Merkel ohne Männer Die Null-Bock-CDU

Der Abgang von Ole von Beust offenbart ein Motivationsproblem in der Union: Die Parteioberen sind vielerorts verbraucht, ein großer Umbruch vollzieht sich. Auf starke Köpfe folgen Nobodys - für Angela Merkel ist das ein Problem. Ein Kommentar von Roland Nelles.

Ole von Beust und Angela Merkel (Archivaufnahme):
ddp

Ole von Beust und Angela Merkel (Archivaufnahme):


In der Politik galt bislang eine eiserne Regel. Das "Mit-den-Füßen-voran-Gesetz". Kanzler, Ministerpräsidenten, Minister, Abgeordnete klammerten sich so sehr an ihre Macht-Jobs, dass es sehr schwer war, sie freiwillig zum Verzicht zu bringen. Meist mussten diese Politiker dann, wie es so schön heißt, aus dem Büro herausgetragen werden. Wahlweise vom Wähler oder von den Parteifreunden. Eben "mit den Füßen voran".

So gesehen ist die Tatsache, dass Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust braungebrannt und entspannt nach dem Sylt-Urlaub seinen Amtsverzicht verkündet, ein Meilenstein in der deutschen Geschichte. Heute wird nicht mehr geklammert. Heute haben Politiker einfach keine Lust mehr. Niemand hat Beust zu diesem Rücktritt gezwungen. Kein Parteifreund, kein Wähler, kein Niemand. Er geht, weil er gehen will. Nach Sylt oder sonst wohin. Die neue Glücksformel lautet: Sansibar statt Sacharbeit.

Beust liegt im Trend: Nach Roland Koch und Horst Köhler ist er der dritte Top-Politiker, der innerhalb von kurzer Zeit Adieu sagt, ohne dass es wirklich notwendig gewesen wäre. Die Generation null Bock ist nun - etwas verspätet - auch in der Union angekommen. Man wartet förmlich darauf, dass die ersten CDU-Aussteiger sich lange Haare wachsen lassen und gemeinsam mit dem VW-Bus nach Pune fahren.

Dienst am Wähler? Dienst am Vaterland? Dienst an der Partei? Diese Kategorien scheinen für Politiker wie Beust oder Horst Köhler nicht mehr zu gelten. In der CDU, jener Partei, die so viel darauf hält, "bürgerlich" zu sein, zeigen Politiker den alten Bürgerwerten Treue und Pflichterfüllung den Stinkefinger. Heute pocht ein Unionspolitiker ganz ungeniert auf sein Recht zur Selbstverwirklichung. Wenn er die in der Politik nicht mehr findet, geht er eben neue Wege.

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Ole von Beust: Hamburgs amtsmüder Bürgermeister

So kehrt in die CDU mit dem Rücktritt Beusts auch ein Stück Ehrlichkeit ein: Früher wurde die Floskel von der "Erfüllung des Wählerauftrags" meist nur von jenen Politikern bemüht, die Gründe suchten, ihren Egotrip zu kaschieren. Helmut Kohl konnte nicht loslassen und verpasste so den richtigen Zeitpunkt, die CDU-Macht an den jüngeren Wolfgang Schäuble zu übergeben. Konrad Adenauer war so verliebt in die Politik, dass er sogar noch versuchte, Bundespräsident zu werden. Offiziell ging es bei diesen CDU-Titanen immer nur um die Pflichterfüllung, in Wahrheit konnten sie einfach nicht loslassen, sahen ihr Lebenswerk bedroht, wenn sie es anderen übergeben würden. Sie waren süchtig nach Macht.

Ole von Beust wäre wohl gerne als Minister nach Berlin gekommen, auch Roland Koch strebte offenbar nach Höherem in der Hauptstadt. Beide durften nicht. Womöglich auch deshalb nicht, weil Angela Merkel dies aus ihrem eigenen Machtkalkül nicht wollte. Das geht so: In Berlin ist sie die Königin, warum soll sie da weitere Möchtegern-Könige dulden?

In der Selbstverwirklichungs-CDU führt dies zu Frust. Einer bestimmten Kategorie von Politikern ist die Landespolitik eben nicht mehr genug. Nach dem achten Hafengeburtstag in Hamburg oder dem zehnten Weinfest im Hessischen wollen sie etwas anderes erleben. Wird ihnen dies nicht in der Politik geboten, gehen sie neue Wege.

Für Angela Merkel ist der Umbruch in Hamburg und in anderen Ländern ein Problem. Natürlich bedeutet jeder Wechsel in einer Landesregierung auch Aufbruch. Aber es gibt vor allem Risiken: Frau Merkel verliert mit Beust einen weiteren erfahrenen, eingeführten Parteimann. Er stand als Chef eines schwarz-grünen Senats für ein neues Koalitionsmodell, für Fortschritt. So wie Roland Koch für den konservativen Flügel der Union als Integrationsfigur wirkte, war Beust ein CDU-Mann der Mitte. Er machte die Partei für neue Wählerschichten attraktiv.

