Merkel und Schäuble in der Euro-Krise Ein Fall für zwei

Sie gibt die eiserne Bewahrerin deutscher Interessen, er den europäischen Visionär: Kanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble haben bei der Euro-Rettung unterschiedliche Motive. Annäherung an ein ungleiches Paar - das trotzdem funktioniert.

Kanzlerin und Finanzminister: Ziemlich beste Freunde
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Kanzlerin und Finanzminister: Ziemlich beste Freunde

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Berlin - Wolfgang Schäuble malte das ganz große Gemälde: mehr Kompetenzen für Brüssel, europäischer Finanzminister, Direktwahl des Ratspräsidenten, ein stärkeres EU-Parlament. So stellt sich der Bundesfinanzminister die Zukunft Europas vor, abgesegnet vom deutschen Volk, per Referendum - in vielleicht nicht einmal fünf Jahren.

Die Reaktion der Kanzlerin fiel ausgesprochen verhalten aus. Natürlich teile sie die Grundrichtung ihres Finanzministers, ließ Angela Merkel ausrichten. Eines Tages könnte wohl auch eine Volksabstimmung zur Europapolitik nötig werden. Aber gemach, gemach: An diesem Punkt sei man "eindeutig noch nicht". Das ist politisch eine ziemlich deutliche Sprache. Man könnte daraus die Schlagzeile machen: "Merkel pfeift Schäuble zurück". Oder anders herum: "Schäuble provoziert Merkel". Doch nirgends ist in diesen Tagen eine solche Schlagzeile zu lesen. Weil sie bei Merkel und Schäuble nicht passt.

Die Kanzlerin und ihr Finanzminister sind die deutschen Protagonisten der Euro-Rettung - zwei Protagonisten, die ein ganz besonderes Verhältnis pflegen, das sich nicht im Rahmen der normalen Spielregeln des Berliner Polit-Betriebs beschreiben lässt. Merkel, 57, und Schäuble, 69, das sind grundverschiedene Typen mit zum Teil grundverschiedenen Ansichten. Und doch sind sie Verbündete mit dem gleichen Ziel: Sie wollen gemeinsam den Euro und Europa retten. Sie sind nicht die besten Freunde, aber sie verbindet ein besonderes Vertrauensverhältnis. Merkel braucht ihn, das weiß Schäuble. Und Schäuble braucht sie, das weiß Merkel. Gerade jetzt.

Natürlich wäre es der Kanzlerin lieber gewesen, Schäuble hätte im SPIEGEL nicht das Fass mit den Volksabstimmungen aufgemacht. Nicht jetzt, wo sich die Krise wieder einmal zuspitzt. Spanien und Zypern stellen Hilfsanträge, am Donnerstag und Freitag steht in Brüssel der nächste Krisengipfel an, anschließend sollen am Freitag Bundestag und Bundesrat nach mühsamen Verhandlungen endlich Fiskalpakt und Euro-Rettungsschirm ESM verabschieden. Das Gemurre ist selbst in den eigenen Reihen groß genug, auch diesmal wird es wieder schwarz-gelbe Abweichler geben, da sorgen Gedankenspiele von einer weiteren Machtverlagerung nach Brüssel nur für zusätzliche Unruhe.

Schäuble und Merkel haben sich zusammengerauft

Merkel, die Physikerin, geht rationaler an die Euro-Rettung heran. Visionen wie die von Schäuble, der gern als der letzte echte Europäer dieser schwarz-gelben Regierung bezeichnet wird, sind ihr fremd. Die CDU-Chefin konzentriert sich aufs Krisenmanagement, will den Kollegen und Wählern immer nur so viel zumuten, wie gerade unvermeidbar erscheint - auch wenn dabei von Zeit zu Zeit selbst gezogene rote Linien überschritten werden.

Und dennoch nimmt Merkel es Schäuble nicht wirklich übel, wenn er wie jetzt in Sachen Europa wieder einmal weiter vorprescht, als sie es sich wünscht. Sie weiß, was sie an ihm hat, und auch die Bürger mögen es, wie er den harten Kassenwart mit dem emotionalen Europäer verbindet. In den Beliebtheitsumfragen liegt Schäuble knapp hinter oder sogar vor der Kanzlerin.

Formen lässt sich einer wie Schäuble ohnehin nicht mehr. Im Herbst wird der Dino aus Merkels Kabinett 70, seit vier Jahrzehnten sitzt er schon im Bundestag. In den neunziger Jahren hatte er Helmut Kohl bestärkt, Merkel zur Ministerin zu berufen, als Parteichef machte er sie später zur Generalsekretärin. In den Turbulenzen der Spendenaffäre überholte Merkel schließlich ihren Förderer, wurde selbst Parteivorsitzende, überging ihn 2004 bei der Suche nach einem Bundespräsidenten. Inzwischen hat sich das ungleiche Paar wieder zusammengerauft. Gerne erzählt Schäuble, wie ihn die Kanzlerin 2009 fragte, ob er Finanzminister werden wolle. Er sei nicht bequem, soll er Merkel gewarnt haben. Sie wolle keinen Bequemen, habe sie geantwortet. Und Schäuble habe versichert: "Ich bin so loyal, dass ich es nicht mehr beweisen muss."

