CDU im Thüringer Wahlkampf Letzte Hoffnung: Sachsen

Vor dem Wahlsonntag in Sachsen und Brandenburg steigt die Nervosität bei der CDU in Thüringen, wo Ende Oktober gewählt wird. Die einst allmächtige Regierungspartei droht zwischen Linken und AfD zerrieben zu werden.

Thüringer CDU-Spitzenkandidat Mike Mohring bei der Konferenz der Unions-Fraktionsvorsitzenden von Bund und Ländern (Archiv)
Martin Schutt / DPA

Thüringer CDU-Spitzenkandidat Mike Mohring bei der Konferenz der Unions-Fraktionsvorsitzenden von Bund und Ländern (Archiv)

Aus Erfurt berichtet Martin Debes


Es ist nicht nur ein Gastauftritt im Wahlkampf, nicht bloß eine nette Geste unter Unionsfreunden. Für Mike Mohring ist es "ein Zeichen", dass ihn Markus Söder in Thüringen besucht.

"Auch du hast einen schwierigen Wahlkampf gehabt", sagt der CDU-Landesvorsitzende zum CSU-Ministerpräsidenten aus Bayern, der sich an diesem Dienstagabend neben ihm vor den Mikrofonen aufgebaut hat. "Und du bist daraus erfolgreich hervorgegangen und konntest eine Regierung der bürgerlichen Mitte bilden."

Zur Erinnerung: Söders CSU verlor bei der Bayern-Wahl im letzten Jahr zehn Prozentpunkte, rutschte auf rund 37 Prozent ab und ist seitdem auf die Freien Wähler als Koalitionspartner angewiesen.

Weil Mike Mohring schon mal bei Zeichen und schwierigen Wahlkämpfen ist, wird er wenig später noch einen nicht anwesenden Ministerpräsidenten erwähnen: "Uns hilft das, wenn es am Wochenende in Sachsen gut ausgeht und Michael Kretschmer den Regierungsbildungsauftrag bekommt."

Gerade die Wahl im Nachbarland habe entscheidende Bedeutung für Thüringen.

Es ist der Dienstagabend in der Messe in Erfurt. Die CDU-Fraktion, die der 47-jährige Mohring neben der Landespartei führt, hat zu ihrem Jahresempfang eingeladen, der eigentlich eine Machtdemonstration der CDU sein soll. Fast 3000 Leute sitzen in der großen Halle und warten auf die Rede Söders. Die Regenten aus der Zeit, als die Partei Thüringen noch mit absoluter Mehrheit regierte, Dieter Althaus und der inzwischen 86-jährige Bernhard Vogel, sitzen in der ersten Reihe.

Fast fünf Jahre ist es her, dass hier, in einem Kernland der Union, mit Bodo Ramelow der erste linke Ministerpräsident der ersten rot-rot-grünen Regierung gewählt wurde.

Fast fünf Jahre ist es her, dass die Thüringer CDU, obwohl sie stärkste Kraft blieb, zum ersten Mal in die Opposition musste. Damals übernahm Mohring den Vorsitz der Landespartei, mit dem einen großen Ziel: die Macht zurückzuerobern.

Ministerpräsident Söder, CDU-Spitzenkandidat Mohring
Martin Schutt/ DPA

Ministerpräsident Söder, CDU-Spitzenkandidat Mohring

Doch danach sieht es gerade nicht aus. In den Umfragen steht die Linke neuerdings mit 25 oder 26 Prozent sogar auf Platz 1, während die CDU bei 21 und 24 Prozent landet. Und: Falls die FDP es wieder nicht in den Landtag schafft, was zumindest eine Befragung nahelegt, dürfte es wieder für eine Koalition von Linke, Grünen und SPD reichen. Für diesen Fall haben sich alle drei Partner auf eine Fortsetzung des Bündnisses festgelegt.

Gleichzeitig, und das macht die Lage für den Spitzenkandidaten Mohring doppelt vertrackt, muss sich seine CDU auch noch in den Umfragen mit der AfD um Platz 2 streiten. Die Landespartei, die sich unter Björn Höcke besonders radikal gebärdete, hat ihre Strategie gewechselt. Wollte der "Flügel"-Anführer einst die AfD zur "Widerstandsbewegung" in der Fundamentalopposition formen, schließt er inzwischen sogar eine Mitarbeit in einer CDU-geführten Regierung nicht aus.

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Dies verstärkt für Mohring ein altes Problem. Er kann noch so oft wiederholen, dass für ihn eine Koalition mit der AfD nicht infrage kommt, ja dass er mit der Partei nicht einmal reden würde: Die Konkurrenz sät trotzdem fröhlich Zweifel - die auch deshalb verfangen, weil der CDU-Mann vor der Wahl Ramelows zum Ministerpräsidenten im Herbst 2014 Kontakt mit Höcke hatte.

Es ist nicht einmal ein Jahr her, dass bei Mohring ein aggressiver Krebs diagnostiziert wurde - und nur wenige Monate, dass ihn die Ärzte nach einer strapaziösen Chemotherapie für geheilt erklärten. Mohrings offener Umgang mit der Erkrankung verschaffte ihm auch außerhalb Thüringens Bekanntheit und Sympathien, seine Beliebtheitswerte stiegen zuletzt.

