Minutenprotokoll des Protest-Montags Castor-Widerstand bricht alle Rekorde

Die Lage auf der Strecke zum Zwischenlager in Gorleben hat sich vorerst entspannt. Schon jetzt ist es der längste Castor-Transport aller Zeiten. Lesen Sie die Ereignisse des Protest-Montags in Gorleben im Minutenprotokoll nach.

REUTERS

+++ 00.25 Uhr +++ Der zwölfte Castortransport ins Zwischenlager Gorleben hat länger gedauert als alle vorangegangenen. Nach Mitternacht waren die elf Castoren bereits mehr als 80 Stunden von der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague in Nordfrankreich unterwegs. Vor dem Zwischenlager in Gorleben feierten tausende Menschen mit Musik, Tanz und Suppe. Der bislang längste Transport hatte 2008 stattgefunden und mehr als 79 Stunden gedauert. Auch am frühen Morgen war weiter unklar, wann die Castoren auf den Tiefladern von Dannenberg nach Gorleben transportiert werden können.

+++ 23.55 Uhr +++ Vor Ort teilt die Polizei per Lautsprecher mit, dass sie die Sitzblockade auf der Strecke zum Zwischenlager vorerst nicht auflösen wird. Stattdessen raten die Sicherheitskräfte den Demonstranten, sich mit Decken und Planen gegen die eisigen Temperaturen zu schützen. Viele Protestler folgen der Aufforderung.

+++ 23.30 Uhr +++ Spezialisten der Polizei versuchen mit Trennschleifern, die Greenpeace-Blockade an der Ausfahrt des Verladekrans zu beenden. Zwei Mitglieder der Umweltschutzorganisation haben sich an dem umgebauten Brauerei-Lkw und am Boden befestigt. "Es ist ein kleiner Trick dabei. Es ist Beton und Stahl im Spiel", sagte ein Greenpeace-Sprecher. Laut Polizeiangaben soll ein Oberstaatsanwalt vor Ort prüfen, ob die Aktion strafrechtlich als Nötigung gewertet werden könne.

+++ 23.05 Uhr +++ Laut Betreibergesellschaft des Zwischenlagers in Gorleben sind zum vollständigen Abschluss der Umladung noch einige technische Messungen nötig. Erst dann dürfen sich die Lastwagen in Bewegung setzen. Die Polizei macht sich inzwischen mit schwerem Gerät an dem Greenpeace-Lastwagen zu schaffen, der die Straße vor der Umladestation in Dannenberg blockiert.

+++ 22.45 Uhr +++ Noch immer haben sich die Tieflader mit den Castor-Behältern nicht in Bewegung gesetzt. In der Ortschaft Gorleben haben Atomkraftgegner eine etwa 1,50 Meter hohe Betonpyramide auf der Transportstrecke abgestellt, um den Atommüll-Transport in das Zwischenlager zu blockieren. An das Hindernis sind mehrere Aktivisten der "Bäuerlichen Notgemeinschaft" angekettet, wie ihr Sprecher Hans-Werner Zachow am Abend sagte. Die Pyramide sei so konstruiert, dass sie nicht einfach angehoben werden könne, ohne die Demonstranten zu verletzen. Zusätzlich ist die Pyramide offenbar mit Schaum gefüllt. So soll verhindert werden, dass die Polizei mit Spezialkameras in das Innenleben der Konstruktion spähen kann.

+++ 22.05 Uhr +++ Rund zwölf Stunden nach Eintreffen des Castor-Zuges in Dannenberg sind nach 22.00 Uhr alle elf Behälter auf Tieflader umgesetzt worden. Die Lastwagen werden den Atommüll in das rund 20 Kilometer entfernte Zwischenlager in Gorleben bringen. Noch ist die Blockade auf der Strecke aber nicht aufgelöst.

+++ 21.40 Uhr +++ Die Räumung der Straßenblockade auf der Zufahrtstraße kurz vor dem Atommüll-Zwischenlager Gorleben in Niedersachsen rückt offenbar näher. Die Polizei forderte die rund 3000 Atomkraftgegner am Montagabend gegen 21.30 Uhr auf, die Straße innerhalb von 30 Minuten zu räumen. Die Demonstranten lagern teils seit 30 Stunden auf Strohsäcken und Isomatten und haben sich in warme Decken gehüllt.

+++ 21.15 Uhr +++ Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hat angesichts der anhaltenden Blockaden des Castor-Transports zur Mäßigung aufgerufen. In der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" appellierte Lammert an alle Beteiligten, "die Balance im Auge zu behalten zwischen dem Demonstrationsrecht und den gesetzlich geregelten Notwendigkeiten sowie internationalen Verträgen der Zwischenlagerung atomarer Brennstoffe." Der CDU-Politiker äußerte zudem Verständnis für die Forderung des Landes Niedersachsens nach einem Ausgleich für die hohen Kosten des Polizeieinsatzes.

+++ 19.43 Uhr +++ Die Zahl der Demonstranten auf der Zufahrtstraße ist auf rund 3000 gewachsen. Das bestätigte eine Polizeisprecherin auf dapd-Anfrage. Eine Räumung in der Nacht zu Dienstag werde immer wahrscheinlicher. Die Polizei bereite sich darauf vor. Am Montagnachmittag hatten an derselben Stelle nur etwa 1500 Atomkraftgegner gesessen. Die Demonstranten lagerten auf Strohsäcken und hatten sich - wie am Abend auch - in warme Decken gehüllt.

+++ 19.20 Uhr +++ Greenpeace blockiert die Ausfahrtstraße der Umladestation in Dannenberg mit einem Lkw. Im Inneren des acht Meter langen umgebauten Brauereifahrzeuges hätten sich fünf Aktivisten so befestigt, dass die Polizei den Lkw nicht fortbewegen könne, ohne sie zu verletzen, sagt ein Greenpeace-Sprecher vor Ort. Der Lkw stand auf der Kreuzung der Bundestraße 191 mit der Zufahrtsstraße zur Umladestation. Dort laufen die beiden möglichen Routen für den Straßentransport der elf Castor-Behälter nach Gorleben zusammen.

+++ 18.58 Uhr +++ Der achte der elf Castor-Behälter ist vom Zug auf den Tieflader umgeladen.

+++ 18.12 Uhr +++ Die Protestbewegung X-tausendmalquer meldet rund 2400 Teilnehmer, die sich trotz Kälte auf eine Nacht unter freiem Himmel einstellen. Auf den Straßen zwischen der Castor-Umladestation am Bahnhof Dannenberg und dem etwa 20 Kilometer entfernten Gorleben bereiten Atomkraftgegner zudem mehrere weitere Blockade-Aktionen mit Traktoren vor.

+++ 17.32 Uhr +++ SPD-Chef Sigmar Gabriel weist der Bundesregierung die Schuld an den verschärften Castor-Protesten zu. Mit ihrem Beschluss über die Laufzeitverlängerung der alten Atommeiler hätten Union und FDP einen gesellschaftlichen Großkonflikt neu eröffnet, den SPD und Grüne zuvor bereits beigelegt hätten, sagt der frühere SPD- Umweltminister dem Sender NDR Info.

+++ 17.06 Uhr +++ Halbzeit beim Umladen. Mehr als sieben Stunden nach dem Eintreffen des Castor-Transports in Dannenberg sind sechs der elf Atommüllbehälter auf Lastwagen verladen worden. Damit ist absehbar, dass der Konvoi gegen Mitternacht startbereit sein könnte. Erwartet wird aber, dass die Polizei zunächst die rund 20 Straßenkilometer zum Gorlebener Zwischenlager komplett räumt, ehe die elf Lastwagen sich auf den Weg machen.

+++ 16.49 Uhr +++ Der Bundestag wird am Mittwoch über die Demonstrationen im Wendland debattieren. Nach Grünen und Linkspartei beantragten auch die Regierungsfraktionen CDU/CSU und FDP am Montag eine Beratung im Parlament. Nach Angaben eines Sprechers der Unionsfraktion soll dabei aus der Sicht der Koalition vor allem das Verhalten der Grünen zur Sprache kommen. Sie müssten erklären, wie sie sich zu den Rechtsbrüchen bei den Blockadeaktionen stellen.

