Zum Inhalt springen
Nikolaus Blome

Migration und Bildung Das Pisa-Desaster liegt auch an den Eltern

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Die Migrationszahlen steigen, das Bildungsniveau sinkt. Das wird auf Dauer nicht gut gehen. Es wird Zeit, die Eltern in Haftung zu nehmen.
Schüler bei der Arbeit am Tablet in einer Hamburger Stadtteilschule

Schüler bei der Arbeit am Tablet in einer Hamburger Stadtteilschule

Foto: Marcus Brandt / picture alliance / dpa

Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde.

Vergangene Woche musste ich lachen und an Friedrich Merz denken. Es ging nicht um Ampel, Haushaltsloch oder Grundsatzprogramm. Es ging um die neue Pisa-Studie mit den blamabel schlechten Ergebnissen in Mathe, Leseverständnis und Naturwissenschaften, nicht zuletzt bei den 15-Jährigen aus migrantischen Milieus oder unter den jüngst Zugewanderten.

Die Studie zeigt, wörtlich, »eine geringere mathematische Kompetenz bei Jugendlichen aus zugewanderten Familien im Vergleich zu Jugendlichen ohne Zuwanderungshintergrund«. In Deutschland ist der Unterschied besonders groß, 53 Punkte auf der Pisa-Skala.  Die Bildungsforscher sagen: »Es ist offensichtlich, dass die Integration der Jugendlichen der ersten Generation in das deutsche Bildungssystem nicht gelingt.«

»Kleine Paschas« hat Merz Anfang des Jahres eine bestimmte Gruppe verzogener Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund genannt, die es dem Lehrpersonal schwer machten und stets ihre stolzen Eltern hinter sich wüssten, wenn das Lehrpersonal durchgreifen möchte. Ob man diese Gruppe ab jetzt »Pisa-Paschas« nennen sollte, habe ich mich gefragt, und ob Friedrich Merz es wohl tun würde. Er tat es nicht.

Da es vergangene Woche auch die erneut deutlich gestiegenen und strukturell merklich veränderten Zahlen der monatlichen Asylanträge gab, lohnt ein Blick auf das deutsche Nebeneinander: Asylzahlen rauf, Bildungswerte runter – das wird nicht lange gut gehen.

Ich war früher eher mittelmäßig in Mathe und habe darum beim SPIEGEL den Test mit Beispielaufgaben der Pisa-Forscher gemacht. Die erste beginnt so (und da musste ich wieder lachen): »Ahmed hat das folgende Muster aus roten und blauen Dreiecken gezeichnet.« Warum »Ahmed«, habe ich mich gefragt, aber letztlich ist es natürlich egal. Zur Lösung dieser Aufgabe musste man einmal bis 6 und einmal bis 10 zählen können, dann 6 und 10 addieren und dann 6 mit 16 in Bezug setzen, wobei es reichte, zu erkennen, dass 6 kleiner als die Hälfte von 16 ist: Unter den vier Multiple-Choice-Antworten passte nur eine einzige dazu. Ich bin ziemlich sicher, das hätten auch unsere zwei Kaninchen geschafft, wenn sie noch leben würden. Und ob nun Ahmed oder Dörte-Marie: Wer so etwas mit 15 nicht kann, sollte mit 16 nicht wählen dürfen.

Dann habe ich unter anderem noch die Aufgabe gemacht, in der es darum ging, ob »8 hoch 16« achtmal so groß ist wie »8 hoch 15«. Daran sind mehrere Personen aus meinem persönlichen und beruflichen Nahfeld gescheitert, das war hart für mich. Aber auch Jakob Augstein scheiterte, und das war lustig. Er wählt ja auch immer die Falschen.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von X.com, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können Ihre Zustimmung jederzeit wieder zurücknehmen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Die jüngste Pisa-Studie ergab zugleich, dass der Anteil der Probanden mit Migrationshintergrund seit dem Jahr 2000 von 22 auf 39 Prozent gestiegen ist. Praktiker sehen darin ein großes Problem, im Schnitt liegen diese Jugendlichen laut »Zeit« um ein Lernjahr hinter denen ohne Migrationshintergrund zurück. Besonders schlecht steht es dabei um jene, die selbst erst eingewandert sind. Zugleich zeigen die Langzeitvergleiche, dass die Pisa-Ergebnisse sich in den ersten gut zehn Jahren nach dem ersten Pisa-Schock verbessert haben, aber im zweiten Jahrzehnt wieder verfielen, 2023 auf ein All-Time-Low.

Viel Kritik gab es darum am deutschen Bildungssystem und einem möglichen Staatsversagen in den Schulen. Das würde ich ähnlich sehen. Ich würde aber einen Punkt ergänzen wollen, der mir zu kurz kommt. Wenn Schüler mit 15 (!) Jahren nicht richtig lesen oder rechnen können, liegt das auch in ihrer Verantwortung und der ihrer Eltern.

Eltern haften für ihre Kinder, hieß es früher, und es ist etwas schwer Fassbares, aber sehr Wahres daran. Sich um Kinder kümmern zu können, ist auch eine Frage der ökonomischen Bedingungen, d’accord. Sich um Kinder kümmern zu wollen, ist indes auch eine Frage der Haltung. Und in Elternhäusern, die nach Flucht oder Zuwanderung ökonomisch nicht gut dastehen (können), zählt diese Haltung besonders viel.

Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung stellte einst als Recht eines jeden Zuwanderers die »pursuit of happiness« heraus. Vielleicht sollten wir heute wieder ein wenig mehr auf dieses »pursuit« achten, auf das Streben des Einzelnen – und sei es nur danach, dass es den eigenen Kindern einmal besser gehe als einem selbst. Das ist vermutlich das Ziel der meisten Eltern, auch derjenigen, die zugewandert sind. Nur muss man den Kindern auch klarmachen, dass sie dafür etwas tun müssen. Ich fürchte, es wird höchste Zeit, das wieder stärker in Erinnerung zu rufen.

Im November stieg die Zahl der Asylanträge weiter, die Dynamik der monatlichen Zuwächse ist keineswegs gebrochen. Und mit Blick auf die Schulen: Im Gesamtjahr 2023 waren bislang gut ein Viertel (26,5 Prozent) der knapp 305.000 Asyl-Erstantragsteller unter 16 Jahren, 12,2 Prozent unter vier Jahren, und sieben Prozent waren hier geborene Kinder unter einem Jahr. Viele, wenn nicht fast alle, werden eine deutsche Schule besuchen. Fragt sich nur, ob sie dann Deutsch sprechen – weil auch ihre Eltern kapiert haben, dass das Glück ihrer Kinder daran hängt.