Meuterei auf der "Gorch Fock" Ende des Kadavergehorsams

Ausgerechnet auf Deutschlands Vorzeigeschiff "Gorch Fock" sollen sich junge Matrosen gegen ihre Anführer aufgelehnt haben. Sie wollten nicht länger harte Befehle ausführen. Dschungel-Star Rainer Langhans hätte damit kein Problem. Was sagt das über Deutschland im Jahr 2011 aus?

DPA

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In Langemarck in Flandern stürmten im Jahr 1914 etwa 2000 junge Soldaten auf Geheiß des deutschen Kaisers ins gegnerische Maschinengewehrfeuer. Später kämpften deutsche Offiziere und Mannschaften in Russland und anderswo einen wahnsinnigen Krieg: Stur befolgten sie jeden grausamen und tödlichen Befehl ihres "Führers", zu nennenswerten Meutereien, Befehlsverweigerungen oder Aufständen kam es an der Front so gut wie nie.

Die wenigen Deserteure, die es in der Wehrmacht gab, galten noch lange nach dem Krieg wahlweise als Kameradenschweine oder Vaterlandsverräter. Kurz gesagt: Der Kadavergehorsam war eine deutsche Erfindung, mit Patent und Siegel. Damals.

Und heute? Heute herrscht in Deutschland verkehrte Welt: Auf der "Gorch Fock" sollen sich junge Soldaten gegen die Offiziere aufgelehnt haben, weil sie Angst hatten vor dem "Aufentern". Weil sie sich zu hart behandelt fühlten. Sie wollten nicht mehr gehorchen. Nun wird der genaue Hergang untersucht.

Was ist denn da passiert? Was ist mit den Deutschen los? Warum versagt ausgerechnet auf Deutschlands Vorzeigeschiff Nummer eins das deutscheste aller deutschen Prinzipien: Befehl und Gehorsam.

Alles ein Ausdruck der spätrömischen Dekadenz?

Natürlich hat ein Kommandeur, hat ein Minister zu Guttenberg ein Problem, wenn die Soldaten in seiner Truppe nicht mehr gehorchen. Der Befehl und seine korrekte Ausführung sind für alle Armeen dieser Welt das A und O. Ohne sie geht nichts.

Nun könnte man es sich leicht machen und sagen: Die ganze Geschichte ist ein einmaliger Vorgang, entstanden aus einer Verkettung unglücklicher Zufälle. Führungsversagen oder sonst ein Planungsfehler bei der Bundeswehr. Die Auflehnung der Rekruten ist ein Sinnbild für die "spätrömische Dekadenz" (Guido Westerwelle), die nun allenthalben um sich greift.

Während vor wenigen Jahren noch junge deutsche Soldaten ohne Murren und Knurren selbst die irrwitzigsten Befehle unbeirrt befolgten, sind die jungen Leute von heute eben zu weich, zu verdorben durch Konsum, Facebook, Privatfernsehen, McDonald's und sonstige postmoderne Versuchungen. Kurz gesagt: Sie sind verwöhnt. Sie haben mehr Lust auf Jetski-fahren vor Sylt als auf Kartoffelschälen in der Kombüse der " Gorch Fock". Ihr wahrer Held heißt nicht Manfred von Richthofen, sondern Jay-Z.

Das mag alles sein, aber reicht das als Erklärung?

Zur Wahrheit gehört, dass sich in Deutschland seit Langemarck vieles grundlegend geändert hat. Gott sei Dank ist es nicht mehr das Land von Befehl und Gehorsam. Zu den skurrilsten Nachrichten der vergangenen Jahre gehörte, dass Engländer und Amerikaner den deutschen Soldaten in Afghanistan vorwarfen, sie seien zu zaghaft.

Natürlich sind Land und Jugend verkorkst: Jeden Abend sind im Fernsehen in der Sendung "Dschungelcamp" der Ex-Kommunarde Rainer Langhans oder das Model Sarah zu sehen, die sich für Geld mit Kakerlaken umgeben - und Millionen zumeist junge Leute sitzen fasziniert vor der Glotze. Ein 68er im Bundeswehr-Einzelkämpfertest. Ist das etwa nicht gaga?

Aber das Land ist Gott sei Dank nach 60 Jahren Demokratie auch aufgeklärt, es ist bunt, es steht im Krieg, um anderen zu helfen. Es ist aber auch voll von Pazifisten: Es ist ein Land mit Bürgern, die Dinge in Frage stellen, die ihnen vorgesetzt werden. Sie führen keine unsinnigen Befehle mehr aus, nur weil ein Offizier sie anbellt. Sie wollen sich nicht brechen lassen. Sie sind aufgeklärte Demokraten, sie erkennen Machtmissbrauch und prangern ihn an.

Es wäre schön, wenn sich am Ende aller Untersuchungen herausstellt, dass es sich genau so auf der "Gorch Fock" zugetragen hat.

Kann man mit solchen Leuten eine Armee führen?

Natürlich - die beste der Welt.

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