Mitten in Berlin Diplomat hält Angestellte wie Sklavin

Hausarrest, Schläge, täglich 20 Stunden Plackerei für einen Hungerlohn von 120 Euro im Monat: Ein hochrangiger Diplomat aus dem Jemen hat eine Angestellte mitten in Berlin jahrelang wie eine Leibeigene gehalten. Nur weil sie erkrankte, entkam die junge Frau ihrem Peiniger.

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Berlin - Eine unauffällige Wohnung in Berlin-Mitte, an den Wänden Plakate, die über die Lage von Billiglohnarbeitern informieren, über die Schicksale von Prostituierten. Es ist das Büro der Menschenrechtsorganisation "Ban Ying", die zu einer Pressekonferenz gebeten hat, um einen spektakulären Fall vorzutragen. Es ist die Geschichte von Frau Hasniati*.

Hasniati stammt aus Indonesien, und sie schaut auf den Boden, während sie erzählt, dass sie mitten in Berlin wie eine Sklavin gehalten wurde - von einem hochrangigen jemenitischen Diplomaten. Fotografen sind nicht zugelassen, denn sie hat Angst, dass ihr Peiniger sie finden könnte und wieder zur Gefangenen in seiner Wohnung macht. Dass sie wieder kaum Essen bekommt, dass sie geschlagen wird.

Haushaltshilfen: Sklaverei in Diplomatenvillen
Ban Ying

Haushaltshilfen: Sklaverei in Diplomatenvillen

Denn so sah ihr Leben aus in den vergangenen sieben Jahren: Sie musste als Hausangestellte des Diplomaten bis zu 20 Stunden am Tag schuften, sie wurde eingesperrt, wenn der Hausherr seine Privatwohnung verließ, sie wurde geschlagen, wenn er mit ihrer Arbeit nicht zufrieden war. 120 Euro Gehalt bekam sie dafür - pro Monat.

Passiert ist dies nicht an einem finsteren Ort, wo die Menschenrechte nichts zählen, sondern mitten in Berlin, am Potsdamer Platz. "Und womöglich wäre sie noch heute in der Wohnung eingesperrt, wenn sie nicht an Tuberkulose erkrankt wäre", sagt die Sozialpädagogin und Menschenrechtlerin Nivedita Prasad von "Ban Ying". Nur wegen der ansteckenden Krankheit durfte sie die Wohnung verlassen und wurde in ein Krankenhaus eingewiesen. Dort wurde Prasad auf die völlig abgemagerte Frau aufmerksam und holte sie in die Obhut von "Ban Ying".

Schläge für schlechte Arbeit

Jetzt trägt Hasniati einen orangefarbenen Schal, der viel zu dick ist für den gut beheizten Raum. Ihre leisen Worte werden aus dem Indonesischen übersetzt. 2002 sah die jung verwitwete Mutter von zwei kleinen Kindern keinen anderen Ausweg, als sich im Ausland als Haushaltshilfe zu bewerben. "Auf dem Land in Indonesien gibt es keine Zukunft für Frauen wie Hasniati", erklärt Nivedita Prasad.

Über eine dubiose Personalagentur geriet Hasniati an den Diplomaten, der sie erst mit nach Kairo nahm und dann 2004 nach Berlin, wo ihr Leben zur Tortur wurde.

Nur Brot und Reis zu essen

Ihre Essenportionen wurden eingeteilt in kleinste Rationen. "Morgens gab es eine Scheibe Brot, abends etwas Reis mit einer Tomate", klagt Hasniati. Der Diplomat hingegen genoss feinste Mahlzeiten - angerichtet von Frau Hasniati. Aus dem Haus ließ sie ihr Arbeitgeber nur, wenn sie auch noch die Wohnung seines Sohnes saubermachen sollte. Sieben Tage die Woche stand sie ihm zur Verfügung. "Sie hatte in all den Jahren keinen Moment frei", erklärt Prasad.

