Prozess in Berlin Schwager identifiziert mutmaßlichen Tiergarten-Mörder

Vadim Krasikov steht vor Gericht, weil er in Berlin einen Mann im Auftrag Moskaus getötet haben soll. Der Angeklagte sagt, er sei eine andere Person. Jetzt belastet ihn ein Familienmitglied schwer – anders als im Zeugenstand.
Tatort in Berlin (August 2019)

Tatort in Berlin (August 2019)

Foto: Paul Zinken/ dpa

Donnerstagabend in Kiew. Konspirativer Treffpunkt ist eine Altbauwohnung im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt. Kurz vor 21 Uhr kommt er an, in Begleitung eines schweigsamen bulligen Beschützers: Oleksandr V., 55 Jahre alt, Unternehmer aus Charkow.

Er ist gekommen, um seinen Schwager schwer zu belasten. Erst kürzlich war V. vor dem Berliner Kammergericht als Zeuge geladen. Dort steht ein russischer Staatsbürger vor Gericht. Die Bundesanwaltschaft hat ihn angeklagt, er soll im Sommer 2019 einen Exil-Georgier im Kleinen Tiergarten in Berlin erschossen haben – und zwar im Auftrag des russischen Staates. Die Staatsanwaltschaft glaubt, der Mann sei für diesen Auftrag unter falschem Namen nach Deutschland gekommen, in Wahrheit heiße er Vadim Krasikov. Es steht der Vorwurf des Staatsterrorismus  im Raum.

Vadim Krasikovs Verbindungen zum russischen Inlandsgeheimdienst sind unter anderem durch Recherchen des SPIEGEL und der Rechercheplattformen Bellingcat und The Insider belegt. Doch der Angeklagte sagt, er heiße wie in seinem Reisepass ausgewiesen Vadim Sokolov, den beschriebenen Krasikov kenne er nicht. Falls das so wäre, fiele aus Sicht der Verteidigung der Vorwurf des Staatsterrorismus weg.

»Ich war nicht ehrlich im Prozess«

Bemerkenswert ist, dass der Zeuge V. bei seinem Auftritt vor dem Kammergericht  noch gesagt hatte, er erkenne den im Raum anwesenden Angeklagten nicht als seinen Schwager Vadim Krasikov. Er sehe ihm ähnlich, aber er erkenne ihn nicht.

Nun, in der Wohnung in Kiew, sagt er das Gegenteil – und belastet den Angeklagten schwer. »Ich war nicht ehrlich im Prozess«, sagt er Journalisten des SPIEGEL, von Bellingcat und The Insider. »Ich war mir sicher, dass Krasikov vor mir stand.« Damit bestätigt er die Theorie der Ankläger, die Indizienkette der Bundesanwaltschaft zum Vorwurf des Staatsterrorismus scheint damit geschlossen.

Was V. sagt, ist äußert heikel – der Prozess ist ein Politikum zwischen der Bundesregierung und dem Kreml. Schon als die Bundesanwaltschaft im Dezember 2019 mitteilte, sie gehe im Fall des Tiergarten-Mordes von einer Tat im Auftrag des russischen Staates aus, verwies die Bundesrepublik zwei russische Diplomaten des Landes. Russland hat eine Verwicklung in den Mord stets bestritten.

V. ist ein gedrungener, kräftiger Mann. Er trägt an diesem Abend in Kiew sommerliches Zivil, weiße Hose, helle Schuhe und ein helles Kurzarmhemd. Er wirkt weniger nervös als noch vor Wochen bei seiner Aussage im Berliner Kammergericht.

Seine Einlassung wäre noch spektakulärer, wenn er sie im Zeugenstand in Berlin gemacht hätte. Nun, in der Wohnung in Kiew, muss er erklären, warum er vor Gericht etwas anderes gesagt hat als jetzt.

»Verkrampft« im Zeugenstand

»Man muss meine Situation verstehen«, sagt V. Er sei nach Deutschland gekommen, um auszusagen. Er habe gefragt, wie es um seine Sicherheit stehe, ob es ein Zeugenschutzprogramm gebe. Das sei für ihn nicht vorgesehen, habe er vor Ort zur Antwort bekommen.

Verhandlungsauftakt im vergangenen Oktober in Berlin

Verhandlungsauftakt im vergangenen Oktober in Berlin

Foto: Odd Andersen / dpa

»Da habe ich mich verkrampft«, sagt V. Im Zeugenstand sei ihm alles durch den Kopf gegangen. Er könne von russischen Geheimdiensten attackiert werden. Dann habe er Krasikov spontan nicht identifiziert, »obwohl ich sicher war, dass er es ist«.

Nun fühle er sich und seine Familie in der Ukraine ausreichend vor Racheakten von russischer Seite geschützt. Ob – und wenn ja: von wem – V. ermutigt oder gedrängt wurde, sein mutmaßliches Wissen über Krasikov offenzulegen, ist an diesem Abend in Kiew nicht zu klären.

Familienbande zum russischen Geheimdienst

Oleksandr V. kennt nach eigenen Angaben seinen Schwager Vadim Krasikov seit zehn Jahren. Krasikov ist demnach mit der Schwester von V.s Frau verheiratet. Zunächst habe die Schwägerin berichtet, sie habe einen Militärangehörigen kennengelernt. Doch nach und nach sei der Familie klar geworden, dass der Schwager in einem anderen Teil des russischen Sicherheitsapparats zu verorten sei.

