Minutenprotokoll der letzten Etappe Der Castor gelangt ans Ziel

Der Castor-Marathon hat ein Ende: Nach tagelangen Protesten und Blockaden hat der Atommülltransport das Zwischenlager in Gorleben erreicht. Die letzten Sperren hatte die Polizei am frühen Morgen geräumt. Lesen Sie die Ereignisse der letzten Etappe im Minutenprotokoll nach.

dapd

+++ 14.24 +++ Nach dem Castor ist vor dem Castor: Die Ankunft des elften Transports mit hochradioaktivem Atommüll aus Frankreich in Gorleben war nicht das letzte Ereignis dieser Art. Schon im nächsten Jahr steht nach Angaben des Betreibers, der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS), die Lieferung von weiteren elf Castoren aus der Atommüll-Wiederaufarbeitungsanlage La Hague an.

+++ 13.33 Uhr +++ Der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann hat eine Bilanz zu den Anti-Castor-Protesten gezogen: Bei Blockaden und anderen Aktionen seien acht Menschen fest- und rund 1300 weitere in Gewahrsam genommen worden, sagte er auf einer Pressekonferenz. 172 Strafverfahren seien eingeleitet worden. Die Gesamtzahl der Demonstranten in der Region bezifferte der CDU-Minister auf 20.000 bis 25.000. 78 Polizisten seien bei Auseinandersetzungen mit Demonstranten leicht verletzt worden. Über die Zahl der verletzten Atomkraftgegner machte Schünemann keine Angaben.

+++ 13.04 Uhr +++ Die Union sieht nach den Castor-Protesten kaum noch Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit mit den Grünen. Ihre Unterstützung für die Protestaktionen zeigten, dass die Grünen in die Ursprünge der siebziger Jahre zurückfielen, sagte CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich. Die Schnittmenge an Gemeinsamkeiten sei enorm geschrumpft. Er könne sich daher nicht vorstellen, dass es über die bestehenden gemeinsamen Landesregierungen hinaus weitere Zusammenarbeiten im Land oder im Bund geben werde.

+++ 12.57 Uhr +++ Die ehrenamtlichen Sanitäter, die beim Castor-Transport im Einsatz waren, haben schwere Vorwürfe gegen Polizisten erhoben. Bei einer Protestaktion in Leitstade hätten Beamte verhindert, dass eine schwerverletzte Frau mit einem Oberschenkelbruch abtransportiert werden konnte, sagte die Sprecherin der Sanitäter, Gabriele Pelce. In derselben Gegend seien Sanitäter, die deutlich kenntlich Verletzte versorgt hätten, selbst mit Polizeiknüppeln attackiert worden.

+++ 12.19 Uhr +++ Der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann hat sich zufrieden mit dem Ausgang des Castor-Transports gezeigt. "Ich bin froh, dass die Castoren heute um 9 Uhr 50 das Zwischenlager Gorleben erreicht haben", sagte er auf einer Pressekonferenz. Als Quintessenz stellte er fest, dass es mehr Störungen als in früheren Jahren gegeben hat. "Wir haben es mit mehr Blockaden zu tun gehabt als in früherer Zeit." Die Zahl der gewaltbereiten Autonomen unter den Demonstranten bezifferte er auf rund 300.

+++ 10.54 Uhr +++ Viele Polizisten sind nach dem Einsatz im Wendland vollkommen erschöpft. Zwei junge Beamte aus Sachsen, die die letzten Meter des Cator-Transports gesichert hatten, sind einfach nur platt. "Wir sind müde, hungrig und freuen uns aufs Bett", sagt einer der beiden Männer mit dicken Ringen unter den Augen. 27 Stunden haben sie vor dem Zwischenlager gestanden - ohne Schlaf, ohne Essen, weil ihre Versorgung die Sitzblockade der Demonstranten nicht passieren konnte.

+++ 10.36 Uhr +++ Rund um Gorleben herrscht ein Verkehrschaos. Die sogenannte Südroute zwischen dem Verladebahnhof Dannenberg und Gorleben wird von abrückenden Polizei-Einsatzfahrzeugen blockiert. Hier fahren die Mannschaftswagen und Wasserwerfer ab. Für andere Verkehrsteilnehmer gibt es derzeit keine Chance, diese Strecke zu fahren. Sie müssen warten, oder andere Wege suchen.

Screenshot der gehackten Website

Screenshot der gehackten Website

+++ 10.01 Uhr +++ Atomkraftgegner haben offenbar die Internetseite der Kernenergiebetreiber gehackt. Unter der Adresse www.kernenergie.de sind ein brennender Bildschirm und der Schriftzug "Kernenergie. So sicher wie diese Webseite" zu sehen.

+++ 09.51 Uhr +++ Ein Mitarbeiter des Zwischenlagers schließt hinter dem letzten Tieflader das Tor. Der Castor-Transport 2010 ist beendet. Die ersten Polizisten fahren bereits in ihren Mannschaftswagen ab.

