Nachbarn berichten Ahmad aus Haus vier

Hamburg zeigt sich einen Tag nach der tödlichen Messerattacke bestürzt: Während die Menschen am Tatort Blumen niederlegen, herrscht im Flüchtlingsheim Ratlosigkeit über die Motive des Angreifers.

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Die meisten Rollläden an den grauen Wohncontainern der Flüchtlinge sind an diesem Samstagmorgen noch heruntergelassen. Die regennassen Wege zwischen den zwei- und dreistöckigen Unterkünften in Langenhorn sind leer. Trostlos ist es hier. Nur zwei Beamte der Kriminalpolizei untersuchen in aller Frühe schon den Ort, an dem Ahmad A. lebte. Jener Mann, der am Freitagabend mit einem Messer im Edeka-Markt in Barmbek eine Person tötete und mehrere schwer verletzte.

Der Schock am Tag danach sitzt tief - der Terror scheint plötzlich so nah. Handelte Ahmad A. allein? Steckt die Terrormiliz "Islamischer Staat" dahinter? Es gibt viele Fragen, nur eines ist sicher: Das Gefühl der Unsicherheit ist plötzlich gewachsen. "Man kann ja nicht mehr allein auf die Straße gehen", sagte eine ältere Frau zu einer Bekannten, als die beiden langsam die Einfahrt der Flüchtlingsunterkunft passieren.

Haus 4, zweiter Stock, Zimmer 429. In diesem Zimmer des Wohncontainers lebte der 26-jährige Ahmad A. Den Raum hat die Polizei bei einem Einsatz am Freitagabend untersucht und versiegelt. An der Tür sind noch Schlieren vom Pulver der Spurensicherung zu sehen.

Versiegelte Tür
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Versiegelte Tür

Einige Zimmer weiter lebt ein syrischer Flüchtling, der den Messerangreifer kannte: Sie hätten zusammen Fußball gespielt. "Ahmad war ein komischer Typ, ein Einzelgänger", der häufiger Haschich geraucht habe. Andere Bewohner des Flüchtlingscamps, das Platz für bis zu 600 Menschen bietet, bezeichnen den 26-Jährigen als unauffällig.

Der syrische Flüchtling hingegen schildert weitere Auffälligkeiten. "Ich habe häufiger gehört, wie jemand Allahu Akbar aus dem Küchenfenster rief", sagte er. "Das war Ahmad", sagt er. Seine Freunde hätten ihm das bestätigt. Belegen lässt sich diese Beobachtung jedoch nicht.

Die Frage bleibt: War der Angreifer ein radikaler Islamist?

Die Sicherheitsbehörden sehen Hinweise auf eine Radikalisierung sowie religiöse und islamistische Motive. Auch nach der Tat am Barmbeker Edeka-Markt schilderten Augenzeugen, den Ausruf "Allah ist groß" gehört zu haben. Was letztlich den Ausschlag für den Angriff mit dem 20 Zentimeter langen Messer gegeben hat, dazu haben die Behörden noch keine gesicherten Erkenntnisse.

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Messerattacke in Hamburg: Angriff beim Einkauf

Klar ist bisher nur: Die Behörden lehnten das Asylgesuch des 2015 nach Deutschland eingereisten Palästinensers ab. Eigentlich hätte er schon ausreisen sollen, doch für eine Abschiebung fehlten die Papiere.

Ein Stuhl als Schutz

"Papa, ruf sofort an!" Jamel schaut erneut auf die WhatsApp-Nachricht, die ihm sein Sohn am Freitag kurz nach der tödlichen Attacke in Barmbek schickte. "Mein Sohn wusste, dass ich in meinem Stammcafé bin." Es liegt direkt schräg gegenüber vom Edeka-Markt, wenige Meter entfernt. Einen Tag nach dem Angriff sitzt Jamel wieder in dem Café.

Die Erlebnisse des Vortags sind noch sehr nah. Plötzlich habe es auf der Straße Schreie gegeben. Er sah, wie unweit des Cafés Ahmad A. entlanglief. "Ich habe gedacht, der geht jetzt auf uns los", sagt Jamel. Das Messer sei blutverschmiert gewesen. "Das war eine riesige Klinge."

Einige Gäste seien daraufhin aufgesprungen, hätten sich die Stühle geschnappt, um sich zu verteidigen. Keine zwei Meter war der Angreifer entfernt, sagt er. "Ich habe ihm zugerufen, er soll das Messer wegwerfen", sagt Jamel. Andere Gäste hätten den Angreifer dann weiterverfolgt. "Der wirkte wie ein Psycho."

Ralph Woyna
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Ralph Woyna

Auch Ralph Woyna hat es an in die Nähe des Tatorts zurückgezogen. Er war ebenfalls in dem Café, als der Angreifer mit seinem Messer dort herumlief. "Ich habe mich sofort nach Fluchtwegen und möglichen Waffen umgeschaut", sagt er. Ihn habe beeindruckt, dass so viele Menschen versucht hätten, den Angreifer zu überwältigen. "Das ist ein gutes Zeichen."

Trauer am Edeka-Markt

Silke Opfer hat zwei weiße Rosen in der Hand. Sie ist auf dem Weg zum Edeka-Markt, der nach der schrecklichen Tat geschlossen wurde. Vor dem Eingang haben schon viele Menschen Blumen und Kerzen abgelegt, kleine Zettel geschrieben, mit denen sie ihre Trauer ausdrücken wollen. "Wer macht nur so was", sagt sie laut.

Silke Opfer
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Silke Opfer

Während der Arbeit hörte sie über das Radio von dem Angriff und konnte es kaum glauben. Am Samstagmorgen fasste sie deshalb den Entschluss ,zu dem Tatort zu gehen. "Ich möchte, dass wir der Opfer gedenken und zeigen, dass wir uns solchen Taten entgegenstellen." Ein Gefühl, das viele Hamburger an diesem Tag teilen.



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