Michael Witti Genugtuung für Holocaust-Opfer


München - Anwalt von Holocaust-Opfern ist der Münchner Jurist Michael Witti eher zufällig geworden. "Nach meinem Studium sollte ich 1991 eine kleine Kanzlei abwickeln, die einige Entschädigungsfälle hatte", sagt der Jurist, der eigentlich Steueranwalt werden wollte.

Durch die Beschäftigung mit dem deutschen Entschädigungsgesetzen und den intensiven Kontakt mit den Betroffenen wuchsen Interesse und Engagement - und der Mandantenstamm auf mittlerweile mehrere tausend Holocaust-Opfer.

Witti hat durchaus einen eigenen, ganz persönlichen Bezug zu dem Thema. "Meine Oma war Vertriebene aus dem Sudetenland", sagt der gebürtige Münchner. Dadurch sei er - ohne einen falschen Vergleich ziehen zu wollen - mit dem "Verlusttrauma älterer Menschen" konfrontiert worden.

Auch daher habe er von Beginn an die Einzelschicksale seiner Mandanten sehr nahe an sich herangelassen. "Man muss mit den alten Menschen reden, um ihre Ansprüche verstehen zu können", sagt Witti. Die Diskussion um die Entschädigung werde nur auf das Geld und Milliardensummen reduziert. Den Opfern gehe es aber primär um eine Form der Genugtuung. Das Leiden könne nicht mit finanziellen Zahlungen ausgeglichen werden.

Als "Mann, den die Wirtschaftsbosse fürchten", wie er bereits bezeichnet wurde, sieht sich Witti nicht. Bei den Klagen gegen Unternehmen sei es nicht das Ziel, Existenzen zu zerstören. Über die Börsenreaktionen auf die Sammel-Klage gegen die Degussa AG - die Kurse sackten deutlich ab - sei er regelrecht erschrocken. Hier vertritt Witti eine deutlich zurückhaltendere Linie als Fagan, der erklärt hatte: "Im Grunde will ich Degussa bankrott sehen."

Wegen seines Engagements ist Witti Anfeindungen ausgesetzt, anonyme Drohanrufe sind keine Seltenheit. "Das ist wohl bei uns so, wenn man sich für die berechtigten Ansprüche von Holocaust-Opfern einsetzt", sagt der Jurist. Vielfach werde auch behauptet, er engagiere sich nur wegen des Geldes. Er lebe mittlerweile gut von seiner Arbeit, erklärte Witti vor einiger Zeit, doch so etwas könne nur behaupten, wer nicht täglich mit den Schicksalen konfrontiert werde.

Axel Höpner, dpa



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