Milzbrand-Alarm Verdächtige Briefe legen Postverteilung lahm

Hunderttausende Menschen in Deutschland erhielten am Mittwoch keine Post. Nachdem in mehreren Verteilerzentren der Post Milzbrand-Alarm gegeben wurde, konnten rund 720.000 Sendungen nicht zugestellt werden. Erreger wurden bislang nicht entdeckt.


Im Hamburger Briefzentrum arbeiten etwa 4300 Menschen, die durchschnittlich sechs Millionen Sendungen umschlagen
DPA

Im Hamburger Briefzentrum arbeiten etwa 4300 Menschen, die durchschnittlich sechs Millionen Sendungen umschlagen

Hamburg - Verdächtige Postsendungen waren unter anderem in Offenbach am Main, Göttingen, Erfurt, Neubrandenburg, Reutlingen und Mannheim eingegangen. Bei etwa einem Prozent der bundesweit rund 72 Millionen Sendungen sei deshalb mit einem Tag Verzögerung bei der Zustellung zu rechnen, sagte die Sprecherin der Deutschen Post, Monika Siebert.

Alle Postmitarbeiter seien zu "erhöhter Wachsamkeit" angehalten. Verdächtige Sendungen sollten die Angestellten tunlichst liegen lassen, die weiteren Schritte leiteten dann die zuständigen Behörden ein. "Positive Befunde liegen bislang zum Glück nicht vor", bestätigte Siebert. Zugleich kündigte die Pressesprecherin Regressforderungen der Post an so genannte Trittbrettfahrer an. "Das wird sehr, sehr teuer." Den bislang entstandenen Schaden bezifferte sie auf rund 300.000 Mark.

Die Polizei Kassel nahm einen mutmaßlichen Trittbrettfahrer fest, der fünf mit weißem Pulver gefüllte Briefe verschickt haben soll. Der 35-Jährige habe die Schreiben teilweise an Prominente aus Funk und Fernsehen adressiert, sagte ein Polizeisprecher. Im Hauptpostamt Kassel war zuvor weißes Pulver in zwei Briefen mit Sichtfenster aufgefallen. Auf den Umschlägen fand sich ein Hinweis auf Milzbranderreger. Daraufhin alarmierten die Beamten Feuerwehr und Polizei. Während der Ermittlungen rief der aus Kassel stammende Mann in der Post an, nannte seinen Namen und teilte mit, dass "alles nur ein Spaß" war.

Der Sprecher des baden-württembergischen Innenministeriums, Dieter Wiesinger, erklärte, den Tätern, die versuchten die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erregen, werde mit allen polizeilichen Mitteln an den Kragen gegangen. Sie müssten mit Strafen bis zu drei Jahren rechnen. Außerdem werde man sie für die Einsatzkosten in mitunter sechsstelliger Höhe zur Kasse bitten. Außer bei der Post sind mittlerweile auch bei der Polizei, der Feuerwehr sowie den Gesundheitsämtern erhebliche Zusatzkosten entstanden. In Deutschland wird der Gesamtschaden durch Trittbrettfahrer seit der Anschlagsserie in den USA auf mehrere Millionen Mark geschätzt. Drohbriefe, die sich als harmlos herausstellten, gingen in den vergangenen Tagen bei verschiedenen Medienunternehmen, beim Bundeskanzleramt sowie im Auswärtigen Amt ein.

Arbeit in Hygiene-Instituten läuft auf Hochtouren

Verdächtiges Päckchen: Berliner Feuerwehrleute im Einsatz am vergangenen Mittwoch
AP

Verdächtiges Päckchen: Berliner Feuerwehrleute im Einsatz am vergangenen Mittwoch

Bei dem Milzbrand-Alarm in Mannheim war am Dienstagabend an einer automatischen Sortieranlage aus einem Standardbriefumschlag ohne Absender weißes Pulver gerieselt. Polizei und Feuerwehr wurden alarmiert. Zur Sicherstellung des Briefes war ein ABC-Zug der Berufsfeuerwehr im Einsatz. Drei Postbedienstete, die direkten Kontakt mit dem Umschlag hatten, erhielten vorsorglich Antibiotika. Ein Behälter mit dem mutmaßlich infizierten Brief wurde zum Hygiene-Institut der Universität Heidelberg gebracht. Das Institut für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Köln sieht sich derweil durch die Vielzahl der Milzbrand-Tests am Rande seiner Kapazität. Mehr als 60 Proben gingen seit Freitag in Köln ein. Bislang wurden auch dort keine Milzbrand-Erreger entdeckt.

An der Fachhochschule Fulda wurden bei der Überprüfung des Posteingangs drei Briefe eines Fachliteratur-Verlags aus Boca Raton, Florida gefunden - aus der Firma, in der es bestätigte Milzbrandinfektionen gegeben habe. Die ungeöffneten Kuverts wurden in Desinfektionsumschlägen verpackt und zur Untersuchung gebracht, wie die Polizei mitteilte. "Wir gehen nach dem derzeitigen Ermittlungsstand aber davon aus, dass bei den Labor-Untersuchungen negative Ergebnisse herauskommen", betonte ein Sprecher.

Die Erreger können bereits über kleinste Hautwunden in den Körper eindringen. Hautmilzbrand entwickelt sich in ein bis drei Tagen und beginnt mit einer Pustel sowie Rötung und Schwellung der Umgebung. Innerhalb von zwei bis sechs Tagen kommt es zu einem mit schwarzem Schorf bedeckten Milzbrandkarbunkel. Es können aber auch andere Bakterien eine Schwarzfärbung der Haut verursachen. Das Einatmen des Erregers kann zum gefährlicheren Lungenmilzbrand führen. Er verläuft zunächst wie eine Erkältungskrankheit und kann Symptomen einer Lungenentzündung ähneln. In beiden Fällen kann sich der Erreger auf die Lymphbahnen ausbreiten. Es folgen Fieber sowie Schwellung und Verfärbung der Milz und ein allgemeiner Kräfteverfall.

Mareike Zoll



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