+++ 09.46 Uhr +++ Der Castor-Konvoi erreicht das Zwischenlager Gorleben. Ohne weitere Zwischenfälle absolvierte der Konvoi mit elf Atommüll-Behältern am Morgen die letzte Etappe. Der Atommüll ist damit an seinem Ziel angekommen.

+++ 09.38 Uhr +++ Führende Atomkraftgegner haben die massiven, gewaltlosen Proteste gegen den Castor-Transport nach Gorleben als großen Erfolg gewertet. Der Sprecher der Organisation ausgestrahlt, Jochen Stay, geht von einer Stärkung der Anti-Akw-Bewegung aus. "Die Leute gehen von hier mit einer unheimlichen Motivation weg", sagte er in Gorleben. Zwar sei eine Räumung nie etwas erfreuliches, "aber es fühlt sich nicht frustrierend oder nach Niederlage an", sagte Stay mit Blick auf die rund 45-stündige Sitzblockade vor dem Zwischenlager Gorleben.

+++ 09.30 Uhr +++ Vor dem Tor zum Zwischenlager Gorleben haben sich zahlreiche Beobachter und Journalisten versammelt. Über der Szenerie kreisen Hubschrauber.

+++ 09.22 Uhr +++ Massive Polizeikräfte sichern die gesamte Transportstrecke gegen Protestaktionen der Atomkraftgegner. Der letzte Teil des Transports war in den Vorjahren oft der schwierigste und derjenige, der am härtesten zwischen Polizei und Protestierern umkämpft war.

+++ 09.10 Uhr +++ Wenige Hundert Meter von der Einfahrt zum Zwischenlager entfernt hat sich ein Aktivist der Umweltschutzorganisation Robin Wood in die Krone eines Baumes gekettet. Freiwillig will er seinen Platz nicht verlassen, sagt die Polizei. Vermutlich werde man ihn an seinem Platz lassen.

+++ 09.06 Uhr +++ Die Straße vor dem Zwischenlager Gorleben ist inzwischen gereinigt. Die Polizei beseitigte Strohballen, Schlafdecken und Abfall, den die Demonstranten bei der Beseitigung der Blockade zurückgelassen hatten.

+++ 08.57 Uhr +++ Bisher läuft der Transport über die Straße störungsfrei. Nach der Räumung der Route durch die Polizei ist die Strecke abgesperrt. Der Konvoi ist in langsamen Tempo unterwegs.

+++ 08.44 Uhr +++ Der Transport ist auf der sogenannten Nordroute unterwegs. Sie führt über Quickborn und Langendorf nach Grippel, wo sie auf die Südroute trifft.

+++ 08.35 Uhr +++ Der Castor-Transport mit hoch radioaktivem Atommüll ist mit rund eintägiger Verspätung auf seine letzte Etappe zum Zwischenlager Gorleben gestartet. Noch kein Castor-Transport in der Geschichte deutscher Atommüll-Transporte hat so lange gedauert wie dieser. Er war am Freitag in Frankreich gestartet.

+++ 08.18 Uhr +++ Greenpeace hat einer kleinen Brauerei aus Nordhessen zu überregionaler Bekanntheit verholfen. Zwei Aktivisten nutzten einen Lastwagen mit dem Schriftzug "Hütt Luxus Pils - so herzerfrischend anders", um die Polizei auszutricksen. Knapp 12 Stunden brauchten Beamte, um die beiden, die sich nahe dem Verladebahnhof Dannenberg mit dem LKW im Boden verkeilt hatten, wieder herauszulösen. Der respektvolle Kommentar einer Polizistin: "Das war der Oberknaller, echt 'ne geile Aktion." Gegen die Aktivisten wird nun wegen versuchter Nötigung ermittelt.

+++ 08.00 Uhr +++ Die Blockade vor dem Atommüll-Zwischenlager Gorleben ist aufgelöst. Die Polizei trug am Morgen den letzten Protestierer von der Straße. Mehrere tausend Atomkraftgegner hatten dort insgesamt 44 Stunden ausgeharrt und den Weg zum Zwischenlager versperrt. Wann die Einsatzleitung der Polizei den Startschuss für die letzte Etappe des Castor-Transports von Dannenberg nach Gorleben gibt, ist noch offen. Falls der Tieflader-Konvoi auf den letzten 20 Straßen-Kilometern zum Zwischenlager nicht mehr aufgehalten wird, könnte er die Strecke in rund einer Stunde schaffen.

