspositionen arbeitet. Wer länger fehlt, glaubt, die Kontrolle über den Apparat zu verlieren.

Riesenpensum zehrt an der Regierungschefin

Im Falle einer Kanzlerin und Parteivorsitzenden heißt das: Kabinettssitzungen, Koalitionsrunden, Parteitage und Klausuren, Fraktionssitzungen, internationale Zusammenkünfte, diplomatische Reisen. Drei Wochen will sie sich nun schonen. Politik schläft nicht, vor allem nicht im sich ewig erneuernden Kampf um Macht und Einfluss. Im Mai sind Europawahlen, eine wichtige Etappe für alle Parteien, vor allem für die Kanzler-CDU.

Merkel soll sich eigentlich zurücknehmen, auf Anraten der Ärzte. Gleich mehrmals war sie im Winterurlaub im schweizerischen Engadin zwischen Weihnachten und Silvester beim Langlauf unglücklich gestürzt, da die Loipen stark vereist und schwierig zu befahren waren. Erst als es nach der Rückkehr in die Hauptstadt Ende Dezember mit den Schmerzen nicht besser wurde, suchte sie am vergangenen Freitag spontan einen Spezialisten der Berliner Universitätsklinik Charité auf. Der diagnostizierte per Röntgenaufnahme einen leichten Bruch im linken hinteren Beckenring.

Manche Termine hat sie verschoben, aber am Mittwochvormittag nimmt sie an der ersten Kabinettssitzung des neuen Jahres teil. Merkel demonstriert damit: Ich bin da, trotz der Schmerzen. Ich habe alles im Griff. Das Amt ihrem Vize Sigmar Gabriel für die erste Kabinettssitzung zu überlassen, wie es möglich gewesen wäre, das wollte sie offenbar nicht. Politik lebt auch von Symbolen - ihren Platz zum Start der Großen Koalition vom SPD-Chef eingenommen, ein solches Bild wollte sie offenkundig vermeiden.

Von Brandt bis Kohl

Merkels Vorgänger ließen ihre Schwächen lieber gleich ganz im Dunkeln. Willy Brandt pflegte seine Erschöpfungszustände, die manche in seiner Umgebung als Depressionen interpretierten, mit Auszeiten zu kurieren. Fern des Kabinetts, getarnt als "fiebrige Erkältung". In solchen Zeiten, besonders zum Schluss, ging es manchmal drunter und drüber - Brandts schwindender Einfluss animierte den Flügel- und Personalstreit in der SPD.

Helmut Schmidt wiederum konnte sich einen Kratzer auf seinem Macher-Image gar nicht leisten. 1981 bekam er einen Herzschrittmacher eingesetzt. Der SPIEGEL schrieb damals über die Geheimhaltungsstrategie der Schmidt-Vertrauten: "Sie fürchten, der Herzschrittmacher könne zum Symbol dafür werden, wie sehr sich Helmut Schmidt in seinem Amt verbraucht habe, wie sehr sein Regierungsbündnis verschlissen sei." Heute ist bekannt: In seiner Amtzeit zwischen 1974 und 1982 wurde Schmidt von seiner Sekretärin und seinem damaligen Regierungssprecher Klaus Bölling mehrmals bewusstlos auf dem Boden seines Büros im Kanzleramt gefunden - bekannt wurde es erst viel später.

Und Helmut Kohl? Als im September 1989 auf dem CDU-Parteitag in Bremen sein Sturz durch Heiner Geißler drohte, kam der Kanzler und Parteichef trotz gewaltiger Schmerzen. An der Seite ein Urologe, den er als einen neuen Mitarbeiter ausgab. Ein Nicht-Erscheinen auf dem Parteitag - undenkbar für Kohl: "Für mich kam das einer Katastrophe gleich." Die dringend notwendige Prostata-Operation erfolgte danach, nach seinem Erfolg auf dem Parteitag.

Merkel muss derzeit nichts fürchten. Sie steht unangefochten da.

Trotzdem ist das Interesse an dem Vorfall in der Schweiz riesig. Unter den Begriffen Merkel und Unfall - beziehungsweise dem entsprechenden Wort in der jeweiligen Fremdsprache - landet man bei Google derzeit auf allen wichtigen Internetseiten des Globus. Wenn die starke Frau des starken Deutschland angeschlagen ist, kommentiert und interessiert das die Welt.

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Die Verletzung der Kanzlerin
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insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
Newspeak 07.01.2014
1. ...
Bis auf wenige Auszeiten wegen Erkältungen war Merkel immer auf ihrem Posten,... ...um was zu tun? Nichts. Und der Bericht ist Hofberichterstattung 2.0 vom allerfeinsten. Hauptsache, es menschelt.
michael.gosch 07.01.2014
2. Weinen??
Alle Banken und Kirchen freuen sich.
inqui 07.01.2014
3. Unsere Bundeskanzlerin
Zitat von sysopAFPAngela Merkel auf Krücken: ein Bild, an das sich die Republik erst gewöhnen muss. Denn die Regierungschefin zeigt nur ungern Schwäche - schon gar nicht zum Start der Großen Koalition. Da verhält sie sich ganz wie ihre Vorgänger. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/merkel-nach-skiunfall-warum-kanzler-keine-schwaeche-zeigen-a-942228.html
ist nicht umsonst so Beliebt und in aller Welt so geachtet. Besitzt sie doch die Tugenden eines deutschen Offiziers. Hart zu sich selber dem deutschen Volke dienend. Wenn sie jetzt noch mal stürzen würde wäre es schlimm.
gog-magog 07.01.2014
4. Die einzige Frage, die sich wirklich stellt, lautet doch:
Zitat von sysopAFPAngela Merkel auf Krücken: ein Bild, an das sich die Republik erst gewöhnen muss. Denn die Regierungschefin zeigt nur ungern Schwäche - schon gar nicht zum Start der Großen Koalition. Da verhält sie sich ganz wie ihre Vorgänger. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/merkel-nach-skiunfall-warum-kanzler-keine-schwaeche-zeigen-a-942228.html
Warum trug die Merkel keinen Helm? Meine Güte, stellen Sie sich vor, sie wäre nicht auf den Hintern, sondern auf den Ömmel geditscht.
prologo1, 07.01.2014
5. Wenn die Amtierende gesund ist, dann.......
Zitat von sysopAFPAngela Merkel auf Krücken: ein Bild, an das sich die Republik erst gewöhnen muss. Denn die Regierungschefin zeigt nur ungern Schwäche - schon gar nicht zum Start der Großen Koalition. Da verhält sie sich ganz wie ihre Vorgänger. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/merkel-nach-skiunfall-warum-kanzler-keine-schwaeche-zeigen-a-942228.html
......dann hört man gar nichts von ihr. Keine Stellungnahme zu irgendwas. Und wenn Merkel krank ist, zerreißt sich ja förmlich für Deutschland. Was ist eigentlich los bei Spon? Was soll uns sonst dieser Artikel sagen? Mir kommen da echt Zweifel, was da noch kommen wird von......
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