SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

29. Dezember 2015, 16:28 Uhr

Großspender der MLPD

Sieger im Kassenkampf

Von

Jahr für Jahr kassiert die linksextreme Splitterpartei MLPD riesige Summen von privaten Einzelspendern. Warum ist das so? Geschichten über das revolutionäre Erbe.

Zahlen können manchmal unerbittlich sein. 24.219 Menschen gaben der MLPD bei der Bundestagswahl 2013 ihre Zweitstimme. 24.219, oder: 0,1 Prozent - damit lässt sich keine Revolution machen. Das Ergebnis zeigt vielmehr: Auch über 30 Jahre nach ihrer Gründung hat es die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands nicht über den Status einer Splittergruppierung hinaus geschafft. Die Behörden schätzen ihre Mitgliederzahl auf weniger als 2000.

Aber wenn schon nicht bei den Wahlen - in einer anderen Zahlenliste liegen die Linksextremen regelmäßig weit vorne: Seit Jahren kassiert die MLPD Spitzensummen von privaten Einzelspendern. Es sind Handwerker, Lehrer, Rentner, die mitunter sogar mehr geben, als die großen Verbände und Unternehmen für CDU oder FDP lockermachen. Menschen wie Helmut Klamser.

Im Oktober stellte der pensionierte Gewerkschaftler aus Oberhausen der MLPD 252.400 Euro zur Verfügung. Klamser organisiert seit Jahren Montagsdemos gegen die Hartz-Gesetze. Parteifreunde sagen, das Geld stamme aus einem Erbe.

Es ist die höchste Einzelsumme, die in diesem Jahr als Spende beim Bundestagspräsidenten gemeldet wurde. Zum Vergleich: Die Daimler AG überwies insgesamt 200.000 Euro an die Regierungsparteien CDU und SPD. Klamser folgt damit gewissermaßen einer Tradition. Für Aufsehen hatte vor allem der Fall von Michael May gesorgt. Der Rentner aus Moers hatte der MLPD allein zwischen 2005 und 2008 über drei Millionen Euro überwiesen.

Seit 2002 veröffentlicht der Bundestag alle Parteispenden von mehr als 50.000 Euro. Mit der MLPD mischt sich eine Gruppierung unter die großen Parteien, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Die Partei strebt eine kommunistische Gesellschaft an. Der Kapitalismus müsse "revolutionär durch den echten Sozialismus abgelöst werden".

Einer, der für den Klassenkampf ebenfalls tief in die Geldbörse gegriffen hat, ist Lüder Möller. 2013 gab er 110.000 Euro. Der 66-jährige Rentner lebt in Lübeck. Früher arbeitete Möller als Ausbilder in einer Werft, von Beginn an war er bei der MLPD dabei. Noch heute engagiert er sich für die Partei vor Ort. Immer mal wieder, erzählt Möller am Telefon, habe er kleinere Beträge an die Partei gespendet. Dann kam die Erbschaft von seinem Onkel. Das Geld aus dem Verkauf des Bekleidungshauses habe er sich schließlich nicht selbst erarbeitet, sagt Möller. "Ich bin einfach Nutznießer geworden. Da setze ich das lieber für den Befreiungskampf vom Kapitalismus ein."

Ähnlich sieht es Gabi Georgiou, Duisburg, 75.000 Euro - Rekord bei den Privatspenden 2014. Nachdem sie den Marxisten ihr komplettes Erbe ihrer Mutter überwiesen hatte, sagte die gelernte Stahlbauschlosserin dem "Bonner General-Anzeiger", sie brauche das Geld nicht: "Oberbayern reicht mir", wird Georgiou zitiert, "ich gehe gern wandern, und das schaffen wir auch mit unserem jetzigen Budget".

"Wissen, dass wir unbestechlich sind"

Die MLPD erklärt sich den wiederkehrenden Geldregen so: "Unsere Spender wissen eben, dass die Gelder tatsächlich auch für die Parteiarbeit eingesetzt werden. Und sie wissen, dass wir unbestechlich sind", sagt Wolf-Dieter Rochlitz, Mitglied der MLPD-Öffentlichkeitsarbeit. Dass es fast jedes Jahr eine Großspende gebe, sei Zufall.

MLPD-Anhänger erben, und geben ihren neuen Besitz direkt an die Partei weiter. Dieses Muster hält der Chemnitzer Politikwissenschaftler Tom Mannewitz für "absolut glaubwürdig". Bei anderen Parteien orientiere sich die Spendenhöhe meist eher am politischen Einfluss. Bei der MLPD seien Privates und Parteileben dagegen stärker verwoben. "Hier geht es weniger um soziales Engagement als um politische Visionen", so Mannewitz. "Viele Menschen geben dafür bereitwillig ihr letztes Hemd."

Den Kommunisten ermöglicht das immer wieder bemerkenswerte Wahlkampfoffensiven. "In großen Städten ist die Partei durch Plakate oftmals deutlich überrepräsentiert", sagt Mannewitz. "Außerdem ist sie vergleichsweise professionell aufgestellt." Das viele Geld macht es möglich. Wären da nicht immer die anderen Zahlen - die unerbittlichen.

Grafik: Christina Elmer

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung