Milieu-Studie Deutsche schieben Öko-Frust

Öko ist nur für Reiche - und Umwelt steht für die Enttäuschung, dass man eh nichts bewegen kann: Das ist das Fazit einer Studie, für die Bürger aller Schichten nach ihrer Einstellung zum Umweltschutz befragt wurden. Nicht wenigen ist es sogar hochnotpeinlich, beim "Bio"-Einkauf ertappt zu werden.
Von Franz Walter

"Schützt die Umwelt!" - auf Begeisterung stößt man nicht im Deutschland des Jahres 2009, wenn man mit diesem Imperativ kommt. Im Gegenteil, man hat durchaus mit genervten Reaktionen zu rechnen. Tätiger Umweltschutz ist alles andere als sexy. Nicht wenige Bürger denken bei diesem Begriff an Gängelung, Einschränkung, Bedrohung von Individualität und Lebensgenuss.

Bio-Gemüse (in Frankfurt am Main): Tiefgreifende Skepsis

Bio-Gemüse (in Frankfurt am Main): Tiefgreifende Skepsis

Foto: DDP

Das jedenfalls sind Teilergebnisse einer sozialwissenschaftlichen Expertise, die das Heidelberger Institut Sinus-Sociovision jüngst gemeinsam mit politischen Kulturforschern der Universität Göttingen quer durch alle bundesdeutschen Milieus durchgeführt hat. Die noch nicht publizierte Erhebung stieß offenkundig in weiten Teilen auf eine tiefgreifende Skepsis, wann immer von "Umwelt", "Öko" oder auch (und gerade) "Bio" die Rede war.

Besonders in der bürgerlichen Mitte - Menschen mit mittleren Einkommen, mittlerer Bildung, überwiegend im mittleren Alter - finden sich auffällig viele Beispiele, dass man es als hochnotpeinlich empfindet, beim Kauf von Bioprodukten im Supermarkt von Nachbarn oder Freunden erkannt und identifiziert zu werden - als "Spinner" nämlich.

Oder noch schlimmer: Als leichtgläubiger Konsumist, der auf ein Siegel hereinfällt, das doch nur die eine Aufgabe habe, den Kunden das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Wo "Bio" draufsteht, ist längst nicht "Bio" drin. Das ist so ein Milieu übergreifender Verdacht unter deutschen Verbrauchern. Dabei ist der Trend nach gesunden und dabei geschmacklich überlegenen Produkten unzweifelhaft, vor allem wenn Kinder mit ins Spiel kommen, um deren Ernährungsweise bürgerliche Eltern höchst besorgt sind.

Als vertrauenswürdig gilt der Landwirt aus der Region. Dort kann man sich selbst davon überzeugen, dass die Hühner Freilauf haben, wie die Schweine gemästet werden, ob der Bauer mit Chemikalien über seine Äpfel- und Birnbäume geht. Produkte aus der Region liegen in der Wertschätzung der Bundesbürger vor Bio-Angeboten, von denen man nicht weiß, wie der Weg von der Herstellung in das Ladenregal denn nun wirklich verlaufen ist.

Den größten Bogen um Artikel, die das Bio-Etikett tragen, macht erwartungsgemäß die "neue Unterschicht". Dort wird über die unerschwinglichen Preise geklagt. Und überhaupt: Auf diese "Verarsche" falle man nicht herein. Ökologie sei etwas für Reiche, für die grün wählenden Heuchler, die Verzicht predigten, selbst aber wie Gott in Frankreich lebten. Umweltappelle halten vor allem die jungen Zugehörigen der sozial an den Rand gedrängten Schichten für Attacken auf die wenigen Freuden, die ihnen noch geblieben sind, vom Auto über den Grillabend im Park bis hin zum Tabak.

"Bio" als Luxuslabel - Garant für Exklusivität

Als Kontrastgruppe dazu gilt gemeinhin die"postmaterielle" Lebenswelt. Hierzu rechnet man diejenigen überwiegend akademisch qualifizierten und gut verdienenden Schichten, welche durch die neuen sozialen Bewegungen der siebziger und achtziger Jahre geprägt worden sind, eben auch durch die Anti-AKW-Kampagnen und die Gründung der neuen grünen Partei. Doch auch in diesem gewissermaßen originären Öko-Milieu mit erheblichen Wahlpräferenzen für die Partei von Frau Künast und Herrn Trittin findet man wenig Leidenschaft zum Umweltschutz, jedenfalls kaum noch Bereitschaft zur Aktivität. Man ist zwar stolz auf den früheren Idealismus ("haben die Jungen ja nicht mehr"), aber aus dem Protestmilieu von ehedem ist mittlerweile ein gehobenes Status- und Relativierungsmilieu geworden. Früher teilte es die Welt in Schwarz und Weiß auf, wusste genau, was richtig und was falsch war.

Der/die Postmaterielle von heute dagegen zweifelt an allem und jedem, sagt weder "ja" noch "nein", kennt immerzu einen klugen Einwand gegen jedweden Aufruf, aktiv zu werden, sich für eine Sache mit Eifer einzusetzen. Postmaterielle verfügen über ein riesiges Arsenal von Argumenten, warum alles umweltpolitische Engagement "letzten Endes doch nichts bringt". Daher wirkt ein Teil von ihnen wie gelähmt. Man kann natürlich auch vermuten: Viele haben sich ein schönes Legitimationspolster dafür zugelegt, um allen, oft naturgemäß unbequemen Handlungen aus dem Weg gehen zu dürfen.

