Merkel-Porträt Die Fremde

Angela Merkel wird als erste Frau ins Bundeskanzleramt einziehen. Ihr Lebensweg weist sie als prinzipienfest und durchsetzungsstark aus, aber auch als schwer durchschaubar. Den Bürgern, die sie regieren soll, ist sie bisher ein wenig unheimlich geblieben.

An ihrem Besuchertisch hat Angela Merkel ihre engsten Vertrauten versammelt: Büroleiterin Beate Baumann und Pressesprecherin Eva Christiansen. Die Stimmung in der Bundesgeschäftsstelle der CDU ist ernst, die Partei macht wegen der Spendenaffäre die größte Krise ihrer Geschichte durch.

Die drei Frauen diskutieren lange, und je länger sie reden, umso entschlossener werden sie. Sie entwickeln einen Plan, der sie selbst erschreckt. Sie fühlen sich ein bisschen wie Gangster, die den Tresor der Bank of England knacken wollen: Es ist Wahnsinn, aber sie werden es versuchen.

Helmut Kohl hat wenige Wochen zuvor den Ehrenvorsitz der Partei niederlegen müssen. Wolfgang Schäuble hat gerade wegen einer 100.000-Mark-Spende des Waffenlobbyisten Karlheinz Schreiber seinen Rückzug vom Fraktionsvorsitz verkündet. Bald, das steht fest, wird er auch sein Amt als Parteichef abgeben.

Angela Merkel ist seit 15 Monaten CDU-Generalsekretärin, und sie sieht eine einmalige Chance: Sie kann Parteichefin werden und vielleicht mehr. In der Frauenrunde fällt Mitte Februar 2000 zum ersten Mal das Wort "Bundeskanzlerin". Eine CDU-Vorsitzende müsse sich auch das Amt der Kanzlerin zutrauen, sagt Merkel. Sie traut es sich zu.

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Angela Merkel: Zwölf Fotos aus zwölf Jahren

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Fünfeinhalb Jahre später hat sie ihr Ziel fast erreicht: Sie wird Gerhard Schröder als Bundeskanzler ablösen. Den 36 Jahren konservativer Regentschaft seit 1949 kann sie, wenn sie Erfolg hat, nun weitere hinzufügen.

Merkel wird in vielerlei Hinsicht der ungewöhnlichste Regierungschef sein, den das Land bis dahin hatte: Die promovierte Physikerin ist die erste Frau in diesem Amt, und sie hat den größten Teil ihres Lebens in der DDR verbracht. Sie bringt die Erfahrungswelt der Ostdeutschen mit. Sie wird das Land stärker verändern als die meisten ihrer Vorgänger. Auch deshalb hat sie ein Ergebnis erzielt, das weitaus schlechter ausfiel als alle Prognosen.

Merkel hat es den Bürgern nicht leicht gemacht, sie zu wählen, weder politisch noch persönlich. Das öffentliche Bild von ihr haben vor allem die Gegner gezeichnet. Dabei könnte Merkel ihr Leben als Heldenepos erzählen: die Außenseiterin aus dem Osten, deren Aufstieg gegen jede Wahrscheinlichkeit erfolgte, schließlich die Aussicht auf den Gipfel. Daraus ließe sich etwas machen.

Sie hat es nie versucht, sie ist keine Geschichtenerzählerin. Geht es um ihr Leben, ist sie zurückhaltend, fast scheu. Ihre Widersacher in der Partei hatten es leicht, eine andere Geschichte zu verbreiten. Sie handelt von einer kalten Opportunistin, die sich skrupellos nach oben geboxt hat ohne emotionale Bindung an die Partei.

Am 18. Februar 2000 findet die erste von insgesamt sieben Regionalkonferenzen der CDU im niedersächsischen Wolfenbüttel statt. Trotz des Gedränges ist es merkwürdig still. Die Angst hält die Leute im Klammergriff. So schlimm stand es um die CDU noch nie. Angela Merkel hat eine Viertelstunde geredet, als die Stimmung sich zu drehen beginnt. Die Zuhörer klatschen, sie lächeln. Merkels ungelenker Redestil grenzt sie vom Partei-Establishment ab. Auf einmal scheint ein Neuanfang möglich.

