Milzbrand "Es macht keinen Sinn, auf gut Glück zu schlucken"

Nach den Milzbrand-Fällen in den USA geht auch in Deutschland die Angst vor Infektionen mit Bio-Kampfstoffen um. Behörden, Ärzte und Krankenhäuser bemühen sich deshalb um Aufklärung.

Von Mareike Zoll


Zwei Feuerwehrleute in Schutzanzügen im Einsatz am vergangenen Donnerstag in Wiesbaden
AP

Zwei Feuerwehrleute in Schutzanzügen im Einsatz am vergangenen Donnerstag in Wiesbaden

Hamburg - Der Appell der Experten ist immer der Gleiche: Ruhe bewahren. "Wir raten zur Gelassenheit", sagt Volker Dinnendahl von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). "Milzbrand ist nicht so ansteckend wie Schnupfen." Solange es in Deutschland keine Anschläge mit biologischen Waffen gebe, bestünde kein Anlass zur Sorge. Und selbst für den Fall, dass Milzbrand eines Tages in Deutschland diagnostiziert würde, könnte es zu "keiner blitzschnellen Infektion" kommen.

Von Hamsterkäufen von Medikamenten gegen das tückische Anthrax-Bakterium hält Dinnendahl nichts. "Vorratskäufe sind überflüssig. Es macht keinen Sinn, auf gut Glück zu schlucken", ergänzt der Leiter der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker. Außerdem seien Antibiotika verschreibungspflichtig und nur nach Konsultation eines Arztes einzunehmen.

WHO warnt vor Selbsttherapie

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt die Menschen ebenfalls vor Panik. "Wenn das öffentliche Gesundheitssystem gut funktioniert, ist der Erreger in den Griff zu bekommen", sagt Iain Simpson, zuständig für übertragbare Krankheiten beim WHO in Genf. Milzbrand sei im Prinzip keine seltene Krankheit, aber sehr selten beim Menschen. Simpson spricht sich sowohl gegen Massenimpfungen als auch dagegen aus, dass sich Menschen bei mutmaßlichen Anzeichen selbst mit Antibiotika behandelten. "Wir kämpfen dagegen, dass bestimmte Stämme resistent werden." Diese Gefahr bestünde, wenn ein Patient versuche, sich selbst zu therapieren.

In der Universitätsklinik in Hamburg-Eppendorf (UKE) blieb der große Ansturm besorgter Menschen bislang aus. "Nur gelegentlich rufen interessierte Bürger an, um sich über Milzbrand und seine Folgen zu informieren", sagt Marion Schafft, Pressesprecherin des UKE. "Dies sind aber derzeit noch Einzelfälle. Wir bemühen uns, die Anfragen zu beantworten, und empfehlen den Menschen außerdem, sich beim örtlichen Gesundheitsamt über Erreger, Symptomatik und diagnostische Möglichkeiten zu informieren."

Im Fall eines Terroranschlags mit biologischen Waffen wie Anthrax sei das Krankenhaus fürs Erste gewappnet und könnte gemäß des Katastrophenplans zusätzliche Betten, Ärzte und pflegerische Kapazitäten zur Verfügung stellen, erklärt Schafft. Für den Fall, dass allerdings hundert oder tausend Menschen an Milzbrand erkrankten, sei "niemand gerüstet".

Merkblatt "Milzbrand"

Viele Menschen in Deutschland haben Angst vor einer Infektion mit dem Milzbrand-Erreger
DPA

Viele Menschen in Deutschland haben Angst vor einer Infektion mit dem Milzbrand-Erreger

Auch im Internet stehen zahlreiche Informationen zum Thema Milzbrand. Das Bundesamts für Sera und Impfstoffe in Langen ((Paul-Ehrlich-Institut)) sowie das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin haben ausführliche Merkblätter zu Anthrax im Netz veröffentlicht. Demnach sind in Deutschland Impfstoffe gegen die Erreger von Milzbrand, Pest und Pocken bislang weder zugelassen noch kurzfristig verfügbar. Sollten im Notfall Impfstoffe aus dem Ausland bezogen werden, wäre das Paul-Ehrlich-Institut jedoch "sofort in der Lage, die notwendigen Prüfungen auf Wirksamkeit, Qualität und Unbedenklichkeit der Impfstoffe vorzunehmen". Das RKI hat eine Hotline (01888/754 34 30) eingerichtet, um Fragen zu Anthrax entgegenzunehmen und zu beantworten.

Angst schüren in Deutschland nicht nur die jüngsten Milzbrand-Fälle in den USA, sondern auch psychopathischen Trittbrettfahrer, die in den vergangenen Tagen mehrfach Anschläge fingierten. Bislang wurden in den Briefen oder Päckchen allerdings keine Anthrax-Sporen gefunden, sondern lediglich harmloses Pulver. Trotz dieser "Fehlalarm-Fälle" rät das RKI weiterhin zu erhöhter Aufmerksamkeit. Falls in der Post verdächtige, etwa mit Pulver gefüllte Briefe auftauchten, sollte schnellstmöglich die Polizei benachrichtigt werden. Dann laute in jedem Fall die Devise: "Nicht berühren, nicht einatmen, nicht kosten."



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