Jan Fleischhauer

Zivilisatorischer Fortschritt Ein schlechter Witz, und du bist raus

Die Gesellschaft ist nicht zwischen Arm und Reich gespalten, sondern zwischen den Rohen und den Überempfindlichen. Warum nimmt sich die Linke nicht mal der emotional Minderbemittelten an, statt sie ins gesellschaftliche Aus zu stellen?
Drei Männer behindern am 5. Juli 2015 in Bremervörde (Niedersachsen) nach einem tödlichen Unfall die Arbeit der Rettungskräfte.

Drei Männer behindern am 5. Juli 2015 in Bremervörde (Niedersachsen) nach einem tödlichen Unfall die Arbeit der Rettungskräfte.

Foto: Theo Bick/ dpa

Ich saß vor ein paar Wochen bei "Maischberger," um darüber zu diskutieren, ob unsere Gesellschaft verroht. Anlass war der Angriff auf den Bürgermeister der kleinen Stadt Altena, dem ein betrunkener Maurer ein Messer an den Hals gesetzt hatte. Der Mann hatte sich geärgert, dass man den Flüchtlingen alles "reinschob", wie er sich ausdrückte. Das hatte gereicht, um bei ihm die Sicherung durchbrennen zu lassen.

Wenn der Blick einmal für ein Thema geschärft ist, fallen einem Dinge ins Auge, die man vorher übersehen hat. Fast jede Woche findet sich irgendwo ein Bericht über Feuerwehrleute oder Rettungssanitäter, die bei der Ausübung ihrer Arbeit attackiert werden. Schon die Einrichtung einer Rettungsgasse kann zu einigem Aufstand führen, weil die Leute nicht einsehen mögen, dass man sie beim Gaffen stört.

Selbst Polizeibeamte sind vor Übergriffen nicht mehr sicher. Am Wochenende machte ein Vorfall aus Regensburg die Runde, wo die Situation eskaliert war, als Beamte eine Gruppe von Jugendlichen kontrollieren wollten, die sich ungebärdig verhielten. Einer der Polizisten landete im Krankenhaus, weil er mit Tritten gegen den Kopf malträtiert worden war. Wie gesagt: Regensburg! Wenn es schon da zugeht wie in Berlin-Neukölln, auf was müssen wir uns dann einstellen?

Zwei völlig gegenläufige Bewegungen

Wer den Meldungen aufmerksam folgt, muss den Eindruck gewinnen, dass in Deutschland mächtig was aus dem Lot geraten ist. Aber verroht die Gesellschaft wirklich, wie es allenthalben heißt?

Ich kenne in meiner Umgebung niemanden, der Anzeichen der Verrohung zeigt. Keiner meiner Bekannten käme auf die Idee, fremde Menschen anzupöbeln oder sich ein Wortgefecht mit Rettungssanitätern zu liefern, die sich nichts anderes haben zuschulden kommen lassen, als Menschen in Not zu helfen. Meine Bekannten schreiben auch keine Hassmails oder zeigen andere Formen sozialer Auffälligkeit. Im Gegenteil: Wenn man sie auf ein Fehlverhalten hinweist, reagieren sie erst einmal bestürzt.

Das Interessante ist aus meiner Sicht, dass wir gegenwärtig zwei völlig gegenläufige Bewegungen beobachten können. Während ein Teil der Gesellschaft erkennbar Schwierigkeiten hat, sich gemäß der im zivilisatorischen Fortschritt etablierten Normen zu verhalten, nehmen im anderen Teil der Gesellschaft laufend die Standards zu.

In den USA hat im Zuge der #MeToo-Debatte gerade der Fall des Schauspielers Aziz Ansari für Aufsehen gesorgt, dem eine Frau nach einem Date vorwarf, er habe ihre nonverbalen Zeichen nicht richtig gedeutet, angefangen damit, dass er ihr zu Beginn des Abends Weißwein statt Rotwein anbot. Das erschien selbst der "New York Times" eine bemerkenswerte Weiterung der Debatte. Wer sich durch die falsche Auswahl des Weins beleidigt fühlt, kann aufstehen und gehen, empfahl die Autorin Bari Weiss . Klingt einleuchtend. Aber so einfach, wie es sich die "New York Times" macht, liegen die Dinge nicht mehr.

Auf SPIEGEL ONLINE habe ich den Fall eines Kollegen gelesen, der sich noch ein Jahr, nachdem er im angetrunkenen Zustand einen unangemessenen Witz gerissen hatte, Vorwürfe machte, dass er über die Stränge geschlagen haben könnte. Die Frau, der er schrieb, dass ihm der Vorfall bis heute leid tue und dass er aus der Sache gelernt habe, hatte den Vorgang übrigens längst vergessen, wie sie ihm zurückschrieb.

"Carl, das kreiert keine gute Atmosphäre"

Die neue Sensibilität macht nicht beim Kontakt der Geschlechter halt. Jede Form der Aggression, und sei sei sie nur symbolisch, zieht im aufgeklärten Mittelschichtsmilieu unweigerlich eine Sanktionierung nach sich. Als einer meiner Söhne an Fasching als Cowboy verkleidet zur Schule kam, nahm ihm die Lehrerin umgehend das Plastikgewehr ab. "Carl, das kreiert keine gute Atmosphäre", sagte sie und nahm die "Waffe" in Verwahrung.

Wir sind stolz darauf, eine egalitäre Gesellschaft zu sein. Größere Unterschiede rufen Unwohlsein hervor. Jeder Armutsbericht, der eine wachsende Spaltung konstatiert, findet breite Beachtung. Aber die Spaltung der Gesellschaft in emotional Minderbemittelte und emotional Bessergestellte nehmen wir achselzuckend hin.

Wer die sich ständig verändernden Codes der Empfindsamkeit nicht richtig zu lesen versteht, gehört zu den Abgehängten, für die man nur Verachtung empfindet. Da gibt es keinen Augstein, der Verständnis zeigt und die Begüterten zur Umkehr aufruft. Diese Ausgesteuerten und Deklassierten sind wirklich draußen.

In Wahrheit ist uns ziemlich egal, wie es an den emotionalen Rändern zugeht, solange sie sich nicht bemerkbar machen. Erst wenn die unausgesprochene Segregation durchbrochen wird, und die Leute mit dem rückständigen Denken zu sehr in Erscheinung treten, merkt man in den Zonen der neuen Empfindsamkeit auf.

Ich habe nichts gegen Klassengesellschaften. Ich nehme Unterschiede zwischen Menschen als Tatsache des Lebens. Mich wundert nur, dass diese gesellschaftliche Spaltung bei den sozial Besorgten kein Thema ist. Wäre es nicht an der Zeit, auch den emotional Zurückgebliebenen mit Anteilnahme und Achtung zu begegnen?