+++ 16.09 Uhr +++ Bauern im Wendland versuchen mit allen Mitteln, den Castor-Transport auf seiner letzten Etappe ins Zwischenlager Gorleben aufzuhalten. Ganze Herden von Schafen und Ziegen haben eine Straße nahe dem Zwischenlager blockiert. Am Nachmittag seien rund 2000 Schafe sowie 50 Ziegen auf die Landstraße zwischen Gorleben und Laase gelangt, berichtete eine Sprecherin der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg. Wer sie dorthin getrieben hatte, sagte sie nicht.

+++ 16.03 Uhr +++ Die Bundespolizeigewerkschaft (bgv) klagt über zu starke Belastungen für ihre Beamten während des Castor-Transports. Die Grenze der Belastung für die Einsatzkräfte sei eindeutig überschritten, zumal die meisten schon für das kommende Wochenende zu neuen Einsätzen verpflichtet worden seien, sagte der Vorsitzende Rüdiger Reedwisch. Er führte die Belastung der Bundespolizei - sie hieß bis Mitte 2005 Bundesgrenzschutz - auch darauf zurück, dass "überall Stellen für Polizisten hirnlos gestrichen werden und Pseudo-Sicherheit vorgegaukelt wird".

+++ 15.37 Uhr +++ CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt hat die Grünen für ihre Unterstützung der Castor-Blockierer scharf angegriffen. "Die Grünen outen sich als politischer Arm von Aufrührern, Brandstiftern und Steinewerfern," sagte er. "Was Trittin, Roth und Özdemir im Wendland abziehen, ist moralische Unterstützung für Landfriedensbruch."

+++ 15.14 Uhr +++ Die Polizei will ihre Strategie im Wendland fortsetzen. Trotz Massenprotesten und heftiger Kritik an ihrem Einsatz beim Castor-Transport gebe es keinen Anlass für Änderungen. "Der Einsatz verläuft so wie in früheren Jahren, und wir lernen jedes Jahr hinzu", sagte der Sprecher der Gesamteinsatzleitung in Dannenberg, Torsten Oestmann. "Das Konzept muss nicht geändert werden, vielleicht hier und da ein paar Details. Fehler seien bisher nicht gemacht worden. "Es gibt zwar einen Zugfahrplan, aber jeder weiß: Der wird eh nicht eingehalten."

+++ 15.01 Uhr +++ Atomkraftgegner haben über eine hohe Zahl von Verletzten bei ihren Protesten gegen den Castor-Transport nach Gorleben geklagt. Die Kampagne "Castor Schottern" sprach von 950 Augenverletzungen und 29 Kopfplatzwunden. Zudem sollen 16 Atomkraftgegner Fingerbrüche erlitten haben. Zwei Demonstranten mussten nach Angaben der Gruppe ins Krankenhaus. Die Polizei machte bislang keine Angaben zur Zahl der Verletzten. Einsatzkräfte hatten Atomkraftgegner von "Castor Schottern" daran gehindert, massenhaft Steine aus den Gleisen zu räumen. Dabei setzten sie Schlagstöcke und Pfefferspray ein.

+++ 14.43 Uhr +++ Die CDU hat vor allem die Grünen wegen ihres Protestes gegen den Castor-Transport attackiert. Generalsekretär Hermann Gröhe forderte die Partei auf, sich "ohne Wenn und Aber" von Aktionen wie der Entnahme von Gleisschotter im Wendland zu distanzieren. "Wer sich von solchen Formen des gewaltsamen Protestes nur halbherzig distanziert oder sie gar rechtfertigt, der macht deutlich, er setzt auf Chaos."