Die sogenannten Eliten in Deutschland jedenfalls weigern sich, individuell weitere, anstrengende Beiträge zum Schutz der Umwelt zu leisten. Stattdessen herrscht hier die Devise vor: Erst einmal seien die anderen Länder dran; auch: die Müllsortierung beispielsweise diene sowieso nur als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme; und überhaupt: allein in globaler Abstimmung könne ökologisch ernsthaft etwas bewegt werden. Unterfüttert wird die umweltpolitische Indifferenz vor allem bei den ganz Jungen in den Spitzenetagen der sozialen Hierarchie durch allerlei Hohngesänge auf "ewig gestrige Ökos", "Freaks in Wollpullovern" und "lebensfremden Wasserläufern".

Andererseits: Umweltprodukte können der Distinktion dienen - wenn sie ästhetisch gelungen zubereitet sind, über den Preis auch Exklusivität garantieren, wird das von Alt- und Neuetablierten nicht ungern zum Zwecke der Abgrenzung und Alleinstellung eingesetzt.

Die Haute volée schaut neugierig, wenngleich noch skeptisch, aber nicht ohne gespannte Erwartungen auf die Möglichkeiten einer alternativen, nachfossilen Energieökonomie, die vielleicht einen elementaren Wachstumsschub in einem neuen wirtschaftlichen Zyklus auszulösen vermag. Sollte sich das als realistisch herausstellen, werden die Elitenmilieus mit Verve dabei sein.

"Öko" als Sparprinzip der kleinen Leute

Nur in einer bundesdeutschen Lebenswelt skandierte man nicht den gegenwärtig dominanten Entlastungsrefrain vom "Man kann ja doch nichts machen". Während die sogenannten Leitgruppen derzeit alles andere als eine Vorbildrolle einnehmen, ragt in dieser Frage ausgerechnet das sogenannte "traditionsverwurzelte Milieu" durch exemplarisches umweltschonendes Alltagsverhalten heraus. In aller Regel genießen die "Traditionsverwurzelten" kein großes Renommee bei den Lebensweltforschern. Denn besonders modern und marktfähig geriert sich diese Gruppe nicht.

Der Sozialisationsort der Traditionsverwurzelten lag überwiegend in den fünfziger und sechziger Jahren. Viele sind heute Rentner, hängen weiterhin alten, vermeintlich überkommenen Einstellungen an, legen Wert auf Sparsamkeit, Fleiß, Disziplin, Häuslichkeit, Familie, aber auch ehrenamtlich gestützte Vereinsgeselligkeit. Hier lagern noch letzte Reste der alten sozialdemokratischen Gewerkschafts- und Solidaritätskultur, auch der sozialkatholischen Subsidiaritätsprinzipien christdemokratischer Façon. Es ist das klassische "Kleine-Leute-Milieu", weit entfernt von den Mentalitäten der sogenannten modernen Unterschichten, Mittelklassen oder Elitesektoren der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Die Partei der Grünen etwa würde unter den Traditionsverwurzelten die Fünf-Prozent-Hürde nicht schaffen.

Der Begriff "Nachhaltigkeit" kommt in der Rhetorik der Traditionsverwurzelten nicht vor. Doch sie leben in der täglichen Praxis nachhaltiger als andere sonst. Mit Wasser geht man behutsam um. Der Komposthaufen im Garten ist selbstverständlich. Das Obst und Gemüse wird nicht gespritzt. Das Haus ist oft gedämmt, die Heizung sparsam eingestellt. Die Flugreise - auf die weder ergraute Postmaterielle noch neuliberale Performer verzichten wollen - ist ihnen gut entbehrlich. Man nimmt die Bahn oder fährt ein ressourcensparendes Auto, benutzt häufig jedoch das Fahrrad. Alte Möbel werden zu Regalen neu geschnitten und weiter gebraucht. Lockere Wegwerfneigungen sind verpönt, wie aber auch Parolen à la "Geiz ist geil".

Traditionsverwurzelte sind gewiss sparsam, aber nicht geizig auf Kosten anderer. In Fragen der Umwelt ist man firm, denn man hat mit den Kindern oder Enkeln die "Sendung mit der Maus" geschaut, in denen solche Probleme kompetent und mit großer Ernsthaftigkeit dargestellt worden sind.

Die Familie steht überhaupt im Fokus der Traditionsverwurzelten. Man versucht, dort Werte weiter zu vermitteln. Einzig in diesem Milieu ist die Philosophie präsent, dass man in einem großen Kosmos gewissermaßen seinen Platz und seine Aufgabe zugewiesen bekommen hat und die daraus resultierenden Pflichten schlicht selbstverständlich erfüllen muss. Und man delegiert die Verantwortung nicht fort, auch nicht im Bereich der Umwelt, beim Schutz der Natur. "Viel Kleines gibt ja auch was Großes" - heißt es wieder und wieder zur Begründung dafür, dass bei ihnen das Wasser beim Zähneputzen nicht läuft. Die Elitegruppen pflegen dergleichen Naivitäten süffisant zu belächeln.

In der Sozialforschung firmiert das "traditionsverwurzelte Milieu" als erodierendes oder gar absterbendes gesellschaftliches Segment. In der Tat: Diese Gruppe ist in den letzten 30 Jahren quantitativ kräftig zurückgegangen. Sie war (und ist noch) Hort der beiden Volksparteien. Wenn die Quellen der Traditionsverwurzelung versiegen, wird es nicht leicht für die Sozial- und Christdemokraten. Aber es wird auch nicht einfach für die politische Ökologie der Republik.

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