Mord an Morsal Obeidi "Diese Jugendlichen lachen sich schlapp über die Polizei"

Was tun, um "Ehrenmorde" zu verhindern? Morsal Obeidi wurde von ihrem Bruder erstochen, weil er ihren Lebensstil nicht duldete. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt SPD-Politiker Bülent Ciftlik, warum Polizei und Behörden versagten - und was sie künftig anders machen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ciftlik, hätte der Mord an Morsal Obeidi verhindert werden können?

Ciftlik: Ja. Morsal Obeidi wurde mindestens viermal im Kinder- und Jugendnotdienst untergebracht, ihre Familie hat sie brutal misshandelt und bedroht, sie wurde vor den Augen der Polizisten im Hausflur vom Bruder verprügelt - trotzdem hat man sie nicht in Sicherheit gebracht. Die Behörden haben die Gefahrenlage offenbar falsch eingeschätzt. Und die Hamburger Dienststellen, die mit Morsal und ihrem kriminellen Bruder Ahmad zu tun hatten, haben ihre Informationen nicht zusammengeführt und nicht über eine Lösung nachgedacht.

SPIEGEL ONLINE: Wird der Senat das behördliche Versagen eingestehen, wenn die Einzelheiten am Dienstagabend im zuständigen Hamburger Ausschuss debattiert werden?

Ciftlik: Ich fürchte, der Senat wird weiterhin mauern, taktieren und verheimlichen. Er ist offenkundig nicht daran interessiert, schonungslos aufzuklären. Das haben die Hamburger Bürgermeisterin und Schulsenatorin Christa Goetsch und der zuständige Senator Dietrich Wersich ja leider schon einmal bewiesen, als sie auf einer Landespressekonferenz alles Mögliche erzählt haben, nur nicht Details zur Leidensgeschichte von Morsal und zum mehrfach vorbestraften Bruder. Damit machen die Verantwortlichen deutlich, dass ihnen die eigene Ungeschorenheit wichtiger ist als Aufklärung. Damit das trotzdem geschieht, werden wir alle parlamentarischen Mittel einsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Was hätten die Behörden tun müssen, um Morsal zu helfen?

Ciftlik: Soweit ich weiß, haben sich die Beamten keineswegs auf die spezielle kulturelle Situation im Fall Morsal Obeidi eingestellt. Es gab kein Gespräch mit den Eltern in deren Sprache oder einen Vermerk über den Männlichkeitswahn des Bruders in der Akte Morsal. Man hätte viel schneller auf die akute Gefahr aufmerksam werden müssen. Das Jugendamt hätte den Eltern das Sorgerecht zumindest teilweise entziehen und das Aufenthaltsbestimmungsrecht für Morsal beanspruchen müssen. All das wäre möglich gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Aber Morsal hat die Mädchenheime, in denen sie untergebracht war, immer wieder verlassen, um zu ihrer Familie zurückzukehren. Und sie hat Aussagen gegen ihre Familienmitglieder zurückgezogen. Offensichtlich wollte sie ihren Eltern und Geschwistern nicht den Rücken kehren.

Ciftlik: Meine Güte, wer ein bisschen Ahnung hat von gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhängen, erkennt doch, welchen Kraftaufwand es für ein 16-jähriges Mädchen kostet, die Polizei zu rufen und dann gegen den eigenen Bruder auszusagen. Zu sagen, sie hätte das selber durchziehen müssen, ist schlichtes Unverständnis. Die Familienfixiertheit in anderen Gesellschaften ist oft sehr viel größer als hier. Die Familie ist in Morsals Milieu der Lebensmittelpunkt. Sie hat in der Familie immer wieder die Wärme gesucht, nach der sie sich gesehnt hat. Das kann man ihr nicht vorwerfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollen die Behörden vorgehen, wenn die Betroffene Hilfe ablehnt?

Ciftlik: Der Tenor in der Arbeit mit ihr hätte sein müssen: "Wir verstehen, dass du zurück willst, Morsal. Aber dein Bruder hat dich vor 24 Stunden massiv bedroht und geschlagen, deshalb lassen wir dich nicht zurück." Wir müssen endlich aufhören, vor den Türen der Familien zu stoppen und umzukehren. Vor allem, wenn eine Gefahr für Leib und Leben besteht. Behörden müssen den Sprung über die Familienschwelle wagen.

SPIEGEL ONLINE: Warum schrecken die Behörden davor zurück, sich einzumischen?

Ciftlik: Das kann sicherlich Respekt vor der Autonomie einer Familie sein und Unsicherheit gegenüber dem Fremden. Behörden dürfen sich auch irren und Dinge falsch einschätzen, aber sie müssen sich Wissen aneignen und einmischen. Es gibt so viele schwer durchdringbare Bereiche: sogenannte Importbräute aus den Heimatländern, Familienfehden, sexueller Missbrauch - da haben die Beamten nicht jahrelang Zeit, sich einzuarbeiten. Es fehlt aber leider oft an Mut, sie sind oft übervorsichtig. Ich kenne Jugendliche, die sich schlapp darüber lachen, wie die Behörden - allen voran die Polizei - in Deutschland vorgehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte man mit jungen Männern umgehen, die den deutschen Rechtstaat nicht ernst nehmen?