+++ 14.26 Uhr +++ Zwischen Zadrau und Groß Heide haben Demonstranten zwei große Traktoren auf der Straße abgestellt. Nahe der Räder sind farbige Markierungen auf dem Asphalt - alles ist offenbar genau vermessen. Normale Autos sollen noch durchkommen, Mannschaftswagen der Polizei oder größere Fahrzeuge nicht. Diese Strategie der Landwirte hatte bereits am Sonntag dazu geführt, dass die Polizei Schwierigkeiten beim Nachschub hatte.



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immigrantin 08.11.2010
1. die Grünen freut´s
Zitat von sysophttp://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,727782,00.html
Und die Grünen reiten auf dieser Welle. Özdemir ruft die Demonstranten seiner Partei beizutreten. Nennt man so etwas Rattenfänger?
RubyRhod 08.11.2010
2. Yeah!
Lauf, Ludmilla, lauf! Du alte russische Dame, zeig, was du kannst! Schämt euch alle so eine schöne Lokomotive vom Fahren abhalten zu wollen!
shechinah 08.11.2010
3. Tolle Wurst
Helden der Nacht! Den Zug ein paar Stunden aufgehalten, völlig unnötige Kosten in Höhe von 20-30 Millionen verursacht, die natürlich der Steuerzahler blechen darf, damit die Damen und Herren Protesteure ihren Enkeln erzählen können wie engagiert sie Zeichen gesetzt haben. Effekt: keiner. Der Zug kommt alt ein paar Stunden später an. WOW! da habt ihr ja wirklich was erreicht. Was wollen die eigentlich? Den Zug stoppen und das Gleis zum Endlager erklären oder geht es darum das Zeug wieder zu den Franzosen zurück zu schicken. Und was sollen die damit? Der Atommüll ist nun mal da, ob einem das gefällt oder nicht und irgendwo muß er ja hin. Mann kann ihn ja nicht die nächsten 24000 Jahre im Zug spazieren fahren. Ich frage mich außerdem allen Ernstes, warum die immer nur wegen diesem Transport so einen Aufriss machen. 2010 wurden 234 Transporte von Kernbrennstoffen durchgeführt, ohne jeglichen Protest - auch mehrfach im Monat ins zentrale Zwischenlager im niedersächsischen Gorleben. Nur um die jährlichen Transporte aus der Wiederaufarbeitung wird so ein Volksfest veranstaltet. Außerdem sind es nur noch 215 Chargen, danach ist sowieso Schluß. Und bis dahin sind wir halt gesetzlich verpflichtet das Zeug wieder aus Frankreich zurück zu holen.
KomischWetter 08.11.2010
4. Der Atomkonflikt...
...war durch den vereinbarten Ausstieg befriedet. Durch Verhandlungen und Kompromisse wurde ein Übereinkommen geschaffen. Es wäre nur noch darum gegangen, die restliche Laufzeit abzuwickeln. Schwarz-gelb hat diesen Konsens ohne Not aufgekündigt. Instandsetzung sicherheitsrelevanter Bauteile, die im Falle des Ausstieges nicht notwendig gewesen wären, wurden nun auch sträflicherweise für die längeren Laufzeiten für überflüssig erklärt. Die derzeitige Regierung agiert ausschließlich im Interesse der großen Energiekonzerne. Auf Kosten unserer aller Sicherheit. Klar, es ist fragwürdig, ob die Störung der Transporte nicht auch ein gewaltiges Sicherheitsrisiko darstellen. Aber es ist nun mal so: Die Leute sind zurecht stinksauer auf Merkel und Konsorten. Die Regierung hätte wissen müssen, dass sich Volkes Zorn entladen wird. Dehalb ist sie meiner Meinung nach auch Verantwortlich dafür.
trueQ 08.11.2010
5. Geschichtsfälschung
Zitat von immigrantinUnd die Grünen reiten auf dieser Welle. Özdemir ruft die Demonstranten seiner Partei beizutreten. Nennt man so etwas Rattenfänger?
Die Grünen waren schon immer Teil der Anti-AKW-Bewegung, genauer: die Anti-AKW-Bewegung ist eine der Wurzeln der Grünen. Hier davon zu sprechen, dass die Grünen auf einer "Welle reiten würden" grenzt da schon an Geschichtsfälschung.
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