Microsoft-Treffen Wie Bill Gates deutsche Politiker adelt
Berlin - Bevor es in den abgedunkelten Saal geht, müssen die Kanzlerin und Bill Gates noch schnell vor die Kameras. Drei junge Männer und drei junge Mädchen haben sich aufgestellt. Alle tragen T-Shirts. Darauf prangt die Aufschrift "IT Fitness". Microsoft will bis 2010 vier Millionen Menschen in Deutschland den Umgang mit Informationstechnologie im Berufsleben beibringen. Schulen, Lehrer oder Schüler können sich im Internet mit ihren Projekten anmelden, der besten Schule winken 50.000 Euro für ein "Klassenzimmer der Zukunft".
"Weiter so" und "Go ahead", sagt Merkel zu Gates. Sie haben schon zwei Stunden zuvor im Kanzleramt die Hände geschüttelt. Die Fotografen brüllen diesmal, weil ein Mädchen mit ihrer blonden Mähne die Kanzlerin verdeckt. Da nimmt sich Merkel des eingeschüchterten Mädchens an, zieht es zu sich und man hört die tröstenden Worte, "völlig außer Rand und Band, weil Dein schöner Lockenkopf...". Der Rest geht im lauten Klicken der Kameras unter. Merkel und Gates unterschreiben ein Plakat der Aktion, dann wendet sich die Kanzlerin an das Mädchen und fragt: "Könnt Ihr denn auch Englisch?"
"Just a little bit", sagt das Mädchen.
"Just a little bit", wiederholt die Kanzlerin. Und dann: "Sehr gut" und eilt mit Gates in den Saal.
Der Microsoft-Gründer in Berlin - daran wollen viele ihren Anteil haben. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, SPD-Politiker mit Bundesambitionen, hat ihn am Vortag empfangen, über die US-Wirtschaftskrise geplaudert, über die Gates-Stiftung und natürlich auch und über den Anlass des Besuchs, dem "Government Leaders Forum", einer regelmäßigen Veranstaltung des Konzerns, die diesmal in Berlin stattfindet.
Am Mittwoch fällt der Gates-Glanz auf die CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin. Mittags Empfang des Multimilliardärs (geschätztes Vermögen rund 39 Milliarden Euro) im Kanzleramt, am Nachmittag schließlich gemeinsamer Auftritt im "Hotel Maritim". Die elektronischen Medien sind aufgefahren wie bei einem Staatsbesuch. Dabei ist es nur ein Werbeforum des weltweit größten Sofware-Unternehmens.
Drinnen referiert Gates über die Zukunft, während an den Seitenwänden Bilder und ein Video laufen. Auch ein Schulprojekt im spanischen Aragon wird gepriesen, bei dem die Kinder statt der alten Schulbücher von portablen Tabloid-PCs lernen, darauf rechnen, schreiben, malen. Eine spanische Offizielle lobt Microsoft für die Unterstützung, ein elfjähriger Schüler und sein Lehrer aus Spanien präsentieren, was sie alles mit dem PC machen können. Die Halle ist begeistert. Bill Gates natürlich auch. Die Kanzlerin applaudiert zurückhaltend.
Es ist eine schöne Welt, die da präsentiert wird. Gates Vision, in denen die künftige Technik alles zusammenführt, was heute noch getrennt ist - den PC, das Video, das Internet, das Telefon, den Fernseher. Die Zuhörer lernen, dass Eltern sich einloggen können in die Mini-PCs ihrer Kinder und so verfolgen können, ob der Nachwuchs seine Hausaufgaben gemacht hat.
Dann spricht die Kanzlerin. Ob das so gut sei, wenn der Vater am Abend sich mit seinen Kindern über die Hausaufgaben unterhalte? Da solle man doch über "schöne Dinge" sprechen. Lachen im Saal.
Merkel hat sich ein paar Notizen gemacht, sie redet über die Wirkung der freien Informationen, dem Internet und der Kontrolle in diktatorischen Systemen. Dann kommen noch einige Sätze zur Rolle Europas, zu den deutschen Behörden und der E-Kommunikation, sogar zur Gesundheitsreform. Dass bald Ärzte und Patienten direkt mit den Krankenkassen dank Internet kommunizieren könnten, ohne über den heutigen Umweg der Kassenärztlichen Vereinigigungen. Aber da sei man schon tief im deutschen Gesundheitswesen, sagt die Kanzlerin.
Schließlich sitzen Merkel und Gates noch eine halbe Stunde zusammen. Eine Moderatorin liest zwei Fragen vor, eine wird aus dem Publikum gestellt. Es geht um Bildung, um Behördenkommunikation. Das "allerwichtigste" sei, dass sich die Politik in die Bürger hineinversetzte, sagt Merkel. "Das fällt der deutschen Behördenlandschaft sichtlich schwer", sagt sie und spricht vom Staatsaufbau der Republik, von Bund, Ländern und Kommunen. Man solle mit "ganz praktischen Dingen anfangen", rät Merkel und erzählt dann von der gemeinsamen Behördennummer 115, die in Deutschland geplant ist.
Gates nickt und nickt. "She made really the key point", sagt er zur Moderatorin. Konkrete Ziele helfen wirklich, sagt er.
Die USA und Deutschland seien sich da ähnlich und hätten noch viel zu tun. "Je größer die Regierung, umso zäher ist es", sagt Gates.
Da lächelt Merkel, die Chefin einer Großen Koalition.