Merz und Westerwelle Schwarz-gelbes Traumpaar im Sauerland

Symbolträchtige Wanderung: Das Enfant terrible der Union, Friedrich Merz, wandert mit Guido Westerwelle durch Berg und Tal. Der FDP-Chef nutzt die Gelegenheit - und rühmt sich nach Kräften seines neuen Freundes. Dem allerdings scheint der Ausflug irgendwann selbst etwas ungeheuer zu werden.

Aus dem Sauerland berichtet


Winterberg - Sein Tag ist es auf jeden Fall, das ahnt er schon. Guido Westerwelle reibt sich die Hände, als er zur Begrüßung aufs Podium tritt. "Willkommen zu unserer unschuldigen Wanderung", ruft er strahlend und lässt beim Wort "unschuldig" genüsslich die Stimme nach oben rutschen. Er will jetzt auch volksnahen Humor zeigen, so wie Friedrich Merz gerade. Der CDU-Politiker hatte über den Ausflug mit dem FDP-Chef gewitzelt: "Wir kennen uns schon seit Studententagen. Mehr ist es nicht." Schallendes Gelächter. Und natürlich sagen beide noch etwas zur Globalisierung. Schließlich soll die das Thema sein auf der "philosophischen Wanderung im Hochsauerland", zu der ein Ferienressort geladen hat und die eigentlich nichts anderes sein soll als eine Wohltätigkeitsveranstaltung.

Der eigentliche Anlass des Ausfluges freilich interessiert den Tross von Fotografen und Kameramännern wenig, der bald schwitzend und schnaufend schwere Gerätschaft durch die sauerländischen Fichtenwälder schleppt und mit gezückten Objektiven um die beiden Politiker herumtänzelt. Denn natürlich gibt es wilde Spekulationen. Was treibt Merz dazu, mit Westerwelle mitten durch seinen Heimatwahlkreis zu ziehen? Er will doch nächstes Jahr nicht einmal mehr als Bundestagskandidat antreten - warum dann dieser erneute Seitenhieb in Richtung Große Koalition? Noch dazu will Merz Anfang September als Gastredner bei einem Abendessen der FDP-Fraktion auftreten.

Natürlich hat man ihm auch diesmal wieder Rachegelüste nachgesagt, er gibt Angela Merkel ja regelmäßig einen mit. 2002 hat die heutige Bundeskanzlerin den Widersacher vom Fraktionsvorsitz verscheucht, das habe er bis heute nicht verkraftet, heißt es. Es war schließlich der Anfang vom Ende seiner politischen Bilderbuchkarriere - 2004 legte der heute 52-Jährige alle Ämter in Fraktion und Präsidium nieder. Ein paar Jahre zuvor hatte er noch mit der Kanzlerschaft geliebäugelt.

Aber so richtig gefällt sich Merz an diesem Samstag nicht in der Rolle des Rabatzmachers. Sicher, es dauert keine fünf Minuten, da ist er schon bei den "dramatischen" Zuständen im Land. "Wir sind mit den Lafontaines zu zögerlich", schimpft er schon im Bus, der die Wanderer zu ihrem Startpunkt bringt. Aber versteckte Unterstützung Westerwelles, vielleicht sogar ein Wechsel in die FDP? "Sommerlochthema", motzt Merz da, die Arme vor dem knallroten Anorak verschränkt. Er und Westerwelle seien schlicht von den Veranstaltern zusammen eingeladen worden, betont er später zur Sicherheit auch noch vor der Fernsehkamera und macht mit der Hand eine beschwichtigende Geste. Wäre Angela Merkel eingeladen worden, hätte er auch mitgemacht, sagt er. Irgendwie scheint ihm das ganze Theater zu viel zu werden.

Zumal Westerwelle voll aufdreht. Er hat nagelneue schwarze Wanderschuhe mit gelben Schnürsenkeln an den Füßen, die er genüsslich den Reportern entgegenstreckt. Merz guckt ratlos auf die Stiefel. Er werde Merz immer anrufen und ihm die Lage erklären, wenn der aus der Politik draußen sei, sagt Westerwelle. Merz lächelt gequält.

Er müsse ja eigentlich "nur still wandern, um zu zeigen, was ich sagen will", erklärt Westerwelle später, als er damit eine Weile über die steinigen Wege gestapft ist. Fünf Minuten später referiert er mit ausholenden Gesten sein gesamtes Repertoire. Warnt vor den "Sozialisten" der Linken: "Die SPD und die Grünen rennen der Linken hinterher, und die Union marschiert der SPD hinterher." Er lobt die Leistungsbereitschaft der heutigen Studentengeneration und Männer wie Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher und auch Friedrich Merz für ihre "gelebte Unabhängigkeit".

