Merkels USA-Reise Staunen - dreimal

In der Außenpolitik beobachten die Deutschen eine Kanzlerin, die sie aus der Innenpolitik nicht kennen. Gott sei Dank! Ein Kommentar von Gabor Steingart


Das Wichtigste im Leben eines politischen Beobachters ist das Kritisieren und Mahnen. Sein bevorzugter Gemütszustand ist eine notorische Unzufriedenheit mit der Welt, wie sie ist. Ein leidenschaftlicher Journalist, sagte einmal Rudolf Augstein, kann keinen Artikel schreiben, ohne im Unterbewusstsein die Wirklichkeit verändern zu wollen.

Merkel bei Besuch in Washington: Treffsicherheit, die andere Kanzler deutlich später und andere nie erreicht haben
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Merkel bei Besuch in Washington: Treffsicherheit, die andere Kanzler deutlich später und andere nie erreicht haben

Das politische Führungspersonal aller Couleur empfindet das natürlich als Zumutung. Helmut Schmidt war nicht ungnädig, nur ehrlich, als er die Journalisten als "Wegelagerer" beschimpfte. Helmut Kohl titulierte jene SPIEGEL-Leute, die ihm den Spitznamen "Birne" verpasst hatten, in kleiner Runde als "Mistkäfer". Auch Kanzler besitzen ein Recht auf Selbstverteidigung.

Nun kommt bei der traditionellen Arbeitsteilung – die einen regieren, die anderen kritisieren – in der Tat eine menschliche Fähigkeit zu kurz, von der hier die Rede sein soll: Das Staunen. Die Welt der Politik ist nämlich keineswegs die Vernunftswelt, zu der sie gemacht wird.

Sie ist im Gegenteil ein Kosmos von Irrationalitäten, Zufälligkeiten und persönlicher Überforderung, was schon daran liegt, dass das Führungspersonal keine Zeit zum Üben hat. Den Führerschein bekommt, wer Dutzende Fahrstunden hinter sich hat. Wer Kanzler wird, dreht die ersten Übungsrunden im Amt. Womit wir bei Angela Merkel wären.

Fehlende Erfahrung vermag sie durch Talent zu ersetzen

Das Erstaunen gilt einer Außenpolitikerin, mit der so nicht zu rechnen war. Angetreten war Merkel, das Land im Innern zu reformieren. Nun packt sie unversehens weltweit an. Zu besichtigen ist eine Instinktpolitikerin, die ihre fehlende Erfahrung ganz offensichtlich durch Talent zu ersetzen vermag. Natürlich lässt sich noch nicht mit Gewissheit bestimmen, welches Kaliber sie besitzt. Fest steht aber, dass sie eine Treffsicherheit aufweist, die andere Kanzler deutlich später und andere nie erreicht haben.

Der politische Elefant Helmut Kohl war in seinen frühen Kanzlerjahren ein wahrer Tollpatsch. Bei seinen Auslandsreisen konnte ihm die Fremdscham der Daheimgebliebenen sicher sein. "Patzt er oder patzt er nicht?" war eine ständige Frage.

Der Regierungschef Gerhard Schröder blieb bis zum vorzeitigen Ende seiner Amtszeit ein Innenpolitiker auf Reisen. Er verschenkte seine "Freundschaft" großzügig auch an Potentaten. Er prügelte auf den US-Präsidenten ein, weil er sich davon eine reiche Wahlkampfernte versprach. Er blieb Zeit seiner Kanzlerschaft ein brillanter Kampagnero und ein lausiger Außenpolitiker. Seine Währung war der Augenblicksvorteil, weshalb der Wechsel vom deutschen in den russischen Staatsdienst eigentlich niemanden verwundern dürfte.

Zurück an Amerikas Seite geführt

Das Erstaunen über Angela Merkel fällt umso größer aus, als sie nicht nur unfallfrei über die roten Teppiche stapft, sondern in der bisherigen Kürze ihrer Kanzlerschaft das Land wieder dorthin geführt hat, wo es hingehört – an die Seite Amerikas. Die Russen wurden dabei nicht verprellt, wohl aber zurückgestuft. Ihre Führer sind Partner, aber keine Freunde. Merkel spürt, dass die alte Sowjetunion nicht so tot ist, wie es Schröder bei der Amtsübergabe behauptet hatte. Das Autoritäre blieb, auch deshalb, weil es tiefer wurzelt als der Kommunismus. Ihre Werte sind nicht die unseren.

Der Weg nach Amerika, und das ist der entscheidende Verdienst der bisherigen Merkelschen Kanzlerschaft, führte sie keineswegs zurück zu jenem alten konservativen Standort, der mit dem Schildchen "Deutsch-Amerikanische Freundschaft" markiert war und zuletzt nur noch das despektierlich gemeinte Kürzel DAF trug. Vasallentreue - das war einmal und kommt nie wieder.

Merkel verzichtet auf klebrige Verbrüderungsgesten, die immer auch Unterwerfung bedeuteten. Amerika ist für sie ein Verwandter ersten Grades und nicht der Erziehungsberechtigte von jenseits des Atlantik.

Geeigneter Partner in Zeiten der Globalisierung

Vor allem aber sieht sie in der westlichen Großmacht den geeigneten Partner, um Herausforderungen und Zumutungen der Globalisierung begegnen zu können. So probiert sie derzeit etwas, was in dieser Kühnheit zuletzt Willy Brandt probiert hatte. Der SPD-Kanzler entwarf die Entspannungspolitik gegenüber dem Ostblock, die auf dem Prinzip "Wandel durch Handel" beruhte. Und er überzeugte die zunächst widerwilligen Amerikaner, dass sein Konzept besser als das ihrige sei. Sein Erfolg begründete Weltruhm.

Die heutige Kanzlerin versucht auf anderem Feld etwas Ähnliches, wobei Vergleichen nicht Gleichsetzen bedeutet. Wir überblicken heute nicht das ganze Stück, nur die Eröffnungsszene. Nach dem ersten Passierscheinabkommen mit der DDR war auch Brandts Entspannungspolitik noch nicht voll entfaltet.



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