Zunächst sei er von der russischen Präsidentengarde FSO ausgegangen, berichtet V. Doch später sei ihm klar geworden, dass Krasikov zum FSB gehöre oder gehört habe. Er sei Mitglied der Elitetruppe »Vympel« des russischen Inlandsgeheimdienstes gewesen, die unter anderem in Afghanistan im Einsatz gewesen sei.

Oleksandr V.

Oleksandr V.

Foto: Bellingcat

Auch Krasikov habe in Afghanistan gekämpft, sagt V. Dort habe er wohl zum ersten Mal getötet. Doch vieles sei zwischen ihm und seinem Schwager unausgesprochen geblieben. Als sie sich kennenlernten, habe Krasikov ihm eine Art Deal vorgeschlagen. »Du stellst keine Fragen über meine Arbeit, weil ich dir nicht die Wahrheit sagen würde«, soll Krasikov gesagt haben. »Und ich will nicht lügen.«

Krasikov habe T-Shirts mit dem Emblem des Vympel-Teams gehabt, sagt V. Im Familienkreis sei ein Foto gezeigt worden, auf dem Krasikov offenbar bei der Verleihung von Auszeichnungen zu sehen gewesen sei. Und Krasikov habe den Eindruck erweckt, als kenne er Russlands Präsidenten Wladimir Putin persönlich.

Einmal, als V. das Gespräch auf Putin gelenkt haben will, soll Krasikov geantwortet haben: »Du solltest so etwas nicht sagen. Du kennst ihn nicht.« V. will zurückgefragt haben, ob Krasikov Putin denn kenne. »Oh, das tue ich«, soll Krasikov geantwortet haben. An anderer Stelle habe Krasikov längere Ausführungen zu Putin gemacht. Er habe suggeriert, dass er mit dem Präsidenten Kontakt habe oder gehabt habe. Er soll sich sogar über Putins Qualitäten als Schütze geäußert haben.

Kann es sein, dass V. sich das alles nur ausdenkt? Dass es ihm von interessierter Seite vorgegeben wurde?

Oleksandr V. bleibt beim Treffen in Kiew auch auf hartnäckige Nachfragen ruhig, trinkt ab und zu einen Schluck Wasser, ist konzentriert. Erinnert er sich an Einzelheiten seiner Gespräche mit Krasikov nicht, so sagt er: »Ich möchte mir da jetzt nichts zusammenreimen.« V. wirkt wie einer, der sich sehr genau überlegt hat, was er sagen will und der sich der Schwere seiner Anschuldigungen bewusst ist.

Plötzlich zurückgezogene Fahndung

Vieles von dem, was er erzählt, lässt sich auf die Schnelle nicht verifizieren. Aber es gibt Punkte, die sich zusammenführen lassen und seinen Aussagen eine gewisse Glaubwürdigkeit verleihen.

Während des Gesprächs berichtet V. zum Beispiel von einem unerwarteten, längeren Besuch von Schwägerin und Schwager in der Ukraine in den Jahren 2013 und 2014. Es ist jener Zeitraum, in dem Krasikov im Zusammenhang mit einem Mord an einem Geschäftsmann von Russland international zur Fahndung ausgeschrieben ist, in der ein Haftbefehl gegen ihn besteht. Der Mord war damals – wie der Tiergarten-Mord auch – von einem Mann begangen worden, der sich seinem Opfer auf einem Fahrrad näherte.

Die von V. zu dem Ukraine-Aufenthalt gemachten Angaben passen zu Einträgen in russischen Datenbanken über Ein- und Ausreisen in das Land. Und sie passen dazu, dass Russland ohne Begründung die Fahndung nach Krasikov im Jahr 2014 zurückzog.

Anwalt spricht von »Wunschkonzert«

Schon vor Gericht hatte V. seinen Schwager auf Fotos identifiziert. Auf manchen von ihnen trägt Krasikov Tattoos, die identisch mit jenen des Angeklagten im Tiergarten-Prozess scheinen .

Das Gespräch mit V. endet am späten Abend in Kiew. Doch noch beim Frühstück am nächsten Morgen ist Oleksandr V. bemüht, mögliche Unklarheiten zu beseitigen. Er liefert weitere Daten, und spricht von Fotos, die er verwahrt und die seine Aussagen untermauern könnten.

Auf Anfrage des SPIEGEL teilte der Verteidiger des im Tiergarten-Prozess angeklagten Mannes, der Berliner Anwalt Robert Unger, mit, es wäre »wirklich sehr erstaunlich, wenn der Zeuge gegenüber dem SPIEGEL so diametral andere Aussagen als unter strafbewehrter Wahrheitspflicht stehend in öffentlicher Hauptverhandlung vor dem Staatschutzsenat des Kammergerichts gemacht hätte«. Sollte dem so sein »hätte er sich in erheblicher Weise strafbar gemacht«. Dies würde »seine Glaubwürdigkeit massiv erschüttern«.

V.s Aussagen, so Verteidiger Unger, klängen nach einem »Wunschkonzert entsprechend interessierter Dritter«. Sein Mandant habe »schon mehrfach in der Hauptverhandlung ausdrücklich erklärt, dass er Herr Sokolov und nicht ein Herr Krasikov ist«.

Nun muss das Gericht bewerten, was V.s Aussage im Gerichtssaal wert ist – und ob er nochmals als Zeuge geladen werden soll.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung haben wir den Berliner Anwalt irrtümlich Christoph Unger genannt. Tatsächlich ist sein Vorname Robert. Wir haben den Fehler korrigiert.