Er kommt an hier im Sauerland mit seinen volksnahen Tönen. Westerwelle und Merz seien sich schon ähnlich, schwärmt ein Rentner, der mit einem dicken Fotoapparat um den Hals und Videokamera in der Hand schnaufend versucht, Schritt zu halten. "Die Ausstrahlung, die Jungenhaftigkeit, und reden können sie beide."

Sicher, das mit der Männerfreundschaft klappt nicht so. Merz scheint immer genau am andern Ende des Trosses zu laufen wie Westerwelle. Irgendwann bleibt der einfach stehen, bis Merz auf gleicher Höhe ist. "Schön, ne?", fragt Westerwelle dann jovial und wiederholt extra für den Freund seinen Witz über den mitlaufenden Bürgermeister von Winterberg noch einmal. "Ich hab grade schon gesagt, der Bürgermeister schwächelt", kalauert der FDP-Chef eine Spur zu laut und strahlt Merz an. Merz reagiert mit höflichem Lächeln, ein paar Worten und stapft weiter. "Was für 'ne Hetze", sagt eine Frau angesichts des flotten Schritts des Zwei-Meter-Mannes einmal, der ab und an in sich versunken scheint, als sei er auf einem persönlichen Protestmarsch.

"Leute, die wirklich was zu sagen haben"

Doch dann strahlt er plötzlich doch wieder. In der Schützenhalle Neuastenberg ist Merz in seiner Welt. Eine Drehorgeltruppe leiert "Bunt sind schon die Wälder" und "Lustig ist das Zigeunerleben", Merz begrüßt die Musiker mit Handschlag und Spitzbubenlachen. 200 Sauerländer drängen sich an langen Holztischen und vor dem Buffet mit Kartoffelsalat und Würstchen. Und der Moderator auf dem Podium, wo zum Abschluss des Wandertages noch eine Diskussion stattfinden soll, umschmeichelt Westerwelle und vor allem Merz als "Leute, die wirklich was zu sagen haben".

Die klare Nummer eins in dieser Schützenhalle heißt Friedrich Merz, so viel ist schnell klar. Disziplin sei nötig in einer Familie, erklärt er irgendwann. "Wenn das erzkonservativ ist, bin ich es gerne." "Bravo", tönt es dafür sofort aus dem Publikum. Merz kann eigentlich sagen, was er will - er bekommt immer lauten Applaus. Vor allem aber, wenn er fordert, die Politik müsse wieder Führungsaufgaben übernehmen.

Plötzlich scheinen ihm da auch Westerwelles Tiraden recht zu sein. Dabei ist der jetzt gar nicht mehr zu stoppen. Er haut drauf, wo es geht, als wäre das hier seine persönliche Wahlkampfveranstaltung. Von Globalisierung ist bald kaum noch die Rede. "Mein Lieblingssozialdemokrat in der Bundesregierung ist Horst Seehofer", ruft Westerwelle stattdessen ins Publikum. Merz hat den Kopf in die Hand gestützt und zeigt keine Regung. Auch die Gesundheitsreform kriegt noch ihr Fett weg: "Das ist DDR light, was jetzt kommt." Merz kratzt sich am Hals und schweigt.

Es ist, als überließe er einfach Westerwelle, mal alles rauszulassen, was sich bei ihm selbst so über die Jahre angestaut hat. Ob denn Frau Merkel irgendwas richtig gemacht habe, will der Moderator von ihm irgendwann dann doch wissen. "Das fragen Sie mich jetzt?", stottert Merz erst und sagt dann etwas darüber, wie "hervorragend" ihre Außenpolitik sei und wie gut Deutschland jetzt im Ausland dastehe. "Das ist doch nicht das Kriterium", poltert Westerwelle gleich wieder los. Und Merz sagt lachend: "Jetzt übernimm du mal den Teil, das ist mir auch lieber."

Er wolle wirklich aufhören 2009, betont Merz irgendwann dann doch noch. Das habe er so gewollt, erklärt er ruhig und wirkt nicht so, als sei das hohles Gerede. Und sagt dann noch etwas, was seine Wanderkameraden dieses Tages schon geahnt haben - und was Angela Merkel sicher nicht gerne hören wird.

Zu Wort melden wolle er sich in Zukunft schon immer mal wieder.



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