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Wahlkampf im Fernsehen: So lief das TV-Duell

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Merkel und Steinmeier im TV-Duell 90 Minuten Wir

Ein Duell war das zu keiner Sekunde: In ihrem einzigen TV-Streitgespräch lobten Kanzlerin Merkel und Herausforderer Steinmeier ihre wackere Große Koalition. Warum sie unbedingt mit der FDP regieren will, erklärte die CDU-Chefin nicht - also noch mal Schwarz-Rot?
Von Claus Christian Malzahn

Wenige Wochen, bevor Ferdinand Lassalle im August 1864 in einem Pistolenduell von seinem Gegner mit einem tödlichen Bauchschuss niedergestreckt wurde, bilanzierte der 39-jährige Sozialist noch einmal seine irdische Existenz. "Ich habe die Inventur meines Lebens gemacht. Es war groß, brav, wacker, tapfer und glänzend genug. Eine künftige Zeit wird mir gerecht zu werden wissen."

So ähnlich muss es auch Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier gegangen sein, bevor sie sich ins Training für das Fernsehduell am Sonntag begeben haben. Die Pistolen ließen sie dann vorsichtshalber lieber zu Hause, denn seit Lassalle weiß man ja, dass so ein Duell mitunter böse ausgehen kann. Stattdessen lobten beide die wackere Große Koalition, die Merkel zwar ein bisschen zu brav und Steinmeier zu wenig tapfer findet - aber alles in allem sei man den Aufgaben doch ganz gerecht geworden. Mit Glanz in der Politik rechnen beide eh nicht mehr, dafür sind sie zu lange im Geschäft.

Natürlich konnte man nach vier Jahren gemeinsamer Regierungsarbeit nicht erwarten, dass die Kanzlerin und ihr Stellvertreter sich zwei Wochen vor der Wahl gegenseitig öffentlich zerfleischen. Nur: Warum die Union nun zum Beispiel ganz dringend einen neuen Koalitionspartner namens FDP braucht, hätte der Wähler schon ganz gerne gewusst. Angela Merkel blieb die Antwort schuldig.

90 Minuten lang pflichtete sie ihrem politischen Gegner bei, fand beispielsweise einen möglichen Abzugstermin aus Afghanistan "vernünftig", freute sich mit ihm über die vorläufige Rettung von Opel, und die Senkung der Arbeitslosenzahlen seit 2005. "Ich spreche hier für die Union" behauptete sie. Doch wenn die Kanzlerin dann die erste Person Plural verwandte - und das tat sie ziemlich häufig - dann war klar, dass sie mit "Wir" nicht die CDU/CSU, sondern die Große Koalition gemeint hat. 90 Minuten Wir-Gefühl.

Steinmeiers stärkster Moment

Ein Duell war das also zu keiner Sekunde, wenn überhaupt, dann nur ein Scharmützel zwischen Politikern und Journalisten. Die haben, mit Verlaub, auch schon bessere Fragen gestellt. Tigerenten-Koalition, hoho, Frau Illner, und wer ist denn der Tiger und wer die Ente? Und wer wird heute Nacht der Bettvorleger, Herr Plasberg? Geht's noch alberner? Sei's drum.

Der Zuschauer wird am Ende ganz froh gewesen sein, nicht von den vier TV-Zampanos, sondern von Merkel und Steinmeier regiert zu werden. Und, im Ernst, wieso eigentlich nicht auch in den kommenden vier Jahren? Die Frage drängt sich am Abend mit Macht in die deutschen Schlafzimmer.

Steinmeier hatte eine Chance - und er hat sie zu nutzen gewusst. Er konnte zumindest begründen, wozu die alte Tante SPD in der Regierung zu gebrauchen ist, als soziale Rückversicherungsanstalt nämlich. Merkels von der FDP geliehene Parole vom "Mehr Netto vom Brutto" nahm er glaubwürdig auseinander. Das war sein stärkster Moment.

Angela Merkel beschränkte sich dagegen auf ihre Rolle als "Ich auch!"-Kanzlerin, die sich zwar zu Schwarz-Gelb bekannte, sonst aber die nötige Trennschärfe zum Herausforderer vermissen ließ.

Manchmal wurde man den Eindruck nicht los, dass sie eine Distanzierung gar nicht wollte - schlicht deshalb, weil die Distanz politisch gar nicht vorhanden ist. Erstaunlich auch, dass sie keine zwei, drei Minuten für die eher konservativ-katholische süddeutsche Unionsanhängerschaft übrig hatte, in denen die Vokabel von den "christlichen Werten" einmal aufgeblitzt wäre. Hat sie das vergessen? Oder stand das gar nicht im Sprechtext? Im Süden will die Union am 27. September immerhin die Wahl gewinnen. Da sollen die Überhangmandate purzeln. "Schaun mer mal", wie der Bayer sagt.

Kanzler wird Frank-Walter Steinmeier vermutlich auch nach seinem Punktsieg nicht. Aber seine Chancen, das Außenministerium gegen die gelbe Gefahr zu verteidigen, sind zumindest gestiegen. Entscheidend wird sein, ob er seine Partei und die abgetauchte Anhängerschaft in Gang setzen kann. Wie erste Umfragen zeigen, ist das zumindest nicht misslungen.

Und in den nächsten 14 Tagen hilft vielleicht wieder ein Spruch vom Duell-Experten Ferdinand Lassalle: "Wenn ich den Himmel nicht bewegen kann, will ich die Unterwelt aufrühren." Angeblich gibt es die ja noch, die sozialdemokratische Unterwelt in Deutschland. Zumindest hat sie am Abend vor dem Fernseher gesessen - und ein bisschen über den Kandidaten gestaunt.

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