Merkels Mann Der Tag, an dem Horst Köhler kam

Das bürgerliche Lager sieht mit der Kür Horst Köhlers zum Bundespräsidenten das Signal für einen Machtwechsel. Doch das designierte Staatsoberhaupt machte schon kurz nach dem denkbar knappen Wahlausgang deutlich, dass er eigenwillig ist. Rot-Grün hatte wenig zu lachen - außer über Wolfgang Thierse.

Berlin - Der Tag, an dem Horst Köhler kam, ist vielleicht am leichtesten zu verstehen, wenn man ihn durch die Augen eines Karikaturisten sieht. Der für die SPD nominierte Münchner Star-Zeichner Dieter Hanitzsch nutzte sein Ehrenamt als Wahlmann für eine kleine Stoffsammlung. "Es ist ein Traum, diese Frau zu karikieren ... diese hochgeformten Locken und das Pferdegebiss", schwärmte er von der unterlegenen Gesine Schwan. Den frisch gewählten Bundespräsidenten dagegen findet Hanitzsch noch gewöhnungsbedürftig: "Ein Beamtenkopf mit noch wenig Konturen."

Der nun präsidiale Beamtenkopf versuchte nach einer der zügigsten Wahlen der bundesdeutschen Geschichte erste Konturen zu zeigen: "Ich will ein Präsident für alle Menschen sein, die hier leben. Ich sehe neue, unakzeptable Spaltungstendenzen in der Gesellschaft", lauteten zentrale Sätze des kommenden Staatsoberhauptes in seiner Rede vor der Bundesversammlung im Bundestag. Dabei wäre er fast nicht zu Wort gekommen, weil Bundestagspräsident Wolfgang Thierse lieber schon die Nationalhymne singen wollte, statt dem frisch Gekürten das Wort zu erteilen.

Thierse murmelte: "Immer wieder ein Fehler" ins Mikrofon. Fügte mit rotem Kopf ein "Entschuldigung" hinzu, nachdem er schon zu Beginn der Sitzung freundlich das unbekannte Wesen "Herrn Professor Doktor Gesine Schwan" begrüßt hatte. Dann erteilte er Horst Köhler das Wort zur "kurzen Ansprache", die aber doch fast eine richtige Rede wurde. Der "Neue" trug seinen vorbereiteten Text vor, an dem er bis zuletzt gearbeitet hatte, wenn er nicht gerade bereits während des Wahlgangs Autogramme geben musste unter frisch gedruckte Postkarten mit seinem Porträt. Er sprach zunächst mit leiser Stimme, dann immer selbstsicherer, zum Schluss leger, mit linker Hand in der Hosentasche und gekreuzten Beinen.

"Ich liebe unser Land", sagte Köhler, der Bundespräsident in spe, um kurz darauf über Menschen als Sozialkapital zu sinnieren, ein Begriff, der ihm locker über die Lippen kommt, wenn er davon spricht, "dass es gerade in Umbruchphasen auf Vertrauen als Sozialkapital ankommt. Und der Begriff Sozialkapital wird sowohl in der Politikwissenschaft als auch in der Wirtschaftswissenschaft besetzt". In seiner Antrittsanrede versuchte er den Verdacht auszuräumen, er könnte sich instrumentalisieren lassen. "Diejenigen, die mir ihre Stimme nicht gegeben haben, will ich durch meine Arbeit überzeugen", versprach er.

"Mehrheit ist Mehrheit"

604 der 1204 anwesenden Delegierten hatten für den ehemaligen IWF-Chef gestimmt - und damit nur einer mehr, als für die absolute Mehrheit notwendig war. Das bedeutet, dass sich mindestens 18 Delegierte aus dem bürgerlichen Lager gegen Köhler entschieden haben. "Mehrheit ist Mehrheit" winkte CDU-Wahlmann Lothar Späth anschließend ab - und zitierte damit einen Lieblingssatz von SPD-Partei- und Fraktionschef Franz Müntefering, der das Gefühl knapper Mehrheiten zu gut kennt.

Kein Treffen der Kandidaten

In der SPD war man zu Beginn des Tages noch verstimmt. So wie Köhler es in den Wochen vor der Wahl abgelehnt hatte, mit seiner Konkurrentin Gesine Schwan gemeinsam aufzutreten, so ließ er auch am Wahlsonntag einen vereinbarten Termin mit ihr platzen, der kurz vor der Wahl am Mittag vorgesehen war. Aus der Union hieß es dazu, dass sich doch beide schon bei der Andacht im Französischen Dom am Vormittag getroffen hätten. Dabei habe Köhler Schwan zum Geburtstag gratuliert.

