Migranten und Gewalt "Das Thema Integration ist den Parteien entglitten"

Wie leben Migranten? Eine niederländische Journalistin hat sie besucht und nachgefragt. Daraus wurde "ein wunderbares Buch", findet der CDU-Politiker Peter Altmaier, der es heute in Berlin vorstellte. Sein Fazit: Wir müssen Probleme ohne Tabus engagiert debattieren.

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Berlin - Vor ein paar Wochen noch wäre dieser Termin in der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung wohl eher etwas für ausgesuchte Integrationsexperten oder Feuilletonisten gewesen: eine holländische Journalistin, die ihr Buch über die Lebenswelten von Migranten vorstellt. "Wir haben uns ernsthaft überlegt, wie wir Öffentlichkeit herstellen", sagt Christine Henry-Huthmacher von der Adenauer-Stiftung.

Das Problem hat sie heute nicht mehr.

Margalith Kleijwegt stellt ihr Buch vor, Peter Altmaier die Autorin: "Wir müssen uns kümmern und konsequenter handeln."
KAS

Margalith Kleijwegt stellt ihr Buch vor, Peter Altmaier die Autorin: "Wir müssen uns kümmern und konsequenter handeln."

Der große Raum in Berlin-Tiergarten ist voll. Auf dem Podium sitzt neben der Autorin Margalith Kleijwegt auch der parlamentarische Staatssekretär im Innenministerium Peter Altmaier von der CDU.

Altmaier hatte sich schon zu Helmut Kohls Zeiten für eine modernene Ausländerpolitik ausgesprochen. Er hält gute Kontakte zu den Organisationen der Zuwanderer. Und er ist einer von 17 Unterzeichnern des offenen Briefes in der "Zeit", mit dem sich Unionspolitiker nach dem Krawall-Wahlkampf von Roland Koch in Hessen für eine sachliche Integrationspolitik ausgesprochen haben. "Integrationspolitik ist so fundamental für die Zukunft unseres Landes, dass sie nicht zum Wahlkampfthema degradiert werden darf", heißt es in dem Brief.

Auch wenn der Name Roland Koch nicht in dem Papier steht - der Zeitpunkt der Veröffentlichung ließ kaum Missverständnisse darüber zu, dass es bei dem Integrationsplädoyer um eine Distanzierung zu dem hessischen Ministerpräsidenten ging.

"Wir müssen uns kümmern"

Einen Tag später sitzt der CDU-Mann Altmaier auf dem Podium und redet über ein Buch, das engagiert die sozialen Ursachen von Gewalt unter Migrantenjugendlichen in den Blick nimmt.

Ein "sehr wunderbares Buch", lobt Altmaier. Er spricht davon, wie die Autorin auf einfühlsame Weise Einblick in die Lebenswelt junger muslimischer Migranten in Westeuropa gebe. "Das Buch werturteilt ohne damit zu verurteilen, es ist eine ehrliche und nicht verletzende Darstellung." Man nehme der Autorin ab, wenn sie für Migranten mehr Zuwendung, aber auch mehr Struktur fordere. Die wichtigste Botschaft sei: "Wir müssen uns kümmern - und konsequenter handeln." Zivilcourage und Anteilnahme, seien wichtig. Fördern und fordern. Die Bundesregierung habe diese Prozesse schon in Gang gesetzt, mit der Islamkonferenz und dem Integrationsgipfel.

Einfühlsam. Nicht verletzend. Zuwendung.

Diese Worte fallen einem nicht als erstes ein, wenn man an die Kampagnen von Roland Koch denkt.

Wie seine Erklärung denn zum Wahlkampf von Roland Koch passe, will eine Journalistin deshalb auch gleich wissen. Altmaier hebt an: Man sei hier ja auf "neutralem Boden", die Adenauer-Stiftung verstehe sich ja auch als parteiübergreifend. Er bitte darum, dass man hier keine parteipolitische Auseinandersetzung führe.

Zu Koch will Altmaier also nichts sagen, aber alles, was er dann sagt, kann auch als Botschaft an seine Partei zu verstanden werden. Man müsse die politische Diskussion so führen, dass es nicht zu "Konflikten und Problemen" komme, sagt Altmaier.

Man müsse in Deutschland vom dem lernen, was Margalith Kleijwegt in Holland heraus gefunden hat.

"Der Weg wird schmerzhaft sein"

Kleijwegt hat 2003 ein Jahr lang die Eltern und Schüler einer Hauptschule in dem Amsterdamer Problembezirk Slotervaart begleitet. Dort ist auch Mohammed Bouyeri, der Mörder des Regisseurs Theo van Gogh, aufgewachsen. Die Journalistin ist in die Familien gegangen, und war oft die erste Niederländerin, die die Migranten jemals zu Hause besucht hat.

Kleijwegt beschreibt in ihrem Buch nüchtern die Situation der Familien, sie benennt die Verantwortungslosigkeit vieler Eltern, berichtet über Antisemitismus, die wachsende Bedeutung der Religion und die buchstäbliche Sprachlosigkeit besonders vieler Frauen. Aber sie erzählt auch von der Hoffnungslosigkeit vieler Einwanderer, davon, wie isoliert sich viele fühlen - und wie sie andererseits skeptisch gegenüber westlichen Werten sind. Ihr Buch ist ein genaues Porträt der Situation vieler muslimischer Einwanderer. Weder beschönigt es, noch erhebt Kliejwegt den moralischen Zeigefinger.

Auch Kleijwegt wird an diesem Tag zu Hessen gefragt. Sie ist diplomatisch. Sie erwähnt den Islamfeind und Rechtspopulisten Geert Wilders. Wilders hat einen Film über den Koran angekündigt. Er hat den Koran schon mit Adolf Hitlers "Mein Kampf" verglichen.

Natürlich, sagt Kleijwegt, unterscheide sich Roland Koch klar von dem niederländischen Rechtspopulisten und Islamfeind Wilders. Aber auch der hessische Ministerpräsident habe ihrem Eindruck nach mit Angst und Misstrauen gearbeitet. Das sei gefährlich, sagt Kleijwegt.

Auf der anderen Seite, sei es gut, dass in Deutschland die Diskussion losgehe - es gebe riesige Probleme. "Wir müssen aber vorsichtig sein - und der Weg wird schmerzhaft sein".

Staatssekretär Altmaier blickt in diesem Moment ernst nach unten. Dann meldet er sich noch einmal zu Wort: In Holland sei die Debatte um Integration in den Parteien der Mitte lange tabuisiert gewesen, jetzt hätten die Rechtspopulisten sie für sich genutzt. "Das ist den traditionellen Parteien entglitten." In Deutschland indes habe es sehr lange überhaupt keine Debatte gegeben. Jetzt müsse sie "entschlossen und differenziert" geführt werden.

Margalith Kleijwegt: "Schaut endlich hin! Wie Gewalt entsteht - Bericht aus der Welt junger Migranten", Herder Verlag, 2008, 188 Seiten



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