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Angela Merkel und Guido Westerwelle: Szenen einer Polit-Ehe

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Merkel-Westerwelle Traumpaar im Beziehungsstress

Es hat sich ausgeflittert: Die von Guido Westerwelle beschworene "Schicksalsgemeinschaft" mit Angela Merkel ist eine triste Zweckehe geworden. Bei der Kanzlerin wächst der Ärger über die Aussetzer des FDP-Chefs - und der Liberale fürchtet einen Seitensprung der Union mit den Grünen.

Berlin - Guido Westerwelle war kein Wort zu groß für diese politische Freundschaft. Er redete von einer "Schicksalsgemeinschaft". Man sei sich menschlich und politisch näher gekommen. Es gebe persönliche Sympathien. Man könne sich aufeinander verlassen - auch "in schwierigster Zeit".

der FDP-Chef

Angela Merkel

Dies sagte zu Zeiten der Großen Koalition über sein Verhältnis zu .

Lang ist's her.

Nun sitzen Angela Merkel und Guido Westerwelle gemeinsam auf der Regierungsbank und wirken manchmal wie Eheleute, deren stürmisch-heiße Liebe von einst in den Mühen des Alltags erkaltet ist.

Nach verpatztem Start in der Regierung und FDP-Absturz in den Umfragen ist Westerwelle hochnervös. Die Schuld suchen er und seine Getreuen bei der Union. Und damit auch bei der Kanzlerin. Die müsse endlich mal Führung beweisen und "ihrem Laden sagen, wo es lang geht", wetterte Bayerns liberaler Vizeministerpräsident Martin Zeil, ein Vertrauter Westerwelles. Man kann davon ausgehen, dass der das ähnlich sieht.

Merkel wiederum hält rein gar nichts von der Art, wie der FDP-Chef die Sozialstaatsdebatte losgetreten hat. Die Kanzlerin reagiert verschnupft auf Westerwelles Gerede von "spätrömischer Dekadenz". Sie selbst hält sich bedeckt, schickt andere vor, um den Vizekanzler öffentlich abzuwatschen. "Fragwürdige Verallgemeinerungen und scharfe Töne" erschwerten die nötige Debatte nur, poltert CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe: "Dies ist nicht die Tonlage einer Volkspartei." Über eine Regierungssprecherin ließ Merkel ihrem Vizekanzler öffentlich ausrichten: "Das ist sicherlich weniger der Duktus der Kanzlerin." Kurz darauf erteilte ein weiterer Merkel-Sprecher der von Westerwelle lauthals geforderten Hartz-IV-Grundsatzdebatte im Bundestag eine indirekte Absage: Im März sei im Zuge der Haushaltsberatungen ja ohnehin eine Generaldebatte vorgesehen, erklärte er. Das war alles.

"Nicht das, was wir vereinbart haben"

Mittlerweile ist für jeden klar: Aus der elf lange Jahre herbeigesehnten Wunschpartnerschaft ist eine triste Zweckehe geworden. Stets knirscht es und manchmal kracht es. Keine Woche ohne Zerwürfnis. Der reinste Beziehungsstress.

In der vergangenen Koalitionsrunde ging es reichlich giftig zu. Westerwelle nahm sich CDU-Umweltminister Norbert Röttgen und dessen Pläne eines rascheren Atomausstiegs vor, echauffierte sich: "Das ist nicht das, was wir vereinbart haben." Merkel ließ ihn kühl abblitzen. Erstens sei der Umweltminister nicht anwesend, belehrte sie Westerwelle. Und zweitens würde es Westerwelle ja auch nicht gern sehen, wenn man die Äußerungen von FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler in dessen Abwesenheit kritisieren würde. Die anwesenden CDU-Granden kicherten vergnügt.

Das saß. Westerwelle wollte streiten - aber Merkel ließ ihn abtropfen.