Und so hatte sie nicht die geringste Ahnung, dass sie sich mitten in der deutschen Hauptstadt befand. Lediglich an den bunt leuchtenden Schriftzug vom "CinemaxX" kann sie sich erinnern. Den sah sie aus dem Fenster der Wohnung. "Frau Hasniati war vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten" erklärt Nivedita Prasad. Kein Fernseher, kein Telefon, kein Kontakt zu anderen Menschen. "Sie hat noch nicht einmal die Tsunami-Katastrophe in ihrer Heimat Indonesien mitbekommen."

Warum sie nie geflohen ist? Sie hat sich nicht getraut. "Es wurde ein schier unmenschlicher Druck aufgebaut", begründet Nivedita Prasad das Verhalten ihres Schützlings außerhalb der Wohnung.

Das Pikante an diesem Fall: Es besteht nahezu keine Möglichkeit, den Botschaftsangestellten für sein Verhalten zu belangen. Nach dem "Wiener Übereinkommen über diplomatische Beziehungen" genießen Diplomaten persönlichen Immunitätsschutz. Das heißt: Im Prinzip - und von wenigen Ausnahmen abgesehen - kann ein Attaché oder Gesandter machen, was er will. Kein Gericht kann ihn persönlich belangen. So auch im Fall Hasniati. "Unter normalen Umständen würde man in einem solchen Fall wegen Menschenhandels anklagen", sagt die Anwältin Hasniatis, Maria Wilken.

Kein Einzelfall

Dass Diplomaten diese Freiheiten ausnutzen, ist nicht neu: Immer wieder kommen Fälle von hohen Botschaftsangestellten ans Tageslicht, die ihre Haushaltshilfen unter zum Teil menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten lassen. Im Auswärtigen Amt versucht man dagegen vorzugehen: "Die Problematik ist uns bekannt", sagt ein Sprecher des Ministeriums, "wo es zu Missbrauchsfällen gekommen ist, versuchen wir auf eine Lösung hinzuarbeiten. Diese Zustände sind für uns nicht hinnehmbar."

Die Vorkommnisse sind ein internationales Problem: Für Aufsehen sorgte der Fall der Sudanesin Mende Nazer, die 2002 ihre Erfahrungen in dem Buch "Sklavin" verarbeitete. Nazer hatte zuvor als Hausangestellte in Diensten eines ebenfalls sudanesischen Diplomaten in London gearbeitet - und erst nach Jahren der Torturen die Flucht geschafft.

In der Diplomatenhauptstadt Genf kam der Fall des ehemaligen Nigerianischen Botschafters nach Untersuchungen zum Vorschein: Dieser hatte seine aus den Philippinen stammende Haushaltsangestellte mehrfach misshandelt und vergewaltigt - bis ihm schließlich die Immunität entzogen wurde. Er musste sogar einige Monate in Haft verbringen - ein Einzelfall.

Reist der Botschaftsangestellte aus?

Im Auswärtigen Amt hat man 2003 mit einem ersten Schritt reagiert: In einer offiziellen Erklärung müssen sich die Diplomaten nun verpflichten, Hausangestellten mindestens 750 Euro monatlich zu zahlen, ihnen Kost und Logis zu stellen - und sie "nach arbeits- und sozialrechtlichen Mindeststandards entsprechend" zu behandeln.

Wenn diese Selbstverpflichtung dennoch unterlaufen wird, kann das Auswärtige Amt weiteren Druck ausüben. "Im äußersten Fall können die betreffenden Personen zur Persona non grata erklärt werden" betont ein Sprecher. Bei dem Jemeniten scheint dies nun der Fall zu sein: "Der Botschafter des betreffenden Landes wurde für Montag zu einem Gespräch ins Auswärtige Amt gebeten."

Eine öffentliche Stellungnahme der Botschaft war bislang nicht zu bekommen. Verzweifelt kämpft Anwältin Wilken wenigstens für eine finanzielle Entschädigung. Bei "Ban Ying" vermutet man, die Vertretung des Jemen spiele auf Zeit. "Wir fürchten, dass der Botschaftsangestellte ausreist", sagt Nivedita Prasad. Wobei eine Entschädigung ihrer Meinung nach auch mit Geld nicht zu leisten wäre: "Frau Hasniati ist völlig traumatisiert von den Erlebnissen."

* Name von der Redaktion geändert



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