+++ 03.25 Uhr +++ Die Räumung der Straßenblockade vor dem Atommüll-Zwischenlager Gorleben hat begonnen. Polizisten tragen die ersten Demonstranten weg, wie die Organisatoren von der gewaltfreien Kampagne "X-tausendmal quer" mitteilten. Nach ihren Angaben waren zuletzt 4000 Atomkraftgegner auf der Straße, die Polizei sprach von etwa 3000. Die Demonstranten lagerten teilweise seit 40 Stunden auf Strohsäcken und Isomatten dort. Erstmals hatte die Polizei die Atomkraftgegner am Montagabend gegen 21.30 Uhr aufgefordert, die Straße zu räumen.

ler/dpa/dapd/AFP

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Questions 09.11.2010
1. Gegen das Vollk
Ein Hoch auf alle Blockierer und Aktivisten, die sich bei Minusgraden hinsetzen und sich einen abfrieren. Einen Dank und Anerkennung allen Polizisten, die hier gewaltfrei mitgearbeitet haben trotz der Strapazen. Und für Frau Merkel nur der Hinweis: man kann dauerhaft nicht gegen das Volk regieren. Sie sollten das wissen. Wenn Sie Mut im Blut haben, gehen Sie auf das Volk zu. Die Menschen im Wendland stehen für viele Andere in der Republik, die Ihre Ausstiegs-ausstiegspläne nicht billigen!
Archivdoktor, 09.11.2010
2. Ab nach Sibirien!
Zitat von sysopEs war erneut eine lange Nacht: Castor-Gegner haben die Strecke zwischen dem Verladebahnhof Dannenberg und Gorleben versperrt. Jetzt wurden die Blockaden beseitigt, die letzte Etappe des diesjährigen Castor-Transports kann beginnen. Verfolge Sie im Liveticker die Ereignisse. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,728023,00.html
Kann nur hoffen, dass dies der letzte Castor nach Gorleben war - ist schon Wahnsinn was hier abging!! Die Russen stellen ihr Endlager den anderen Europäern zur Verfügung - natürlich gegen Bares....Wenn man liest, dass der jetzige Transport ca. 25 Mio Euronen kostet, viel mehr verlangen die Russen auch nicht....Also ab nach Sibirien - und der Spuk von Gorleben ist Vergangenheit.....
michaelwald, 09.11.2010
3. Basisdemokratie - Nein Danke!
Ich war ja immer ein Verfechter der Basisdemokratie. Aber 2010 ist das Jahr, welches in die Geschichte eingehen wird als das Jahr, in dem bewiesen wurde das es Basisdemokratie nicht geben kann. Wenn diese ganzen Blockierer, wie etwa in Stuttgart oder jetzt beim Castor Transport, in Deutschland das sagen hätten, dann würde sich binnen weniger Monate in Deutschland kein Rad mehr drehen. Sie können sich sicher sein, das der Großflughafen in Berlin auch auf der Liste dieser Blockierer steht und als nächstes torpediert wird. Es waren, sind und werden immer ewige Steineschmeisser und Hausbesetzer bleiben. Kontraproduktive Menschen mit denen man nicht arbeiten kann und die nichts verstehen wollen oder können. Leider haben es die Grünen geschafft sich wie eine Krake über das Land zu legen und ihre unheilvollen Technikängste in möglichst viele Köpfe zu transportieren.
Questions 09.11.2010
4. Ach ja?
Zitat von michaelwaldIch war ja immer ein Verfechter der Basisdemokratie. Aber 2010 ist das Jahr, welches in die Geschichte eingehen wird als das Jahr, in dem bewiesen wurde das es Basisdemokratie nicht geben kann. Wenn diese ganzen Blockierer, wie etwa in Stuttgart oder jetzt beim Castor Transport, in Deutschland das sagen hätten, dann würde sich binnen weniger Monate in Deutschland kein Rad mehr drehen. Sie können sich sicher sein, das der Großflughafen in Berlin auch auf der Liste dieser Blockierer steht und als nächstes torpediert wird. Es waren, sind und werden immer ewige Steineschmeisser und Hausbesetzer bleiben. Kontraproduktive Menschen mit denen man nicht arbeiten kann und die nichts verstehen wollen oder können. Leider haben es die Grünen geschafft sich wie eine Krake über das Land zu legen und ihre unheilvollen Technikängste in möglichst viele Köpfe zu transportieren.
Die Schlichtugen zu Stuttgart 21 zeigen Beispielhaft, WIE hier in der BRD regiert und agiert wird: Es gibt einen politischen Willen, und die Fakten müssen sich diesem anpassen. Würde man bei allen anderen Projekten ebensogenau schauen, wie es denn wirklich aussieht mit den Fakten - das wäre zumindest das Ende der Ära "bezahlter inkompetenter Politiker". TEchnik ist klasse - wenn sie denn was bringt. Angesichts der allüberall beschworenene Terrorgefahr noch so einen Scheiß wie deisen radioaktiven Müll zu produzieren, der dann den späteren Genarationen zur Bewachung aufgebürdet wird, ist doch hahnebüchig und hat mit Techniksicherheit nichts zu tun. HALLO - Es geht um den Müll, nicht ums AKW.
Andy71 09.11.2010
5. Danke Aktivisten von Gorleben
es können leider nicht alle vor Ort, sein aber unser Herz kämpft mit euch !! Danke
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