Franz Müntefering

Aus der Schicksalsgemeinschaft ist eine Polit-Partnerschaft geworden, in der man mitunter zu harten Bandagen greift. Bei Merkels vorletztem Vizekanzler lief es in gewisser Weise anders herum: Der Sozialdemokrat hatte Merkel im Wahlkampf erst verhöhnt ("Die kann es nicht"), fand sich dann plötzlich an ihrem Kabinettstisch wieder. Die beiden rauften sich zusammen. Am Ende schätzten sie sich - ihr Verhältnis war entspannt.

Westerwelle dagegen verkrampft sich derzeit. Dabei war sein Verhältnis zu Merkel früher so eng.

Seit Ende 2003 Duzfreunde, haben sie gemeinsam Horst Köhler zum Bundespräsidenten gemacht - und Wolfgang Schäuble abserviert. Hätte man Köhler in der Bundesversammlung nicht durchsetzen können, "wäre Frau Merkel nicht Kanzlerkandidatin geworden, und ich wäre nicht Parteivorsitzender der FDP geblieben", sagte Westerwelle im Rückblick. In der entscheidenden Sitzung habe man sich "in die Augen gesehen und gesagt: 'Wir machen das gemeinsam.'"

Westerwelle und Co. sind eifersüchtig auf die Grünen

Von diesem partnerschaftlichen Pathos ist nicht mehr viel geblieben. Und auch die gemeinsamen politischen Inhalte sind zusammengeschmolzen. Wehmütig erinnern sich FDP-Spitzenpolitiker heute an die Tage des CDU-Reformparteitags von Leipzig im Jahr 2003, als Merkel ihrer Union einen Richtungswechsel in der Gesundheits- und Steuerpolitik verordnete. Das ist vorbei. "Sie hat doch alles beiseite geschoben, was einst beschlossen wurde in Leipzig", ärgert sich eine Liberale.

Eifersüchtig nehmen Westerwelle und Co. zudem wahr, wie Merkel die Union systematisch in Richtung Grüne öffnet. In der FDP-Zentrale fürchtet man bereits einen politischen Seitensprung der Union bei der nächsten Bundestagswahl.

Was bleibt noch zwischen den Regierungspartnern an Gemeinsamkeiten? Nicht viel.

Westerwelles gegenwärtiger Stil jedenfalls passt so gar nicht zu jenem der Kanzlerin: Während er polarisiert, setzt sie auf Ausgleich. Er will sein Projekt der "geistig-politischen Wende" in Deutschland mit Schwarz-Gelb durchsetzen. Das hat er den Wählern vor der Wahl versprochen. Sie aber setzt darauf, möglichst wenig zu verändern, um für möglichst viele Wähler attraktiv zu bleiben.

Merkel mag damit rechnen, dass ihr Vizekanzler bald wieder in eine andere Rolle findet. Hat der Politiker Westerwelle doch schon die verschiedensten Sparten bedient: Mal war er der Lautsprecher, mal der seriöse Staatenlenker. Und meistens auch: der Selbstbeherrschte. Wo andere Politiker munter drauflos reden, wenn sich eine Kamera nähert, pflegt Westerwelle einen kontrollierten Umgang mit den Medien. Der Mann sichert sich ab.

Dies schätzt die ebenfalls mit der Fähigkeit zur Selbstkontrolle ausgestattete Merkel.

Die Frage ist nur: Was passiert eigentlich, wenn Westerwelle noch stärker unter Druck gerät? Vielleicht kann sie seine jetzigen Poltereien noch gerade eben ertragen - doch in der Union ist man sich sicher: Nichts wäre schlimmer für das Verhältnis der beiden, als wenn die Wahl in Nordrhein-Westfalen für die FDP schief ginge, oder es dort sogar zu einem schwarz-grünen Bündnis käme.

Dann nämlich ginge es für Guido Westerwelle ums politische Überleben. Er und seine FDP müssten sich nach einem solchen Absturz ernsthaft Sorgen machen, ob sie weiter im Spiel bleiben können. Ein riesige Strategiedebatte würde die FDP und die gesamte Koalition in neue Unruhe stürzen.

Und vor allem: Mit weiteren Poltereien von Westerwelle und den Seinen wäre zu rechnen - auch gegen Merkel. Kein gutes Omen für eine Beziehung, in der es ohnehin schon kriselt.

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