Merkels Umgang mit politischen Weggefährten beweist, wie gut sie gelernt hat - wer ihr nicht mehr nützt, wird fallen gelassen.

Wenn die konservativen Unionsabgeordneten in ihren Berliner Stammkneipen über Merkels Aufstieg rätseln, dann haben sie eine simple Erklärung: Es war Glück, sagen sie, dass Kohl 1990 eine ostdeutsche Quotenfrau fürs Kabinett suchte. Es war Glück, dass die Spendenaffäre die Unionsspitze verschlang. Es war Glück, dass Schröder Neuwahlen ausrief und Merkel den Weg zur Kanzlerkandidatur ebnete. Auf diese Weise lässt sich am bequemsten erklären, was der Traditionsflügel der Partei noch immer nicht begreifen mag. Doch bei allem Glück waren es vor allem Merkels ausgeprägter Machtinstinkt und ihre Fähigkeit, eine Chance zu erkennen, die sie nach oben bugsierte.

Die Begeisterung der Parteibasis auf den Regionalkonferenzen hat alle Widerstände der Funktionäre hinweggefegt und Merkel an die Parteispitze getragen. Dass es diese Basisversammlungen überhaupt gab, war ihr Verdienst. Sie hat sie erfunden.

Dieses Muster zeigt sich bei all ihren Karrieresprüngen: Sie hatte Glück, aber sie war auch tüchtig. Helmut Kohl war nur deshalb auf Merkel aufmerksam geworden, weil sie selbst einen Parteifreund gedrängt hatte, sie dem Kanzler vorzustellen. Als Umweltministerin löste sie sich von ihrem Förderer Kohl, weil sie spürte, dass er die CDU in die Niederlage führen würde. Sie opponierte nicht offen, aber sie ging intern auf Distanz. Sie wollte nicht länger als Kohls Geschöpf gelten. Auch deshalb machte der neue Parteichef Wolfgang Schäuble sie nach dem Machtwechsel 1998 zur Generalsekretärin.

Selbst ihre bis dahin größte Niederlage, die Kanzlerkandidatur von Edmund Stoiber im Jahr 2002, verwandelte sie in einen kleinen Sieg. Beim Frühstück in Wolfratshausen trug sie Stoiber die Kandidatur an - sie wäre sonst von ihrem eigenen Parteipräsidium gestürzt worden.

Ihre parteiinternen Gegner haben lange gebraucht, um zu erkennen, wie gefährlich Merkel ist. Sie sahen in ihr zunächst nur die fleißige Ministerin, erst für Frauen und Jugend, dann für Umwelt, die ordentlich für ihr Ressort kämpfte, ohne weiter aufzufallen. Sie erkannten den Ehrgeiz nicht, der in ihr loderte. Merkels Umgang mit politischen Weggefährten und Widersachern beweist, wie gut sie gelernt hat. Wer ihr nicht mehr nützt, wird fallen gelassen. Wer stört, muss weichen.

Am 22. Dezember 1999 veröffentlichte Merkel ihren berühmten Artikel in der "Frankfurter Allgemeinen". Die Partei müsse lernen, ohne das "alte Schlachtross" Kohl "eigene Wege zu gehen", schrieb sie.

Der damalige Parteichef Wolfgang Schäuble wusste davon nichts. Merkel aber wusste, dass Schäuble Schreibers 100.000-Mark-Spende verschwiegen hatte und dies bekannt werden würde. Kohl und Schäuble stürzten, Merkel stieg auf.

Dem Erzrivalen Friedrich Merz entriss sie nach der verlorenen Bundestagswahl im September 2002 den Fraktionsvorsitz. Voriges Jahr setzte sie Horst Köhler als Bundespräsidenten durch und demütigte damit die Altherrenriege der Union.