Ciftlik: Bei jemandem wie Ahmad - 23 Jahre alt, dicke Muskeln, das Messer sitzt locker - müssen wir kompromisslos zeigen, dass Gewalt nicht akzeptiert wird. Und der Staat muss der Polizei signalisieren: Ihr habt unsere Rückendeckung, nutzt alle rechtlichen Möglichkeiten. Nachdem Ahmad seine Schwester vor den Augen der Polizei weiter geprügelt hat, hätte man ihn für einige Tage in Gewahrsam nehmen können. Hat man aber nicht. Die Polizisten sind einfach wieder abgerückt. Was ist das für ein Signal?

SPIEGEL ONLINE: Was treibt junge Männer wie Ahmad? Was läuft falsch in ihrem Leben?

Ciftlik: Es gab keinen Bereich, in dem Ahmad Selbstwertgefühl hätte aufbauen können: kein Schulabschluss, kein angesehener Job, keine Perspektive. Er hat in all diesen Bereichen nichts zu bieten. Ahmad wollte wenigstens in der Familie Autorität und Respekt genießen, auch das ist ihm nicht gelungen, zumindest nicht bei Morsal. Söhne wie Ahmad werden von Geburt an so erzogen, dass sie meinen, die vermeintliche Ehre ständig verteidigen zu müssen. Gewalt kommt immer dann ins Spiel, wenn ein Mann nicht fähig ist, mit Niederlagen umzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Hat die deutsche Gesellschaft überhaupt eine Möglichkeit, darauf Einfluss zu nehmen?

Ciftlik: Wir müssen diesen jungen Männern einerseits enge Grenzen setzen und ihnen andererseits von vornherein eine andere Entwicklung ermöglichen. Wir müssen Sprachdefizite ausgleichen, ihnen einen Schulabschluss ermöglichen und einen Ausbildung garantieren. Wenn all dies gelingt, brauchen die jungen Männer ihre Männlichkeit nicht länger dadurch beweisen, dass sie ihre Familienmitglieder tyrannisieren.

SPIEGEL ONLINE: Nun gibt es aber viele, die sagen, Ehrenmorde haben nicht damit zu tun, kein Abitur zu haben. Bildungsferne Schichten gibt es schließlich auch in Communitys, in denen noch kein Bruder seiner Schwester wegen eines Minirocks ermordet hat.

Ciftlik: Perspektivlosigkeit ist eine von vielen Ursachen für diese Form der Gewalt. Gewalt an Schwächeren kommt aber überall dort vor, wo Mikrokosmen entstehen, wo es in der Lebenswelt der Menschen keinen Zugang – ob nun selbst verschuldet oder nicht - zu unserem Werte- und Rechtssystem gibt. Da kann es passieren, dass auch ein deutscher Mann seine Frau umbringt, weil sie nicht tut, was er will - das wird in den Medien dann "Familiendrama" genannt. Dahinter steckt aber das gleiche Problem.

SPIEGEL ONLINE: Wie erreicht man die Menschen in Einwanderer-Mikrokosmen?

Ciftlik: Wir müssen die Migranten- und Moscheenverbände in die Arbeit einbinden, ihre Meinungen und Ideen einholen - auf ihr Sachverständnis können wir nicht verzichten. Wir brauchen Leute, die Einfluss in ihren Gruppen haben. Sie müssen mit den jungen Männern sprechen und ihnen klar machen: Ich habe kräftigere Muskeln als du, aber ich habe noch nie eine Frau geschlagen. Und wir brauchen Pädagogen und Soziologen mit Spezialkenntnissen, die Krisenintervention betreiben können. Das setzt aber mehr Personal voraus, auch darüber müssen wir reden. Mehr Personal kostet mehr Geld. Morsal hätte bei ihren vergeblichen Abnabelungsversuchen intensiv begleitet werden müssen. Kurz: Es reicht nicht, wenn wir uns bei Jasmintee in einen Kreis setzen und reden.

SPIEGEL ONLINE: Sie kämpfen für die Rechte unterdrückter Frauen und gegen Ehrenmorde, Sie selber haben eine türkische Herkunft - kämpfen Sie damit auch gegen die Stigmatisierung muslimischer Männer als Täter?

Ciftlik: Ja, natürlich. Ich komme zwar damit klar, dass manche deutschdeutschen Mitbürger mir gegenüber am Anfang gewisse Vorbehalte haben. Die gilt es aber nach und nach abzubauen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie kandidiert, um sich mit diesen Themen zu befassen?

Ciftlik: Nein. Ich komme aus einem Wahlkreis, in dem es auch viele andere Probleme gibt. Aber als einziger Türkischstämmiger in meiner Fraktion komme ich wohl nicht drum herum.

Das Gespräch führten Ferda Ataman und Barbara Hans