Merkel-Vertrauter Hintze zum US-Wahlkampf "In Deutschland mag man es nüchterner"

Klare Botschaften, Emotionen, Farbe: Der ehemalige CDU-Generalsekretär Peter Hintze war beim Demokraten-Parteitag in Denver dabei - und erklärt im Interview mit SPIEGEL ONLINE, was deutsche Wahlkämpfer von US-Kampagnen lernen können.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hintze, Sie haben als Generalsekretär der CDU unter Helmut Kohl zahlreiche Wahlkämpfe bestritten. Heute sind Sie Wirtschaftsstaatssekretär und Vertrauter Angela Merkels. Sie waren jetzt fast vier Tage auf dem Demokraten-Parteitag in Denver. Gab es irgendetwas, was Sie von dort mit nach Hause nehmen?

Hintze: Massenkommunikation verlangt nach Prägnanz und Klarheit. In Deutschland verstricken wir uns immer wieder in Details. Der Code amerikanischer Wahlkämpfe ist deshalb "KISS" - also "Keep it simple, stupid".

SPIEGEL ONLINE: "Mach es schön einfach, Dummerchen" könnte man den Slogan übersetzen. Das haben auch Sie mit Ihrer Rote-Socken-Kampagne 1994 gegen die PDS praktiziert. US-Wahlkämpfe unterscheiden sich aber stark von unseren, obwohl man auch hier manche Formen der US-Wahlkampfsprache übernimmt. Was würde in Deutschland nicht ankommen?

Hintze: Amerikanische Wahlkämpfe sind bunter und lauter. In Deutschland mag man es etwas nüchterner. Die Fröhlichkeit und Begeisterung der vielen freiwilligen Wahlhelfer wirkt allerdings ansteckend.

SPIEGEL ONLINE: Wie fanden Sie insgesamt den Konvent?

Hintze: Die Inszenierung war 1 a. Emotionaler Höhepunkt des Parteitagsauftakts war der Auftritt von Edward Kennedy, der durch John F. Kennedy's Tochter Caroline angekündigt wurde. "Kennedy und Obama = American Dream" war die unausgesprochene Gleichung.

SPIEGEL ONLINE: Das Einbinden von Familienmitgliedern gehört zum typischen US-Wahlkampf. In Deutschland hat sich das in dieser Form nicht durchgesetzt. Können Sie sich vorstellen, dass der Ehemann der Kanzlerin auf einem CDU-Parteitag ein Loblied auf seine Frau hält?

Hintze: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Deutsche Politiker lassen sich gelegentlich in der bunten Presse mit ihren Partnern ablichten. Aber warum hat sich - übrigens bei allen deutschen Parteien - diese emotionale Ansprache, wie sie in den USA praktiziert wird, auf Parteitagen nicht durchgesetzt?

Hintze: In Deutschland ist man misstrauisch gegenüber allzu starkem Gefühlseinsatz.

SPIEGEL ONLINE: Wieso eigentlich?

Hintze: Das mag an den bitteren Erfahrungen in unserer Geschichte liegen. Außerdem haben die meisten Menschen ein Gespür dafür, dass der Politiker als "öffentlicher Mensch" auch den Schutz des Privaten braucht.

SPIEGEL ONLINE: Obamas Team wirbt massiv um Spenden im Internet und war damit auch bislang erfolgreich. Ein Ansatz auch für hiesige Volksparteien?

Hintze: In Deutschland sind vergleichbare Versuche bisher gescheitert. Das Internet spielt in den USA im Blick auf die Politik eine andere Rolle als bei uns. Das liegt vielleicht daran, dass die USA nicht nur ein Land, sondern praktisch ein Kontinent sind.

SPIEGEL ONLINE: Kommende Woche werden die Republikaner John McCain zum Kandidaten küren. Gibt es etwas, was die Union von den amerikanischen Konservativen lernen kann?

Hintze: Was die Wahlkämpfe angeht, arbeiten Republikaner und Demokraten mit den gleichen Mitteln. Was uns in Europa befremdet, ist das starke Element des Negativ-Campaignings.

SPIEGEL ONLINE: ... dem Schlechtreden der Kandidaten. Sind Sie denn bei der Inthronisierung von McCain dabei?

Hintze: Nein.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie einen Tipp wagen, wer das Rennen im November macht?

Hintze: "Prognosen sind besonders schwer, wenn sie sich auf die Zukunft richten," sagt der amerikanische Schriftsteller Mark Twain. Der Mann hat Recht. Es hängt stark davon ab, ob das Thema Wirtschaftsentwicklung, Jobs und bezahlbare Energie die Oberhand behält oder ob die Außen- und Sicherheitspolitik das dominante Thema wird.

Die Fragen stellte Severin Weiland

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