Ihr klügster Widersacher, der hessische Ministerpräsident Roland Koch, attestiert Merkel im kleinen Kreis "ausgeprägten Machtwillen und die Fähigkeiten, Macht zu erringen und zu halten". Das seien die wichtigsten Eigenschaften, die ein Kanzler benötige. Doch für viele in der Partei bleibt ein Beigeschmack. Ihnen ist die Entschlossenheit, mit der sie sich ihrer Gegner entledigt hat, unheimlich. Sie fordert Loyalität, aber bislang hat sie nicht bewiesen, dass sie in einer Krise selbst loyal ist.

Im April 2004 reist Merkel in die slowakische Hauptstadt Bratislava. Seit zwei Jahren gibt es dort eine konservativ-liberale Regierung, die das Land umgekrempelt hat: Der Arbeitsmarkt ist flexibilisiert, das Pensionssystem vom Umlage- ins Kapitaldeckungsverfahren überführt, es gibt einen einheitlichen Steuersatz von 19 Prozent. Im örtlichen VW-Werk sagt man ihr, dass die Produktivität höher sei als in Deutschland.

Die Slowakei erscheint Merkel wie ein Musterland ihrer Reformträume. "In Deutschland wird mit Vorliebe über die Risiken gestritten, nicht über die Chancen", seufzt sie bei einem Vortrag. Nach einem Gespräch mit dem slowakischen Finanzminister Ivan Miklos sagt sie nur halb im Scherz: "Der ist ja noch radikaler als ich."

Merkels Weltbild speist sich aus den Erfahrungen in der kommunistischen Diktatur, nicht im westdeutschen Wirtschaftswunder. Sie schaut anders auf das Land als viele ihrer Zeitgenossen. Im Westen ist sie deshalb vielen fremd geblieben.

Ihr bröckeliges Wohnquartier im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, der Anblick der Mauer, die jämmerliche technische Ausstattung ihres Büros in der Akademie der Wissenschaften machten Merkel klar, dass der Sozialismus nicht funktionieren konnte. Nicht als wärmende Decke empfand sie die fürsorgliche DDR-Diktatur, sondern als Umklammerung.

Die Christdemokratin skizziert eine andere Republik - dynamischer und schneller, aber auch kälter und härter.

Den Sozialstaat in seiner heutigen Form empfindet Merkel als Korsett, das den Menschen die Luft zum Atmen nimmt. Für die meisten Parteifreunde, die in der bundesdeutschen Nachkriegszeit aufgewachsen sind, gehört er zur politischen Identität. Das war etwas, worauf man als Deutscher stolz sein konnte, als es wenig Grund zum Stolz gab. Zwischen Merkel und den Westdeutschen gibt es einen emotionalen Graben. Das zeigt auch das Wahlergebnis.

Merkel hat lange gebraucht, um sich zu ihren Reformideen zu bekennen. Sie ist die Meisterin des zweideutigen Sprechens, häufig propagierte sie die "Wir"-Gesellschaft und betonte das Soziale an der Marktwirtschaft. Zu ihren stärksten Unterstützern gehörte lange Zeit ausgerechnet der Sozialflügel der Partei.

Erst in einer Rede zum 3. Oktober 2003 im Lichthof des Deutschen Historischen Museums in Berlin hat sie ihre Vorstellungen von einer Modernisierung des Landes klar formuliert. Es war ihr politisches Coming-out. Die Jahre des Beobachtens, des Taktierens waren vorbei. Ihre Vorschläge - eine Vereinfachung des Steuerrechts bei niedrigen Sätzen, die Einführung einer Gesundheitsprämie für alle Versicherten, eine Umstellung der Pflegeversicherung auf Kapitaldeckung - verabschiedete die Partei zwei Monate später in Leipzig fast einstimmig.

