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30. Juli 2018, 15:44 Uhr

Özil-Debatte und #MeTwo

Mimimi Muslime?

Eine Kolumne von

In der Özil-Affäre geht es nicht nur um Rassismus. Es geht um die deutsche Islamfeindlichkeit. Der Muslim als Opfer? Das darf einfach nicht sein.

Ganz Deutschland diskutiert. Die alte Boulevard-Schlagzeile, hier stimmt sie mal. Wie steht es um den Rassismus im Land? Und wer sind seine Opfer? Im Netz sammeln Migranten und ihre Kinder unter dem Zeichen von #MeTwo Erzählungen von Demütigung, Erniedrigung, Enttäuschung. Aber der Aufschrei hat gleich den Widerspruch zur Folge: Die Klage gegen den Rassismus im Land zeuge von nichts als Undankbarkeit, Selbstmitleid und Verfolgungswahn. Verdient Deutschland den "Rassismus-Hammer"?

Ganz so einfach ist es nicht. Denn der Fall Özil und sehr viele der #MeTwo-Fälle handeln nicht von irgendeinem Rassismus: Es geht um die Islamfeindlichkeit der Deutschen. Und es geht nicht um irgendwelche Migranten. Es geht um die Muslime. #MeTwo ist vor allem ein Aufschrei der deutschen Muslime. Die da jetzt im Netz über Diskriminierung berichten, heißen Nadir, Tayfun, Bahar. Es sind Migranten und deren Nachkommen aus muslimisch geprägten Ländern.

Wenn man italienischer Herkunft ist und - sagen wir - Giovanni di Lorenzo heißt, wird man in Deutschland heute seltener Opfer von Diskriminierung. Im Gegenteil: Dem Kartoffeldeutschen zaubert so ein Name ein beseeltes Lächeln ins Gesicht, und in der Pizzeria spendiert die Tochter vom Wirt noch einen Espresso.

Aber der Journalist Ali Can, Sohn kurdisch-alevitischer Eltern aus dem Südosten der Türkei, der den Anstoß zu #MeTwo gegeben hat, der weiß, was Diskriminierung bedeutet: Der deutsche Rassismus der Gegenwart zielt vor allem auf Muslime.

Religionszugehörigkeit wird ethnisiert

Nun sind Muslime keine "Rasse", und der Islam auch nicht. Dennoch trifft der Begriff Rassismus. Denn auch der Rassismus geht mit der Zeit. Biologistische Argumente sind ein alter Hut aus vergangenen Jahrhunderten. Heute geht es um Kultur.

Religionszugehörigkeit wird ethnisiert. Und Ressentiment tarnt sich als Religionskritik. Die "Islamkritik" ist ein Lieblingssport der rechten Deutschen geworden - dabei ist der Begriff ebenso unsinnig wie jener von der "Israelkritik". Ein ganzes Land ist gar nicht sinnvoll zu kritisieren, und die Kritik einer ganzen Religion sollte man lieber den Theologen überlassen.

Video: Initiator Ali Can über #MeTwo und Mesut Özil

Étienne Balibar hat den Begriff vom "Rassismus ohne Rassen" geprägt. Das Rassistische liegt in der angenommenen Minderwertigkeit und Unveränderlichkeit des anderen. In Deutschland bedeutet das: Was früher die "Gastarbeiter" waren, sind heute die "Muslime".

Mit nicht zu überhörender Patzigkeit hat darum zum Beispiel Michael Wolffsohn in der "Bild" den Rassismusvorwurf zurückgewiesen: "Wenn Deutschland tatsächlich so rassistisch wäre, wie Özil - und auch Erdogan - behaupten, stellt sich die Frage, weshalb Millionen Menschen aus aller Welt, allen zuvorderst der islamischen, ausgerechnet nach Deutschland kommen oder kommen wollen."

So schlecht kann es also den Muslimen in Deutschland gar nicht gehen, wenn sie aus dem zerbombten Syrien hierher kommen, meint also Wolffsohn - der sich in einen bemerkenswerten assoziativen Zusammenhang begibt, wenn er schreibt, gerade er als Jude habe sowohl etwas gegen die "'Auschwitz-Keule'" als auch gegen den "Rassismus-Hammer", wenn damit auf unschuldige Deutsche eingeschlagen werde.

Wolffsohn hat mal Historiker gelernt. Quellenstudium gehört da eigentlich zur Ausbildung. Vielleicht ist das zu lange her, oder er hat nicht richtig aufgepasst. Jedenfalls hatte Özil gar nicht den deutschen Rassismus an sich angeklagt, sondern den Rassismus mancher Deutscher. Am Spielfeldrand, in seinem Verband, in den sozialen Medien. Um den Unterschied deutlich zu machen, hat er über diese Leute gesagt: "Sie repräsentieren ein Deutschland der Vergangenheit." Das Deutschland der Gegenwart ist also, so sieht es Özil, ein anderes.

Muslime dürfen keine Opfer sein

Bei den Dunkeldenkern deutscher Islamophobie ist dieser Unterschied gar nicht richtig angekommen. Warum? Weil bei ihnen das Bedürfnis übermächtig groß ist, einem Eindruck vorzubeugen, der sich auf gar keinen Fall einstellen darf: Muslime dürfen keine Opfer sein.

Der Deutsche kennt seine Muslime nämlich. Sie können sich nicht anpassen. Haben archaische Bräuche. Fühlen sich fremd in der Moderne. Haben weder Papst noch Luther. Gehören einer minderwertigen Kultur an. Und ihre Religion gehört auf keinen Fall zu Deutschland.

Was heißt Religion? In den Dunkelstuben der rechten Alltagstheologen ist längst ausgemacht, dass der Islam gar keine richtige Religion sei - sondern eine Ideologie. Eine Herrschaftsideologie. Noch schlimmer: eine faschistische. Unterdrückung sei sein Programm: Unterdrückung der Frauen, der Homosexuellen, der Juden.

Und weil das alles so ist, können Muslime eben nie Opfer sein - sondern sind immer Täter. Das weiß doch jeder. Muslime, das sind die, die sich in die Luft sprengen.

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