Merkel und Kretschmann Das schwarz-grüne Traumpaar

Nüchtern, pragmatisch, unideologisch: Kanzlerin Merkel und Ministerpräsident Kretschmann sind wie geschaffen für eine schwarz-grüne Polit-Ehe. Ein Hirngespinst? Keineswegs. In Zeiten schwarz-gelber Tristesse wirkt das Duo wie eine Option auf die Zukunft.

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Berlin - Er spricht verständnisvoll über sie, zollt ihr "großen Respekt", betont die biografischen Gemeinsamkeiten als Naturwissenschaftler. "Das verbindet", sagt er. Sie lobt ihn als jemanden, "der sich über viele Jahre mit dem Bohren dicker Bretter beschäftigt" habe. Sie schätzt seinen langen Atem. "Das haben wir an vielen Stellen auch."

Winfried Kretschmann, erster grüner Ministerpräsident der Republik und Angela Merkel, Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende - selten haben Spitzenpolitiker von Grünen und Union so anerkennend übereinander gesprochen. Aber steckt dahinter womöglich mehr als nur persönliche Sympathie? Ein politischer Flirt mit Aussicht auf eine feste Beziehung? Ein neues schwarz-grünes Traumpaar Merkel-Kretschmann?

Wesentliche Hürde für Schwarz-Grün gefallen

Jetzt preist Baden-Württembergs Ministerpräsident nicht nur die Arbeit der Kanzlerin. Er hat auch gleich noch erklärt, dass mit ihrer Energiewende die wesentliche Hürde für ein schwarz-grünes Bündnis falle. Mit anderen Worten: Der derzeit mächtigste Grünen-Politiker hält eine Koalition mit der Union im Bund für möglich, und das schon 2013.

Mit so viel Offenheit schreckte Kretschmann nicht nur seine Parteifreunde auf, die angesichts des Atomausstiegs ohnehin schon um ihr Alleinstellungsmerkmal fürchten. Auch die CDU-Spitze versucht eilig, die aufflammende Debatte auszutreten. "Unnütz wie ein Kropf" nennt Generalsekretär Hermann Gröhe die Koalitionsplanspiele.

Nun stehen weder die Kanzlerin noch ihr engeres Umfeld, zu dem auch Gröhe gehört, im Verdacht, allergische Reaktionen beim Stichwort Schwarz-Grün zu bekommen. Und so hat sich insgeheim auch mancher bis hinauf in die Führungsriege gefreut über die Avancen aus dem Südwesten - auch weil die Union damit ein Stück verlorene Glaubwürdigkeit zurückgewinnen könnte. "Es wäre schön, wenn es noch mehr von der Sorte Kretschmann gäbe", sagt ein Spitzenmann.

Kretschmann und Merkel passen einfach gut zueinander, vom Typ her, vom Politikstil: nüchtern, pragmatisch, unideologisch. Natürlich ist im Falle einer schwarz-grünen Koalition nicht davon auszugehen, dass die beiden gemeinsam am Kabinettstisch im Kanzleramt Platz nehmen. Kretschmann sieht seine Aufgabe in Stuttgart, nicht in Berlin. Aber darum geht es nicht. Es geht um den Symbolcharakter, den die Kombination Merkel-Kretschmann hat, die Verbindung aus ostdeutscher CDU-Chefin und heimlichem Vorsitzenden der Grünen. Es ist ein Versprechen auf die Zukunft, ein Statement. Hier die ergrünte Kanzlerin, dort der konservative Grüne. Wären alle Grünen wie Kretschmann, so die Lesart in der Union, täte man sich nicht schwer miteinander.

Atemlose Krisenbewältigung? Kern der Unionspolitik?

Dennoch hat die Unionsführung an einem öffentlichen Revival der Schwarz-Grün-Spekulationen kein Interesse. Nicht jetzt. Denn der Frust über den Kurs der Kanzlerin hat sich inzwischen tief in CDU und CSU hineingefressen. Schwarz-grüne Kuscheleien würden den Ärger nur verstärken. Die Unzufriedenheit erledige sich nicht, "indem wir über alternative Koalitionsoptionen diskutieren", warnt der CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach.

Atomausstieg statt Laufzeitverlängerung, Griechen-Hilfen statt Steuererleichterungen, Kita-Ausbau statt klassische Familie - in deutschen Parlamenten sitzen Dutzende Unionsleute, die nur noch den Kopf schütteln. "Alle Themen, die mich vor 20 Jahren in die CDU gebracht haben, die sind jetzt weg. Da hätte ich auch gleich zu den Grünen gehen können", sagt ein Unionsabgeordneter aus dem Bundestag. "Merkel managt immer nur Situationen, aber vom Kern der Unionspolitik ist nicht mehr viel übrig", sagt ein anderer.

