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Fotostrecke: Wahlkampf im Seniorenheim

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Merkel gegen Steinbrück  Kampf um die Rentner

Facebook, Twitter, YouTube - Kanzlerin und Herausforderer geben sich im Wahlkampf gerne modern. Doch Angela Merkel und Peer Steinbrück wissen: Nicht die Jungen entscheiden die Wahl. Am Ende kommt es vor allem auf die Stimmen der Alten an.

Berlin - Die meisten sind vorher extra noch einmal zum Friseur gegangen. Das hat der Leiter des Altenheims vorher erzählt. Nötig gewesen wäre das aus Sicht der Kanzlerin sicher nicht. Aber so werden die Bilder eben noch ein bisschen schöner, als Angela Merkel am Freitagvormittag das Seniorenzentrum St. Konrad im niedersächsischen Melle besucht. Merkel begrüßt vier alte Damen im Rollstuhl, Merkel schaut in der Küche vorbei, wo Bewohner ihr Mittagessen vorbereiten, Merkel gratuliert einer Seniorin zum 93. Geburtstag. Ein Geschenk hat sie auch dabei: Sie überreicht der alten Dame ein Schreibset, weiß das "Hamburger Abendblatt" zu berichten.

Es menschelt bei solchen Terminen, wie sie die CDU-Chefin derzeit auf ihrer sogenannten Dialogreise durchs Land absolviert. Und zwar durchaus gewollt. Natürlich betont Merkel auch bei ihrer Visite in Melle die Herausforderungen des demografischen Wandels, über die sie sich vor Ort ein Bild machen wolle. Aber tatsächlich geht es nicht nur um innovative Betreuungskonzepte und angemessene Bezahlung der Pflegekräfte. Es geht auch um Wählerstimmen. Da sind nette Fotos von einer einfühlsamen Regierungschefin viel Wert.

Deutschland wird immer älter. Und das stellt nicht nur die Gesellschaft vor Probleme. Für die Parteien werden die Alten zur wichtigsten Zielgruppe im Ringen um die politische Mehrheit. Facebook, Twitter, YouTube, Google-Hangout - alles schön und gut, um sich den Touch des Modernen zu geben und junge Leute zu erreichen. Am Ende aber kommt es am Wahltag vor allem auf die Kreuzchen der Senioren an. Das wissen Merkel und ihr SPD-Herausforderer Peer Steinbrück . Wahlkampf heißt für sie daher vor allem: Kampf um die Rentner.

Teure Wahlversprechen

Und so ziehen die Konkurrenten mit teuren Wahlversprechen für die Alten in die entscheidenden Monate. Die Union will Mütter, die vor 1992 Kinder bekommen haben, bei der Rente besserstellen. Zumindest um einen Rentenpunkt, was jährlich rund 6,5 Milliarden Euro kosten soll. Die volle Gleichstellung würde sich auf 13 Milliarden summieren. Dazu gibt es noch das Lieblingsprojekt von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU): die Lebensleistungsrente, die langjährige Beitragszahler vor dem Gang zum Sozialamt bewahren soll.

Die Wohltaten, die die SPD am Sonntag bei ihrem Parteitag ins Wahlprogramm schreiben will, hält von der Leyens Behörde für unbezahlbar. Die Kosten für das Rentenkonzept der Sozialdemokraten beziffert man dort auf 90 Milliarden Euro bis zum Jahr 2030. Allein die stufenweise Angleichung der Ost- an die Westrente bis 2020 würde, so das Ministerium, jährlich rund sechs Milliarden Euro kosten. Bei der Solidarrente von 850 Euro für all jene, die 30 Jahre und länger Beiträge gezahlt haben, geht die SPD von rund einer Milliarde Euro pro Jahr aus - allerdings mit steigender Tendenz. Experten der Arbeitgeberseite befürchten, die Solidarrente könnte am Ende sogar mit bis zu zehn Milliarden zu Buche schlagen.

Die Kosten aber werden im Wahlkampf gerne verdrängt. Was zählt, ist die Ankündigung. Denn mit den Stimmen der Alten lassen sich eher Wahlen gewinnen als mit denen der Jungen. Auch Kanzlerkandidat Steinbrück besuchte kürzlich schon ein Seniorenheim. Und der Berliner SPD-Landeschef Jan Stöß erklärte jüngst freimütig, es sei gut, wenn die Wähler über Rentenkonzepte entscheiden könnten. Schließlich sei bei der Bundestagswahl "die absolute Mehrheit der Wähler im Rentenalter oder kurz davor".

"Rentner, Rentner, Rentner"

Da ist etwas dran. Tatsächlich gibt es in der Gruppe der über 60-Jährigen nahezu doppelt so viele Wahlberechtigte wie in der Gruppe der 18- bis 30-Jährigen. Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) hat in einer Studie (Titel: "Junge Wähler: Hoffnungslos verloren?") festgestellt, dass bei der letzten Bundestagswahl fast 15,5 Millionen Wähler älter als 60 Jahre waren. Bei den unter 30-Jährigen gingen nur 6,2 Millionen wählen.

Das hat Folgen für die strategische Ausrichtung der Parteien: Allein auf die Jugend zu setzen, lohnt sich nicht, haben die Autoren der KAS-Studie errechnet. Würden etwa die bei jungen Wählern beliebten Grünen sämtliche Wähler von 18 bis 21 Jahren für sich mobilisieren, würde das nicht einmal zum Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde reichen. "Wer dagegen nur alle Wähler über 70 Jahre mobilisieren kann, erzielt immerhin schon 18,9 Prozent der Stimmen", heißt es in der Untersuchung.

Für die Volksparteien CDU, CSU und SPD ergibt sich daraus fast zwangsläufig, was das Fernseh-Lästermaul Harald Schmidt kürzlich der Politik in einer Kolumne unter der Überschrift "Kleiner Wahlkampfberater" mit auf den Weg gab: "Rentner, Rentner, Rentner. Größte Wählergruppe, finanzstark, staatstreu. Vergessen Sie moderne junge Frauen in Großstädten. Überschaubare Anzahl, wählen sowieso Grün."

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