Immerhin zog Köhler dann in seiner Dankesrede noch verbal den Hut vor Schwan: "Der Wettbewerb von uns beiden Seiteneinsteigern hat dem Land sicher nicht geschadet." Für viele Passagen seiner Rede erhielt der Weltökonom im schwarzen Anzug mit gelber Krawatte Beifall auch aus dem Rot-Grün-Lager, das ansonsten nicht viel zu lachen hatte - außer über Thierse. Stolz war man auf die Kandidatin Gesine Schwan, die mehr als einen Achtungserfolg erzielte. Franz Müntefering lobte sie heftigst und nährte damit Spekulationen, sie könnte schon bald Bildungsministerin Edelgard Bulmahn im Kabinett beerben.

Die Prominenten aus Kultur, Sport und Wirtschaft, die von den Parteien diesmal besonders zahlreich in die Bundesversammlung delegiert worden waren, nutzen das prominente Podium hauptsächlich für Werbung in eigener Sache. Deutschlands Vorzeige-Adlige, Gloria Fürstin von Thurn und Taxis, von der CSU benannt, tingelte von Mikrofon zu Mikrofon mit dem immergleichen erkenntnisschweren Satz: "Ich finde das alles sehr spannend hier und freue mich, dass ich da bin." Tennisprofi Michael Stich, von der CDU aufgestellt, machte aus dem Ausflug in die große Politik ein Werbevideo: Er ließ sich den ganzen Wahltag von einem TV-Sender begleiten: "Der Tag eines Wahlmanns".

Mahnung durch von Weizsäcker

Johannes Rau hingegen, der scheidende Präsident, der gerne geblieben wäre, machte an diesem Tag einen großen Bogen um den Reichstag in Berlin. Er verfolgte die Wahl zu Hause am TV-Schirm und schickte ein Glückwunsch-Telegramm. Für morgen hat er das Ehepaar Köhler in seinen Amtssitz zu einem ersten Gespräch geladen. Der Amtswechsel findet erst am 1. Juli statt.

Selbst für Union und FDP verlief die Wahl nicht ungetrübt. Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, der zehn Jahre lang Staatsoberhaupt war, hatte der Union einige mahnende Worte zu sagen. Die Äußerungen der Spitzen von CDU und CSU, die die Wahl Köhlers bereits im Vorfeld als Vorboten der Ablösung von Rot-Grün gewertet hatten, waren ihm offenbar zu weit gegangen. Das Amt des Bundespräsidenten sei "ein Amt der absoluten Überparteilichkeit", rief Weizsäcker den Delegierten bereits am Vorabend der Wahl auf einem Empfang zu und wendete sich dann ausdrücklich an Parteichefin Merkel. Zwar sei es legitim, über die politischen Folgen der Wahl zu sprechen. Gleichzeitig müsse man aber klar machen, welchen Respekt man vor dem Kandidaten und dem Amt habe.

Weizsäcker erinnerte an die Bundespräsidentenwahl von 1969. Damals wurde Gustav Heinemann in der Berliner Ostpreußenhalle im dritten Wahlgang sehr knapp mit den Stimmen von SPD und FDP gewählt. In Bonn regierte damals noch die Große Koalition. Ein halbes Jahr nach der Wahl wurde sie von einem sozialliberalen Regierungsbündnis abgelöst, Willy Brandt wurde erster sozialdemokratischer Kanzler.

"Ein Stück Machtwechsel"

Heinemann hatte diese Entwicklung wenige Tage nach seiner Wahl in einem Interview gewissermaßen prophezeit und von einem "Stück Machtwechsel" gesprochen, den sich Die Unions-Granden Angela Merkel und Edmund Stoiber nun auch herbeisehnen. Eine solche Äußerung sei nicht Aufgabe des Bundespräsidenten, betonte Weizsäcker. Heinemann sei damals "lebhafter Kritik" aus der Union ausgesetzt gewesen.

Die Wahl Köhlers ist Ausdruck veränderter Machtverteilung in Deutschland, nachdem die SPD reihenweise bei Landtagswahlen durchgefallen ist. Doch ob Köhler deshalb nach dem peinlichen Kandidaten-Gezerre in der Union sich auch in seiner Amtsführung als Vollstrecker oder Wegbereiter von Merkel sieht, ist deshalb nicht garantiert. Sie selbst scheint das so zu sehen: Nach dem Wahlerfolg Köhlers erklärte sie heute sybillinisch, wie sie sich die Amtsführung Köhlers vorstellt: "Das Amt nicht parteipolitisch instrumentalisieren und trotzdem nicht vergessen, wo man herkommt." Der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff hatte es vor der Wahl prägnanter in eine Formel gepackt: "Köhler ist Merkels Mann." Und wie eine Drohung fügte er hinzu: Das gelte auch für einen negativen Verlauf der Wahl - oder Amtszeit.

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