Bundestagswahl 2013 KZ-Besuch und Bierzelt - Streit über Merkels Terminplan

Noch nie hat ein deutscher Regierungschef die KZ-Gedenkstätte Dachau besucht, Angela Merkel macht nun den Anfang - doch bald danach hilft sie beim CSU-Wahlkampf im Bierzelt. Geschmacklos oder erlaubt? Die Grünen greifen die Kanzlerin an, der Zentralrat der Juden verteidigt sie.
Haupteingang zum früheren KZ Dachau: Eines der ersten im Nazi-Reich

Haupteingang zum früheren KZ Dachau: Eines der ersten im Nazi-Reich

Foto: GUENTER SCHIFFMANN/ AFP

Berlin - Noch nie hat ein deutscher Kanzler dem früheren Konzentrationslager Dachau einen Besuch abgestattet. Erst 2010 kam mit Horst Köhler ein Bundespräsident auf die frühere Stätte des Grauens, auf der die Nazis Tausende festhielten und ermordeten.

Am frühen Dienstagabend nun wird Angela Merkel der Gedenkstätte in der Stadt bei München einen Besuch abstatten. Und anschließend eine Wahlkampfveranstaltung der CSU in einem Bierzelt aufsuchen.

Das hat eine Debatte ausgelöst: Geht das zusammen, erst Gedenken an das Grauen der düstersten Jahre der deutschen Geschichte und dann Wahlkampf auf einem Volksfest?

Die Grünen-Fraktionschefin Renate Künast sagt: nein. Sie kritisierte die zeitliche Abfolge des Besuchs der CDU-Vorsitzenden. "Wer es ernst mit dem Gedenken an einem solchen Ort des Grauens meint, der macht einen solchen Besuch garantiert nicht im Wahlkampf", so Künast in der "Leipziger Volkszeitung".

Die Grünen-Spitzenpolitikerin nannte es eine "geschmacklose und unmögliche Kombination". Auch in den Medien erhielt die Kanzlerin Schelte. In der "Süddeutschen Zeitung" wurde zwar der Besuch grundsätzlich begrüßt, doch kritisierte Chefredakteur Kurt Kister ebenfalls die zeitliche Abfolge. Es sei eine Visite mit "Hautgout" und nicht besonders weise, dass die Kanzlerin die Gedenkstätte gewissermaßen am Rande eines Wahlkampf-Auftritts im Bierzelt des Dachauer Volksfestes besuche.

Verteidigt wird Merkels Visite hingegen von den Vertretern der jüdischen Gemeinden. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, sagte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Mit Frau Merkel besucht immerhin erstmals ein deutscher Kanzler die KZ-Gedenkstätte in Dachau. Die Kanzlerin setzt damit so auch das Zeichen, dass das Grauen eben nicht nur im Osten, sondern mitten unter uns in Deutschland stattgefunden hat. Es ist daher gut, dass sie dort hingeht."

Weiter erklärte er: "Was ihren anschließenden Auftritt in einem CSU-Bierzelt angeht - ich bin auch in diesem Fall dagegen, dass wir uns jetzt in eine Meckerecke stellen. Denn wenn die Kanzlerin nur den Wahlkampfauftritt in Dachau wahrgenommen hätte, hätte man sie wiederum dafür kritisieren können, dass sie nicht die KZ-Gedenkstätte besucht hat."

Er werde auf jeden Fall der letzte Mensch im Land sein, der einen Besuch der Kanzlerin in der KZ-Gedenkstätte in Dachau kritisiere, so Graumann.

Auch seine Vorgängerin im Amt des Zentralratsvorsitzenden, Charlotte Knobloch, stellte sich hinter die Kanzlerin. Es sei "lobenswert, dass die Kanzlerin die Gelegenheit ihres Besuchs in der Region wahrnimmt, um die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers zu besuchen", so die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Merkel war vom Präsidenten der Lagergemeinschaft, Max Mannheimer, eingeladen worden. "Es ist für uns Überlebende eine große Ehre und ein historisches Ereignis", so Mannheimer. Der 93-Jährige wird die Kanzlerin in der Gedenkstätte begrüßen.

In den zwölf Jahren, in denen das KZ Dachau bestand, wurden nach Angaben der Gedenkstätte hier und in zahlreichen Außenlagern über 200.000 Menschen aus ganz Europa inhaftiert, 41.500 wurden ermordet.

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