Doch dies hilft ihm und seiner Partei bislang wenig. Ramelow hält ihn dank seines Amtsbonus klar auf Abstand - und zieht mit seiner Popularität die Linke, die überall sonst in Deutschland arg schwächelt, nach oben.

Sachsens Ministerpräsident Kretschmer im Wahlkampf
Jens Schlueter/ Getty Images

Sachsens Ministerpräsident Kretschmer im Wahlkampf

Doch all diese Umfragen, das ist die letzte Hoffnung der CDU, stehen unter dem Vorbehalt des kommenden Sonntags. Die Ergebnisse in Sachsen und Brandenburg könnten die Dynamik in Thüringen noch einmal ändern, zumal niemand weiß, ob nicht doch die Koalition im Bund implodiert, wenn CDU und SPD komplett abstürzen.

Mohring setzt öffentlich auf einen Sieg Kretschmers. "Diesen Rückenwird, den brauchen wir", sagt er, "auch das klar ist: CDU ist vorn, AfD ist besiegt."

Intern bereitet man sich in der Thüringer CDU-Spitze aber sicherheitshalber auch auf einen Triumph der AfD vor. Dann, heißt es, ließe sich die sächsische Malaise zumindest als Warnung davor nutzen, was passieren kann, wenn nicht die CDU gewählt würde. So ließen sich vielleicht sogar noch mehr Menschen mobilisieren.

Stimmenfang #110 - Er oder ich! Wie CDU und AfD in Sachsen um Direktmandate kämpfen

"Sehr gespannt, wie das am Sonntag ausgehen wird"

Allerdings, wenn man dieser Logik folgt, dann gilt sie noch stärker für die Linke und ihren Ministerpräsidenten. Als Chef einer Regierung mit Partnern, die sich klar zur Koalition bekennen, könnte sich Ramelow parallel zu einem möglichen Chaos in Dresden noch effizienter als Hüter der Stabilität gegen die Bedrohung von Rechtsaußen präsentieren.

Außerdem würden Linke, SPD und Grüne jeden Gesprächskontakt zwischen der sächsischen CDU und der AfD als Beleg dafür deuten, dass dies der Probelauf für Thüringen sei.

Darüber hinaus hofft Ramelow auf ein rot-rot-grünes Signal aus Brandenburg. Wenn es dort nach Thüringen, Berlin und Bremen zur vierten Koalition aus SPD, Grünen und Linken käme, wäre dies ein weiterer Beleg für die Funktionsfähigkeit des Originals aus Erfurt. So sieht es nicht nur der linke Staatskanzleichef und Chefstratege Benjamin Hoff.

"Ich bin", sagt Markus Söder bei seinem Besuch in Thüringen, "sehr gespannt, wie das am Sonntag ausgehen wird." Mohring sieht das wohl genauso.



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insgesamt 28 Beiträge
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AntiGravEinheit 29.08.2019
1. Haha!
Bei dem Bild im Anreißer habe ich glatt 2 Sekunden an Mr. Bean gedacht ... so eine gewisse Ähnlichkeit ist da durchaus vorhanden.
sven2016 29.08.2019
2. Inhalt des Artikels?
Eigentlich keiner. Fazit: Erst mal abwarten, Lesarten sind für jeden Wahlausgang schon vorbereitet...
marcnu, 29.08.2019
3. In Sachsen bleibt alles, wie es ist.
Denn es wird schon wieder CDU gewählt.
seneca55 29.08.2019
4. Die CDU mit Mohring wird vielleicht nur 3. Kraft in Thür.?
Das ist bedauerlich, aber dann nicht zu ändern, weil die AfD leider die CDU-Wähler weiter absaugen kann. Thüringen ist dann langfristig ein linkes Bundesland wie Berlin und Bremen. Selbst wenn Sachsen nur zu 30% CDU wählen sollte, wird das Mohring nicht helfen in Thür. stärkste Kraft zu werden.
briefzentrum 29.08.2019
5. SPD und CDU - Vertrauen verspielt
Die Medien mühen sich in den letzten Wochen, die Situation für CDU und SPD in Sachsen und Brandenburg schön zu reden. Keine Personal Story ist zu banal, als dass sie nicht als Wahlkampfunterstützung dient. Es wird aber nichts nützen. Die GroKo hat es nicht geschafft nach 2017, den Wählern in Deutschland einen politischen Neubeginn zu präsentieren. Sie werkelt weiter wie schon seit 14 Jahren. Die Wähler waren bereits 2017 entschieden und die ostdeutschen Wähler sind bar jeder Nostalgie und Sentimentalität. Sie werden am Sonntag die CDU und die SPD abstrafen für ihr verkrustetes Beharrungsvermögen. Und alle sozialpolitischen Zückerchen werden nichts nützen. Die letzte Chance bestand Ende 2017 mit der Nachfolge von Merkel. Aber auch diese Chance wurde vertan. Die nächsten Wahlen sind allesamt Grundsatzwahlen über die künftige Politik in Deutschland. Es ist nicht sichtbar, dass die bisherigen Volksparteien in der Lage sind, den Ernst der Stunde zu erkennen und adäquat zu reagieren.
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