Misshandlungen bei der Bundeswehr Beschuldigter klagt Vorgesetzte an

Ein Ausbilder, der an den Misshandlungen von Bundeswehrsoldaten beteiligt gewesen sein soll, hat jetzt schwere Vorwürfe gegen Vorgesetzte erhoben. Diese hätten die fingierten Geiselnahmen "akribisch vorbereitet".


Coesfeld/Mainz - Zugführer hätten die Übungen in der Freiherr-vom-Stein-Kaserne im nordrhein-westfälischen Coesfeld angeordnet, sagte der Ausbilder in einem Interview mit dem Magazin "Report Mainz" des Südwestrundfunks (SWR). Sie sollen auf eine geplante Richtlinie für die Grundausbildung verwiesen haben, die angeblich Übungen mit Geiselnahmen vorsehe. Der Sprecher des Heerestruppenkommandos, Withold Pieta, betonte dagegen, die Richtlinie für die Grundausbildung beinhalte zwei Stunden Theorie, aber keine Praxisausbildung.

Der Ausbilder sagte dem TV-Magazin weiter, die fingierten Geiselnahmen seien von den Vorgesetzten "akribisch vorbereitet" worden. Vielen Beschuldigten sei nicht bewusst gewesen, gegen Vorschriften verstoßen zu haben. Am Tag nach der Übung habe der Kompaniechef eine Nachbesprechung mit allen Rekruten einberufen. Aber niemand habe sich gegen die Anordnungen der Vorgesetzten gewehrt, die Rekruten hätten entweder geschwiegen oder sich positiv geäußert.

Die Staatsanwaltschaft Münster ermittelt wegen der Misshandlungen in der Coesfelder Kaserne gegen 21 Vorgesetzte. Wehrpflichtige waren mit Schwachstrom, Wasser und Schlägen malträtiert worden. Nach Angaben von Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) wurden bislang 23 Ausbilder suspendiert und 4 entlassen.

Zweiter Fall von Rekruten-Misshandlungen in Österreich

In Österreich gibt es möglicherweise einen zweiten Fall von Rekruten-Misshandlung. Nach Informationen der Zeitung "Tiroler Bezirksblätter" sollen bereits im vergangenen Dezember Wehpflichtige einer Innsbrucker und Landecker Kompanie im Rahmen eines so genannten Kampftages mit Kabeln gefesselt sowie Schlafentzug und Scheinfolterungen ausgesetzt worden sein. Österreichs Verteidigungsminister Günther Platter teilte heute mit, Staatsanwaltschaft und Beschwerdekommission des Bundesheeres seien bereits eingeschaltet.

Platter hatte am vergangenen Freitag Kommandeure einer Kompanie in Freistadt (Oberösterreich) vom Dienst suspendiert. Dort waren Rekruten nach einem zweitägigen Gewaltmarsch einer vorgetäuschten Geiselnahme ausgesetzt worden. Ihnen wurden von den Ausbildern Säcke übergestülpt. Anschließend mussten sie durch Schlamm und über einen nassen Misthaufen robben. Ausbilder traten ihnen in den Rücken und auf den Kopf. Die Aktion wurde mit einer Videokamera festgehalten.

Platter kündigte an, eine Kommission seines Ministeriums werde unverzüglich mit der Untersuchung der neuen Vorwürfe beginnen, "damit eine lückenlose Aufklärung so wie im Fall Freistadt gewährleistet" sei. Es gebe "null Toleranz" gegenüber Übergriffen, meinte er.



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