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Merkels Kandidat Wulff Der Geht-so-Präsident

Mit der Nominierung von Christian Wulff für das Amt des Bundespräsidenten ist Kanzlerin Merkel kein Glanzstück geglückt. Bei der Kandidatensuche wurde eine ihrer besten Ministerinnen beschädigt - der Niedersachse muss erst noch überzeugen.

Christian Wulff

Eins vorneweg: ist nicht verkehrt. Als Mensch ist er sympathisch, als Politiker erfolgreich, er kennt das politische Geschäft - wird also nicht wie sein Vorgänger gleich beim ersten Gegenwind schreiend davonlaufen. Das ist schon viel wert. Kann sein, dass der Niedersachse im neuen Amt sogar ungeahnte Talente zur Schau stellt - als Brückenbauer und Impulsgeber. Bislang ist er in diesem Bereich zwar nicht übermäßig aufgefallen. Aber der Mann ist 50 Jahre alt. Was nicht ist, kann noch werden. Bislang wurde er schon so manches Mal unterschätzt.

Die Personalie ist aber nicht der große Wurf, von dem man, Entschuldigung liebe Politiker, zu träumen gewagt hatte. Der Aha-Effekt bleibt aus. Christian Wulff wäre der Geht-so-Präsident.

Weitaus interessanter als der neue Kandidat sind die Umstände, unter denen er nominiert wurde. Ja, was ist denn da passiert? Sollte nicht gerade eben noch Ursula von der Leyen Präsidentin werden?

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Christian Wulff: Der sanfte Strippenzieher

Foto: Kay Nietfeld/ dpa

Kanzlerin Merkel sind die Dinge entglitten, auch wenn sie natürlich einen anderen Eindruck vermitteln will. Von ihrer berühmten Kunst, alle auszutricksen, war weit und breit nichts zu sehen. Stattdessen ließ sie es zu, dass eine ihrer angesehensten Ministerinnen auf offener Bühne erst zur Fast-Präsidentin stilisiert wurde, um dann plötzlich wieder aus dem Rennen genommen zu werden. Gutes Polit-Management sieht anders aus.

Merkel war in dieser Situation nicht zu beneiden: Mitten in der schwersten Krise der Weltwirtschaft, der EU und ihrer Regierung kam ihr der Präsident abhanden. Man kann sich gut vorstellen, wie sie über Horst Köhler flucht, der ihr diese Suppe eingebrockt hat. Sie musste unter Zeitdruck handeln. Langes Zuwarten hätte die Präsidentenkrise nur verschärft, was die Sache nicht einfacher machte.

Christian Wulff wollte Präsident werden und machte das deutlich. Daran kam Merkel nicht vorbei. War er ihre erste Wahl? Das darf zumindest ernsthaft bezweifelt werden.

Wulff hatte die besseren Helfer in der CDU

Als Wulff ja sagte, musste Merkel auch ja sagen. Wulff hat nach der CDU-Logik als langjähriger Ministerpräsident und CDU-Vize "ältere Rechte" auf das Präsidentenamt als die Quereinsteigerin von der Leyen. Hinter Wulff steht in der CDU ein breites Bündnis von Unterstützern, deren Wünsche Merkel berücksichtigen musste:

  • Die notorischen Merkel-Hasser, die ihr schon immer eins auswischen wollten,
  • die Konservativen, die von der Leyen wegen ihrer Familienpolitik nicht mögen und Merkel nur erdulden,
  • die Katholiken, die sich ohnehin vernachlässigt fühlen,
  • die Wirtschaftsliberalen, die seit dem Abgang von Roland Koch gänzlich frustriert sind,
  • Männer, die finden, zwei Frauen an der Spitze des Staates seien mindestens eine zu viel,
  • CDU-Ministerpräsidenten, die das Gefühl haben, dass es an der Zeit ist, Merkels Macht zu begrenzen.

Sollte sie die alle gegen sich aufbringen? Natürlich nicht. So hat Merkel aus der Not eine Tugend gemacht - und sich an die Spitze der Pro-Wulff-Bewegung gesetzt. Auf eine Machtprobe ließ sie es erst gar nicht ankommen.

Warum auch? Von der Leyen kann sie im Kabinett gut brauchen. Große Umbesetzungen in diesen Zeiten hätten viel Kraft geraubt. Und - was noch viel tröstlicher ist - mit Wulff im Schloss Bellevue hat sie den letzten ihrer potentiellen Rivalen kaltgestellt. Immerhin. Vielleicht schafft die Union es ja, das noch irgendwie als Erfolg zu verkaufen.

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