Missgriff Kohl vergleicht Thierse mit Hermann Göring

Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl hat sich mit einer Äußerung über Wolfgang Thierse grob im Ton vergriffen: Im privaten Gespräch mit anderen Abgeordneten verglich er den Bundestagspräsidenten mit dem Nazi-Minister Göring.


Es-Kanzler Kohl, Kandidat Stoiber: Im Ton vergriffen
DDP

Es-Kanzler Kohl, Kandidat Stoiber: Im Ton vergriffen

Berlin - Im Anschluss an die Sondersitzung des Parlaments zur Hochwasserkatastrophe am vergangenen Donnerstag, so berichtet der SPIEGEL, nahm Kohl den zweithöchsten Repräsentanten des Landes in kleiner Runde ins Visier: "Das ist der schlimmste Präsident seit Hermann Göring", schimpfte Kohl beim Lunch im Bundestags-Restaurant - die Nazi-Größe war von 1932 bis 1945 auch Reichstags-Präsident.

Mit am Tisch saßen drei bekannte Christdemokraten und ein Ex-Minister der FDP, keiner widersprach. Thierse hatte zuvor in der Unions-Fraktion Empörung ausgelöst, weil er während der Rede von Kanzlerkandidat Edmund Stoiber sehr spät gegen rot-grüne Zwischenrufer eingeschritten war. Dem SPIEGEL ließ Kohl erklären, er nehme zum Inhalt privater Gespräche keine Stellung.

Ex-Staatssekretär Willy Wimmer (CDU), der mit am Tisch saß, wollte die Äußerung weder bestätigen noch dementieren: "Ich kann Ihnen nur raten, sprechen Sie mich nicht auf dieses Thema an", so Wimmer auf Anfrage; es sei "auch um andere Themen gegangen". Ex-Staatsminister Bernd Schmidbauer und Ex-Wirtschaftsminister Helmut Haussmann wollen Kohls Äußerung nicht gehört haben; der CDU-MdB Roland Pofalla war für eine Reaktion nicht zu erreichen. Kohl sorgte schon einmal auf diese Art für Aufsehen: 1986 hatte er Michail Gorbatschow mit Joseph Goebbels verglichen.

Auf einer Wahlkundgebung predigte Kohl am Freitag dann das Gegenteil seiner intern ausgegeben Parole vom Vortag. "Wahlkampf ist keine Olympiade in der Beschimpfung politisch Andersdenkender", erklärte er am Freitagabend vor mehreren hundert Menschen in Pirmasens. Bundeskanzler Gerhard Schröder, SPD-Generalsekretär Franz Müntefering und Verteidigungsminister Peter Struck hielt er Diffamierungen des politischen Gegners vor.



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