Razzia in sechs Bundesländern »Kalif von Köln« soll Organisation aus der Türkei weiterbetrieben haben

Metin Kaplan wurde als »Kalif von Köln« bekannt. Nach seiner Rückkehr in die Türkei im Jahr 2004 betrieb der Islamistenführer die verbotene Organisation »Kalifatstaat« aber offenbar jahrelang weiter.
Metin Kaplan: Anführer des »Kalifatstaats«

Metin Kaplan: Anführer des »Kalifatstaats«

Foto: Hermann J. Knippertz / AP

Wegen des Verstoßes gegen das Vereinigungsverbot sind bei einer groß angelegten Razzia 50 Gebäude durchsucht und drei Personen verhaftet worden. Der Generalstaatsanwaltschaft Koblenz zufolge handelt es sich dabei um die von Metin Kaplan geführte Organisation »Kalifatstaat«. Kaplan soll die Organisation aus der Türkei weitergeleitet haben.

Kaplan war im Jahr 2000 wegen öffentlicher Aufforderung zu Straftaten zu vier Jahren Haft verurteilt und 2004 aus Deutschland in die Türkei abgeschoben. Die Organisation »Kalifatsstaat« wurde 2001 verboten. 2005 verurteilte ein türkisches Gericht Kaplan zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Diese wurde 2010 auf 17 Jahre und sechs Monate reduziert. 2016 wurde Kaplan wegen einer Krebserkrankung vorzeitig aus der Haft entlassen.

Hinweis aus dem rheinland-pfälzischen Verfassungsschutz

Die Ermittlungen richten sich gegen insgesamt 41 Menschen. Die Staatsanwaltschaft wirft den Beschuldigten vor, als Rädelsführer die verbotene Vereinigung »Kalifatstaat« aufrechterhalten beziehungsweise sich als Mitglied beteiligt zu haben. Zudem sollen Nichtmitglieder Propagandamaterial verbreitet haben. Die Beschuldigten sollen durch Verkauf von Kaplans Schriften und Spendensammlungen und Lebensmittelverkauf erhebliche Einnahmen erzielt haben, um die Vereinsstrukturen aufrechtzuerhalten. In leitender Position soll Kaplans Sohn für die Organisation tätig gewesen sein.

Zehn Beschuldigte stammen aus der Region um Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz, ein weiterer aus Nordrhein-Westfalen. Die Ermittlungen basieren auf einen Hinweis des rheinland-pfälzischen Verfassungsschutzes. Dadurch ergab sich der Verdacht, dass innerhalb eines Moscheevereins in Bad Kreuznach in Predigten und durch den Verkauf von Propaganda die Organisation des »Kalifatsstaat« aufrechterhalten wird.

Die beiden Hauptverantwortlichen der Moschee in Bad Kreuznach sollen Anordnungen von Kaplan durchgesetzt haben. Diese hätten sie unmittelbar von ihm erhalten. Ausgehend von diesen Ermittlungen ergab sich der Verdacht, dass der "Kalifatsstaat" über Bad Kreuznach Kontakte zu weiteren Moscheen in Deutschland hält. Daher leiteten die Ermittlungsbehörden im niedersächsischen Celle sowie in München, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Karlsruhe und Köln eigene Ermittlungen ein.

Kaplan-Anhänger planten Attentat in der Türkei

Der »Kalifatstaat« galt Anfang der Nullerjahre als die radikalste islamistische Vereinigung, die in Deutschland aktiv war. Anhänger Kaplans wurden verdächtigt, 1998 anlässlich der 75-Jahr-Feier der modernen Türkei einen Anschlag auf das Mausoleum des Staatsgründers Kemal Atatürk geplant zu haben. Die türkische Polizei stellte damals drei große Gaskartuschen und 200 Kilogramm Sprengstoff sicher. Verfassungsschützer schätzten damals, dass Kaplan bundesweit zwischen 1500 und 2000 Anhänger hatte.

Die Kaplan-Anhänger sind vehemente Gegner des laizistischen Systems der Türkei, in dem Staat und Religion getrennt sind. Seit der Gründung des »Kalifatstaats« Anfang der Achtzigerjahre unter dem Vater Metin Kaplans verfolgen sie das Ziel der »Befreiung« der Türkei und der anschließenden Wiedererrichtung des 1924 von Atatürk abgeschafften Kalifats, der religiös-politischen Staatsordnung der islamischen Geschichte.

Die Unterstützer lehnen die Demokratie ab und fordern die Einführung islamischer Rechtsnormen. Nach dem Verbot des »Kalifatstaats« gab es immer wieder Berichte, dass einzelne Mitglieder sich neu zu organisieren versuchten. Einige hochrangige Anhänger des »Kalifatstaats« tauchten unter. Andere setzen sich ab, zum Teil in die Niederlande, wo mit der Stiftung »Diener des Islam« eine Partnerorganisation der Kaplan-Gruppe existiert.

Metin Kaplan selbst war im Jahr 2000 vom Oberlandesgericht Düsseldorf zu vier Jahren Haft verurteilt worden, weil er öffentlich zur Ermordung eines religiösen Widersachers aufgerufen hatte.

muk/AFP
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