Merkel ließ Schäuble Zeit zur Genesung

Mancher Abgeordneter empfindet das als Arroganz, das Versprechen an Merkel aber hat er gehalten. Er ist der Chefin nie in den Rücken gefallen, stattdessen hat er ihr die unangenehme Arbeit abgenommen, den Koalitionspartner FDP bei seinen Steuersenkungsplänen so lange auszubremsen, bis man ihn dort als "notorischen FDP-Hasser" beschimpfte. Schäuble findet das ungerecht, aber er beklagt sich nicht. Auch nicht, wenn Merkel seine Vorstöße abmoderiert - wie einst die Ideen für einen Europäischen Währungsfonds, zur Staateninsolvenz oder nun zu Volksabstimmungen über Europa - oder auch mal öffentlich ignoriert, wie vor einigen Monaten seinen Vorschlag für einen europäischen Altschuldentilgungsfonds, den nun die Opposition wieder ins Spiel gebracht hat.

Schäuble hat Merkel nicht vergessen, wie sie in seinem persönlichen Seuchenjahr 2010 zu ihm gehalten hat. Wochenlang war der Finanzminister, der seit einem Attentat 1990 querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt, ans Krankenbett gefesselt, weil eine Wunde nicht verheilen wollte - mitten in der Finanzkrise. Zweimal soll Schäuble Merkel seinen Rücktritt angeboten haben, Merkel aber gab ihm die Zeit, die er brauchte, um wieder zu Kräften zu kommen. Schäuble hat dazu einmal gesagt: "Das tut einem schon gut, wenn du das Gefühl hast: Nee, die will dich wirklich haben und sagt das nicht nur so."

Inzwischen ist Schäuble längst der Alte, von Amtsmüdigkeit keine Spur. Vielleicht übernimmt er demnächst sogar noch den Job des Euro-Gruppen-Chefs, auch wenn er sich nicht darum reißt. Schon jetzt ist sein Pensum enorm, am Dienstagabend reiste er nach Paris, um mit den Amtskollegen aus Spanien, Italien und Frankreich für Merkel den EU-Gipfel vorzubereiten. Dort wollen die Staats- und Regierungschefs dann einen europäischen Wachstumspakt auf den Weg bringen. Auch um eine vertiefte europäische Integration soll es gehen, die Spitzen der EU-Institutionen werden dafür einen Masterplan vorlegen. Der stellt aus Merkels Sicht zwar die richtigen Fragen. Weil darin aber auch die in Deutschland verhassten Euro-Bonds vorkommen, wird Merkel kräftig auf die Bremse treten. Bei einem Besuch in der FDP-Fraktion betonte sie am Dienstag, eine gesamtschuldnerische Haftung werde es nicht geben - sie verband diese Ansage sogar mit den Worten "solange ich lebe".

Mehr als einen Prüfauftrag für weitere Schritte zu einem geeinten Europa wird es so aber wohl nicht geben. Wolfgang Schäuble wird also weiter für sein politisches Vermächtnis kämpfen. Und Angela Merkel wird ihn kämpfen lassen.

insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
n+1 27.06.2012
1. das Schlimme ist:
Zitat von sysopAFPSie gibt die eiserne Bewahrerin deutscher Interessen, er den europäischen Visionär: Kanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble haben bei der Euro-Rettung unterschiedliche Motive. Annäherung an ein ungleiches Paar - das trotzdem funktioniert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,841033,00.html
die EU hat sich so sehr daran gewöhnt, dass die Deutschen die Rolle des Duckmäusers spielen und ihre eigenen Interessen verraten, dass es die Statements der deutschen Politiker gar nicht mehr zur Kenntnis nimmt. Die 3 Pseudo-Vorsitzer der größten Oppositionspartei reisen nach Paris um ihre unterwürfige Ergebenheit zu demonstrieren. Historisch einmalig. Herr Trittin gibt nicht nur den Vaterlandsverräter, er ist auch einer. Das schadet den Grünen aber nicht. Erstaunlich. Im Übrigen bin ich der Meinung: raus aus dem Euro, je schneller desto besser.
Gerdtrader50 27.06.2012
2. Was soll dieser Personenkult ?
Seit Kohl werden Personen gekultet in dieser Republik, einer merkwürdiger als der andere. Kohl, Waigel, Schröder, Eichel, Merkel, Schäuble, alles Leute, die ja wirklich alles hatten, aber keinesfalls echte Erfolge für das regierte Volk. Sich selbst die Taschen füllen, das konnten alle, manche nicht so sehr und mussten klagen, was auch daneben ging. Jedenfalls wurde in den letzten 30 Jahre weder für dieses Land noch für dieses Volk echtes Vorteilhaftes geschaffen. Es war feststellbar, dass es quasi egal ist, ob CDU/CSU/FDP regieren, oder CDU/CSU/SPD oder ob die Grünen da rumkrakelen, das ist alles derselbe Brei. Nur sind leider die Gegebenheiten mittlerweile so kompliziert und komplex geworden, dass kaum noch ein normaler Bürger durchblickt, auch die Parlamentarier nicht mehr, die nicken ja nur noch alles ab, das hat ja mit einer echten Opposition nichts mehr zu tun. Die grundgesetzfeindlichen Aktivitäten scheinen nur noch vom Bundesverfassungsgericht gebremst werden zu können, von dem ich hoffe, dass die Kammer es ernst meint und im Ernstfall auch noch Möglichkeiten hätte, ihre Urteile gegen eine Regierung durchzusetzen, woran ich fast zweifele. Also hören Sie doch bitte auf, Leute hochzujubeln, die offensichtlich keine echte Lösungen für die von Ihnen selbst verursachten Probleme in Währungsangelegenheiten anzubieten haben. Im Endeffekt haben die Genannten allesamt einen wirtschaftlich blühenden Kontinent, bis mal auf die Südländer wie Portugal, Süditalien und Griechenland abgesehen, in eine Union verwandelt, die sich in Richtung Dritte Welt bewegt und die hochgelobten Konzepte dieser Personalkutlbegnadeten werden die Eurozone leider auch nicht aus der Rezession führen. Also Schluss mit dem unqualifizierten Personenkult.
jonas-zonas 27.06.2012
3. Die hühner
Zitat von sysopAFPSie gibt die eiserne Bewahrerin deutscher Interessen, er den europäischen Visionär: Kanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble haben bei der Euro-Rettung unterschiedliche Motive. Annäherung an ein ungleiches Paar - das trotzdem funktioniert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,841033,00.html
Ich wüsste jetzt gerne mal, was da denn angeblich funktioniert. Ist der Euro gerettet? Wurden oder werden Massnahmen ergriffen, die das Vertrauen in den Euro nachhaltig stärken? Oder gibt es am Ende nur "Investitionsprogramme", die reine Luftnummern ohne Effekt (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/eu-wachstumspakt-von-merkel-und-hollande-ist-eine-mogelpackung-a-841040.html) sind und Studien des Finanzministeriums über die sooo schlimmen Folgen eines Auseinanderbrechens der Euro-Zone, mit denen Angst geschürt und die Bürger darauf vorbereitet werden sollen, einer Verfassungsänderung zu Gunsten einer Machtverschiebung nach Brüssel zuzustimmen? Warum eiern Merkel und Schäuble denn am laufenden Band am Rande der Legalität entlang? Warum werden so viele Entscheidungen vom Bundesverfassungsgericht kassiert? Und warum werden die deutschen Wähler so im Unklaren gelassen über die tatsächlichen Risiken und möglichen Folgen der "Euro-Rettung"? Gehen Merkel und Schäuble tatsächlich davon aus, dass die PIIGS-Staaten in näherer Zukunft den Target2-Saldo der Bundesbank werden ausgleichen können? Gehen Merkel und Schäuble tatsächlich davon aus, dass LTROs in Höhe von 1.019 Mrd. Euro, den Banken im Dezember und Februar gewährt, von ebendiesen maroden Banken, die jetzt schon wieder Hilfe brauchen, vollumpfänglich zurückgeführt werden? Addiert man die möglichen Verpflichtungen Deutschlands aus der 27%tigen Haftung für die EZB mit den Garantien, die Deutschland im Rahmen der Rettungsschirme übernimmt kommt man ziemlich flott auf ein Ausfallrisiko von bis zu 700 Mrd. Euro. Das wird uns bewusst verschwiegen. da werden die Risiken kleingeredet ohne Ende! Nein. Von einem "funktionierenden Duo" habe ich eine ganz andere Vorstellung.
passagier1 27.06.2012
4. Staatsreligion
"Merkel, die Phsikerin, geht rationaler an die Euro Rettung heran" Als wer, Herr Wittrock? Euro Rettung und Physik hat nichts miteinander zu tun. Wer an unendliches Wachstum glaubt, ist einer Religion verpflichtet und hat sich als Naturwissenschaftlerin gründlich disqualifiziert. Auch einer Pfarrerstochter wird es nicht gelingen einen Zusammenhang zwischen Rationalität und Eurowährung und Geldsystem herzustellen.
trackerdog 27.06.2012
5. Für Europa, gegen das Volk
Das stimmt, Merkel und Schäuble sind verschieden. Sie haben sicherlich auch unterschiedliche Interessen. In einem sind sie sich aber wirklich einig: Iher persöhnlichen Ambitionen sind ihnen wichtiger als das lästige Wahlvolk. Die Politiker unserer Parteien werden alles daran setzen eine Volksabstimmung zu verhindern. Die wissen genau, dass dies ihr Gau wäre!
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