Wowereit-Nachfolger Michael Müller Mehr Bürger als Meister

Kiez statt Coolness, Arbeiter statt Angeber: Michael Müller ist der richtige Mann für das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin. Denn in der Stadt leben längst nicht nur Hipster und Trendsetter.
So grinst ein Sieger: Michael Müller hat beim Mitgliederentscheid gewonnen

So grinst ein Sieger: Michael Müller hat beim Mitgliederentscheid gewonnen

Foto: Wolfgang Kumm/ dpa

Als dann alles klar war, wollte Michael Müller gerne nach Hause, um noch ein Bier zu trinken. "Wo sind denn meine Blumen?", fragte er beim Abgang aus der Parteizentrale. Nicht, dass er ein großer Freund von Grünem wäre. Er fragte rein pragmatisch, denn: "Wer weiß, wann ich mal wieder welche bekomme."

Dieser kleine Moment zeigt, was Berlin mit seinem künftigen Regierenden erwartet: ein nüchterner, realistischer und verlässlicher Mann. Der viel mehr Humor und Selbstironie besitzt, als ihm ständig nachgesagt wird. Und einer, der weiß: Die Party ist vorbei. (Obwohl aus sicherer Quelle überliefert ist, dass es in der Nacht zu Sonntag sehr spät wurde und nicht bei einem Bier blieb.)

Müller ist eben nicht die Fortsetzung der Wowereit-Politik, auch wenn er immer sein Mann war. Die eindeutige Wahl Müllers ist nicht Ausdruck von Kontinuität. Sie zeigt die Sehnsucht nach Ruhe, Verlässlichkeit und Berechenbarkeit. Die Sehnsucht einer Stadt, die nach permanentem Rausch und ständiger Überhöhung endlich durchatmen möchte.

Auf Berlin lasten - wie schon zu Beginn der Ära Wowereit - weiterhin 63 Milliarden Euro Schulden, für die dieses Land jährlich rund zwei Milliarden an Zinsen abdrückt. Zinsen - nicht Tilgung. Berlin zahlt monatlich rund 28 Millionen Euro für die peinlichste Bauruine der Republik, die so tut, als würde sie mal ein Flughafen. Berlin ist Spitzenreiter beim Auszahlen von Transferleistungen und liegt meist ganz hinten bei den Bildungsrankings.

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Berlins nächster Regierender Bürgermeister: Das ist Michael Müller

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Wer über das hippe, weltweit beliebte Berlin redet, vergisst, dass der allergrößte Teil der Menschen, die hier leben, nicht im Regierungsviertel essen geht, gerade ein Start-up in Mitte gründet oder im Prenzlauer Berg seine Altbauwohung saniert. Die Mehrheit der Menschen wäre froh, sie könnte zur Arbeit gehen. Und wenn sie zur Arbeit fahren, dann mit einer S-Bahn, die nicht bei der ersten Schneeflocke ihren Betrieb einstellt. Vor der Arbeit würde man sein Kind gerne in einer Kita abgeben, in die es nicht reinregnet, oder in einer Schule, in der der Rektor nicht beim Bezirksamt ums Toilettenpapier betteln muss.

Die Menschen wollen sich nicht jedes Jahr aufs Neue fragen müssen, ob sie sich die Miete noch leisten können, und sich beim Amt für ihren Kita-Gutschein in Schlangen einreihen, die bis auf die Straße reichen. Zu behaupten, es sei provinziell, sich für all das zu interessieren, ist genau jene Form von Arroganz in Eliten, die Parteien ausblutet oder Geschwüre wie die AfD nährt.

Ja, Berlin ist Weltstadt. Aber eben auch Provinz. So zu tun, als verdanke diese Stadt ihren Ruf Klaus Wowereit, ist lächerlich. Nicht Wowereit hat Berlin sexy gemacht. Eher umgekehrt. Berlins Geschichte, Architektur, Kultur, seine überall sichtbaren Wunden, seine Einwanderer, die vergleichsweise noch immer niedrigen Mieten und Bierpreise haben diese Stadt zum Sehnsuchtsort für viele gemacht. Die Entscheidung von Billig-Airlines, die Hauptstadt im Stundentakt von fast überall her anzufliegen, half vielen, den Sehnsuchtsort zu erreichen. Fotos von einem Regierenden, der aus Damenschuhen trinkt, passten ins Bild. Mehr nicht.

Wird jetzt alles anders? Müller hat zumindest erkannt: Die Probleme einer schnell wachsenden Stadt sind nur mit, nicht gegen ihre Bürger zu lösen. Es lohnt, in seine weithin unbeachtete Rede kürzlich vor der Uno  reinzulesen, über das Modellhafte der Großstädte, ihre Chancen, ihre Gefahren.

Die Frage ist, welchen Spielraum er hat. Denn das Mitgliedervotum hat nicht nur einen Sieger, sondern auch zwei deutliche Verlierer. Die Berliner SPD feiert sich für dieses Verfahren der Mitbestimmung. Rund 17.000 Mitglieder durften darüber entscheiden, wer es machen soll.

Von diesen privilegierten 17.000 haben sich grade mal zwei Drittel dazu aufgerafft, den Stimmzettel auszufüllen. Von diesen zwei Drittel waren rund zwei Prozent nicht in der Lage, das so zu tun, dass ihre Stimme auch gültig ist. In absoluten Zahlen haben 6353 Menschen Müller gewählt. 6553 von 3,4 Millionen Berlinern. Müller bleiben knapp zwei Jahre Zeit, die "restlichen" Berliner zu überzeugen.

Es wird noch ein bisschen Stühlerücken geben im Senat: Er braucht einen neuen Finanzsenator, einen neuen für Bau. Seine Kontrahenten, Landeschef Jan Stöß und Fraktionschef Raed Saleh, haben so krachend verloren, dass sie für geraume Zeit die Lust am Putsch verloren haben sollten.

Ein Landesvorsitzender wie Stöß, dem gerade mal jedes fünfte Mitglied seine Stimme gibt, ist eigentlich erledigt. Selbst zusammengenommen kommen Saleh und Stöß auf gerade mal 40 Prozent. Eine deutlichere Absage an noch mehr Neues, Ehrgeiz, große Worte, Großprojekte, Visionen ist kaum vorstellbar.

Warum Müller, zumindest jetzt, der Richtige ist? Weil er ein Berliner ist. Und einen Strauß Blumen noch zu schätzen weiß.

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