Sein Nachfolger muss sich erst einarbeiten, bekannt werden. Das Gleiche gilt für die vielen anderen Neuen in den Ländern, in denen die CDU in den vergangenen Monaten Wechsel erlebte: in Hessen, in Baden-Württemberg, in Niedersachsen, in Nordrhein-Westfalen, in Thüringen. Überall Nobodys. Sie müssen alle bei den nächsten Landtagswahlen gewählt werden - gegen eine wiedererstarkende SPD. Der CDU drohen saftige Niederlagen.

Null Bock bedeutet für die CDU dann: Null Erfolg.

insgesamt 92 Beiträge
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Henry Klack, 18.07.2010
1. Wer glaubt daran...??
Zitat von sysopDer Abgang von Ole von Beust offenbart ein Motivationsproblem in der Union: Die Parteioberen sind vielerorts verbraucht, ein großer Umbruch vollzieht sich. Auf starke Köpfe folgen Nobodys - für Angela Merkel ist das ein Problem. Ein Kommentar von Roland Nelles. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,707125,00.html
... an den Umbruch? Das kann man schnell vergessen. Für "Verstorbene" werden anschließend die Sargträger auf den Thron gehoben und die Friedhofsdirektorin ist es zufrieden.
Spinatwachtel 18.07.2010
2. Es gibt auch eine Leben
Zitat von sysopDer Abgang von Ole von Beust offenbart ein Motivationsproblem in der Union: Die Parteioberen sind vielerorts verbraucht, ein großer Umbruch vollzieht sich. Auf starke Köpfe folgen Nobodys - für Angela Merkel ist das ein Problem. Ein Kommentar von Roland Nelles. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,707125,00.html
außerhalb der Partei! Und das ist nicht das schlechteste! Jeden Futterneid wegen guter Rente des Herrn v. Beust beiseite lassend, finde ich es richtig, gelassen den "Stinkefinger" zu zeigen, wenn es darum geht, Merkelsche Politik nicht mehr mittragen zu wollen. Ich möchte das auch nicht! Und - die Jungen schreien doch andauernd, dass wir Alten endlich nach Sansibar Sylt oder in die Laube verschwinden sollen, damit sie zeigen, wie man das Rad neu erfindet. Also, lasst doch der Jugend ihren Lauf! Viel Glück Jugend!
haltetdendieb 18.07.2010
3. Und dann noch Franziska Drohsel bei den Genossen....
...Politik ist nur noch ein Nebenfeld. Das, als was es seit Jahrzehnten nun von vielen betrieben wurde. Frau Merkel hat kein Charisma mehr. Nur noch Luschen außer eins zwei, eigentlich nur noch Guttenberg und Schröder und von der Leyen. Die anderen kennt keine Sau mehr! Da ist der Ortsbürgermeister bekannter als unsere "Spitzen"politiker! Das ist nicht die Null-Bock-CDU, das sind die Folgen der Sozialdemokratisierung der CDU und nicht nur Sozialdemokratisierung sondern noch weiter nach links..... Aber dass die CDU die nächsten Landtagswahlen verliert wäre auch ohne den Rücktritt der CDSix passiert!
sic tacuisses 18.07.2010
4. Dass führende Köpfe der CDU zurücktreten
Zitat von sysopDer Abgang von Ole von Beust offenbart ein Motivationsproblem in der Union: Die Parteioberen sind vielerorts verbraucht, ein großer Umbruch vollzieht sich. Auf starke Köpfe folgen Nobodys - für Angela Merkel ist das ein Problem. Ein Kommentar von Roland Nelles. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,707125,00.html
ist nicht ein Problem für FDJ - Anschieh, sondern S I E ist das Problem. Wer schaut denn, wenn er noch alles Tassen im Schrank hat, so lange zu, bis diese Partei sich ebenso selbst demontiert wie es die SPD tat ??
Liberalitärer, 18.07.2010
5. Mitte und Flügel
Zitat von sysopDer Abgang von Ole von Beust offenbart ein Motivationsproblem in der Union: Die Parteioberen sind vielerorts verbraucht, ein großer Umbruch vollzieht sich. Auf starke Köpfe folgen Nobodys - für Angela Merkel ist das ein Problem. Ein Kommentar von Roland Nelles. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,707125,00.html
Um es mal so zu formulieren, auf einer In-Out Liste ist die CDU momentan eben out. Das geht heute eben auch sehr schnell. Und das wittern die eben. Natürlich kann sich das auch sehr schnell wieder ändern. Frau Merkel führt die Partei zu autoritär, versucht sie in einer von ihr verorteten Mitte zu halten (die es nicht gibt) und verärgert die Flügel. Die CDU benötigt eine breite Diskussion und eine inhaltliche Erneuerung. Die Sozen sind längst nicht am Ziel, aber da schon wieder etwas weiter.
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