Die CDU war stolz auf Merkel. Sie fühlte sich, vielleicht zum ersten Mal, von ihrer Partei geliebt. Doch lange hielt die Reformeuphorie nicht an. Edmund Stoiber sah sich noch immer als legitimer Anwärter auf das Kanzleramt. Er gönnte Merkel den Höhenflug nicht und machte sich daran, ihr Reformwerk zu zerstören. Am Ende standen wieder faule Kompromisse - ein halbherziges Steuermodell, eine uninspirierte Gesundheitsprämie.

Seither fragt sich die Partei, wie weit Merkel gehen wird, um ihre Vorstellungen durchzusetzen. Wird sie um der Sache willen ihr politisches Überleben riskieren, wie es Schröder bei der Agenda 2010 tat? Wen hat sie an ihrer Seite?

Im Oktober 2004 wirbt Angela Merkel auf einer Regionalkonferenz im Berliner Congress Center am Alexanderplatz für die Gesundheitsprämie. Im Publikum sitzen CDU-Mitglieder aus Berlin, wo Merkel lebt, aus Brandenburg, wo sie aufgewachsen ist, und aus Mecklenburg-Vorpommern, wo ihr Wahlkreis ist. Zum ersten Mal seit langem ist sie wieder unter Freunden. Der Applaus lässt sie aufblühen. Sie sehnt sich nach einer freundlichen Geste.

Es sind die bislang schwierigsten Tage in Merkels Jahren als Parteivorsitzende. Die CDU hat bei drei von vier Landtagswahlen in Folge Stimmen verloren. Der Streit mit der CSU um die Gesundheitsprämie tobt seinem Höhepunkt entgegen. Fraktionsvize Merz legt alle Ämter nieder, weil er nicht mehr mit Merkel zusammenarbeiten will. Nur der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus und ein paar Frauen aus der Fraktion stützen die Vorsitzende. Es ist der Gipfel ihrer Einsamkeit und damit ihr politischer Tiefpunkt.

Merkel spürt, dass sie nicht deshalb an der Spitze der CDU steht, weil sie Wünsche erfüllt und Hoffnungen erweckt. Für sie spricht vor allem die Kosten-Nutzen-Abwägung. Überleben kann sie nur, solange ihre Ablösung politisch teurer wäre als ihr Verbleiben im Amt. Seit dem Tag der Bundestagswahl wird in der Parteispitze wieder neu kalkuliert.

Merkel hat dieser Moment der Einsamkeit tief geschmerzt, aber sie weiß seither, wer zu ihr steht. Sie weiß, dass sie sich auf einige Ministerpräsidenten nicht verlassen kann.

Der Hesse Roland Koch, Christian Wulff aus Niedersachsen, der Stuttgarter Günther Oettinger und der Saarländer Peter Müller gehören zu der Generation junger CDU-Politiker, die nach dem Ende der Ära Kohl die Macht in der CDU unter sich aufteilen wollten. Die Lebenswege Merkels und der Männer aus dem Westen kreuzten sich unverhofft. Die Männer stehen noch heute unter Schock. Der Aufstieg der Ostdeutschen ist für sie ein Betriebsunfall. Sie haben viel zu gewinnen, wenn Merkel scheitert.

Merkels eigene Truppen sind überschaubar. Neben ihrer Büroleiterin Baumann, Sprecherin Christiansen und dem früheren CDU-Bundesgeschäftsführer Willi Hausmann gibt es nur wenige im Polit-Betrieb, denen sie völlig vertraut: Unions-Fraktionsgeschäftsführer Norbert Röttgen gehört dazu, Vize-Fraktionschef Ronald Pofalla, Generalsekretär Volker Kauder und die baden-württembergische Kultusministerin Annette Schavan.

Wenn Merkel nun in die Regierungszentrale einzieht, wird das Amt sie verändern, wie es alle bisherigen Kanzler verändert hat. Es wirft bereits seine Schatten voraus. Zu Beginn des Wahlkampfs war sie krank, aber zum Ausruhen blieb keine Zeit. "Ich habe", sagt sie, "eine Vorstellung davon bekommen, wie groß der Druck sein wird."

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