Allein mit atemloser Krisenbewältigung könne man nicht regieren, sagt Schleswig-Holsteins CDU-Fraktionschef Christian von Boetticher: "Die Union muss dringend wieder eigene Themen setzen." Amtskollege Steffen Flath aus Sachsen vermisst "ganz klar Orientierung" bei Themen wie Familie und Ehe, auch Merkels Kurs bei den Griechenland-Hilfen überzeuge ihn nicht.

Der hessische CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Brand warnt: "Wer nur schnell den Grünen hinterherrennt, der stolpert und stürzt wie die SPD." Marco Wanderwitz, Chef der Jungen Gruppe der Unionsfraktion, mahnt seine Partei, sich deutlich von den Grünen abzusetzen, "anstatt irgendwelche Spielchen zu veranstalten". Es werde für die CDU "höchste Zeit, eigene Visionen zu formulieren", sagt der Abgeordnete Axel Fischer. Je grüner die CDU werde, desto glaubwürdiger das Original, mahnt Kurt J. Lauk, der Vorsitzende des CDU-Wirtschaftsrats.

Kein Kronprinz drängt nach vorn

Diese Stimmung ist weit verbreitet in Merkels Truppe: Zum Teil gefrustet, zum Teil zynisch - aber immer ziellos. Niemand attackiert die Parteivorsitzende und Kanzlerin namentlich und öffentlich. Eine echte Alternative ist ohnehin nicht in Sicht. Merkel stürzen? Merkel ersetzen? Kein Kronprinz drängt an die Macht. Nicht Norbert Röttgen, nicht Ursula von der Leyen, nicht Thomas de Maizière. Also macht Merkel weiter. Der Frust, der Ärger der Hintersassen perlt an ihr ab. Gemeinsam mit CSU-Chef Horst Seehofer lässt sie die Unionsparteien stetig ergrünen.

Das bereitet auch der FDP, dem geschundenen und gefledderten Koalitionspartner, großes Unbehagen. Die FDP fühlt sich von der Union in die Ecke gedrängt. Draußen in der Welt als "Wonder Woman" (US-Magazin "Newsweek") gefeiert, bekommt Merkel in Berlin ihren Laden einfach nicht in den Griff. "Egal, wo man auf der Welt hinkommt und Gespräche führt, überall gibt es Lob und Anerkennung für die Stärke Deutschlands, vor allem für die wirtschaftliche Entwicklung", bemerkt Unions-Außenexperte Philipp Mißfelder, derzeit auf Visite in Japan. "Nur zu Hause in der Koalition ist von dieser Stimmung wenig zu spüren."

Traum von Schwarz-Grün statt schwarz-gelbe Tristesse? Noch bremsen sie in der Union, wollen das Abenteuer nicht wagen, hoffen auf eine Erholung des liberalen Patienten: "Wir haben jetzt Halbzeit und die Chance für diese Koalition, sich besser darzustellen", sagt CSU-Fraktionsgeschäftsführer Stefan Müller: "Es ist die Chance, den roten Faden zu finden."

Viel Zeit bleibt nicht mehr.



insgesamt 135 Beiträge
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Seite 1
schockkierter ! 15.06.2011
1. Option auf die Zukunft ?
um Gottes Willen NEIN !
keinschwabe 15.06.2011
2. Traumpaar?
Zitat von sysopNüchtern, pragmatisch, unideologisch: Kanzlerin Merkel und Ministerpräsident Kretschmann sind wie geschaffen für eine schwarz-grüne Polit-Ehe. Ein Hirngespinst? Keineswegs. In Zeiten schwarz-gelber Tristesse wirkt das Duo wie eine*Option auf die Zukunft. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,768376,00.html
Bloß nicht!! Das wäre das dümmste was sich die Grünen antun könnten, ein GAU ! Den Machterhalt von Mutti auch noch konservieren, dabei werden die Grünen total untergehen. Das beste Beispiel ist doch die FDP. Grüne, lernt aus den Fehlern der anderen!! Das hat KEINE Zukunft.
ratxi 15.06.2011
3.
Zitat von sysopNüchtern, pragmatisch, unideologisch: Kanzlerin Merkel und Ministerpräsident Kretschmann sind wie geschaffen für eine schwarz-grüne Polit-Ehe. Ein Hirngespinst? Keineswegs. In Zeiten schwarz-gelber Tristesse wirkt das Duo wie eine*Option auf die Zukunft. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,768376,00.html
Na, warum denn auch nicht?
gurkenhändler 15.06.2011
4. hüstel
wenn man den Artikel liest, dann weiß man warum man weder GRÜN noch SCHWARZ wählen kann. Von den anderen will ich gar nicht erst reden.
ordoban 15.06.2011
5. Schwarz-Grün?
Von mir aus können sie es ja mal probieren, obwohl es in HH gescheitert ist. Aber wenn, dann bitte, bitte OHNE Merkel und Seehofer!!!
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