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Mord im Kleinen Tiergarten Russische Diplomaten besuchten mutmaßlichen Täter im Gefängnis

Über eine Stunde sprachen zwei russische Diplomaten nach SPIEGEL-Informationen mit dem mutmaßlichen Tiergartenmörder. Einer von ihnen soll beim Moskauer Innenministerium wegen einer Straftat gelistet sein.
aus DER SPIEGEL 44/2020
Russische Botschaft in Berlin (Archivfoto)

Russische Botschaft in Berlin (Archivfoto)

Foto: Carsten Koall / Getty Images

Vadim Krasikov, russischer Hauptverdächtiger im sogenannten Tiergartenmord, bekam am 4. Juni dieses Jahres Besuch im Gefängnis. Zwei Vertreter der russischen Botschaft, ausgestattet mit Diplomatenpässen, besuchten den Inhaftierten 70 Minuten lang. Das Gespräch wurde nicht überwacht.

Die Botschaft bestätigt auf Anfrage den Besuch bei einem "Vadim Sokolov", wie sich der Angeklagte im Prozess nennt. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass er in Wahrheit Krasikov heißt. Die Vertreter Russlands betonen, das Treffen sei "auf Wunsch" des Mannes erfolgt. Bereits 2019 hatten Mitarbeiter den Angeklagten getroffen. Laut der Botschaft gibt es regelmäßig Besuche russischer Konsularbeamter bei inhaftierten russischen Staatsbürgern.

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Das ist aus den Angaben der Berliner Senatsverwaltung für Justiz allerdings nicht ersichtlich. Demnach gab es von 2016 bis 2019 keine weiteren registrierten Besuche von russischen Offiziellen. Nach Angaben des Londoner "Dossier Center", einer vom Exilrussen Michail Chodorkowski finanzierten Organisation, ist außerdem einer der Diplomaten, der an beiden Besuchen teilnahm, in einer Datenbank des russischen Innenministeriums wegen einer Straftat gelistet. Moskaus Botschaft dementiert: "Personen mit Vorstrafen sind nicht berechtigt, im öffentlichen Dienst eingestellt zu werden."

Der Asyl suchende tschetschenisch-stämmige Georgier Zelimkhan Khangoshvili wurde am 23. August 2019 erschossen. Die Bundesanwaltschaft wirft Krasikov vor, den Mann mit einer Glock 26 mit Schalldämpfer im Kleinen Tiergarten ermordet zu haben. Zum Prozessauftakt schwieg der Angeklagte.

Laut Anklage sollen "staatliche Stellen der Zentralregierung der Russischen Föderation" den Mordauftrag erteilt haben . Für seine Einreise nach Deutschland soll Krasikov in Russland einen Reisepass mit dem falschen Namen Vadim Sokolov erhalten und damit ein Visum für den Schengenraum beantragt haben.

Er reiste im August 2019 von Moskau über Paris weiter nach Warschau und von dort auf bisher unbekanntem Wege nach Berlin. Nach dem Mord wurde er von Zeugen auf seiner Flucht beobachtet und konnte kurz nach der Tat verhaftet werden.

mba
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