Politaffäre um Tiergartenmord Seehofer vertraut auf Putins Hilfe

Trotz des diplomatischen Schlagabtauschs mit Moskau rechnet der Innenminister damit, dass Russland bei den Ermittlungen zum Tiergartenmord kooperiert. Es gebe "verlässliche Kanäle", sagte Horst Seehofer dem SPIEGEL.
Putin und Seehofer bei einem Treffen 2017 in Moskau

Putin und Seehofer bei einem Treffen 2017 in Moskau

Foto: Peter Kneffel/ dpa

Innenminister Horst Seehofer rechnet in der außenpolitischen Affäre um den sogenannten Tiergartenmord mit einem schnellen Einlenken Russlands. "Es gibt die begründete Hoffnung auf eine Unterstützung unserer Ermittlungen und auf belastbare Hinweise von der russischen Seite", sagte Seehofer dem SPIEGEL.

Der Innenminister betonte, es gebe bereits erste Zeichen, dass die Russen die Blockadehaltung gegenüber den deutschen Ermittlern aufgäben. "Unsere Behörden nutzen ihre verlässlichen Kanäle zu den russischen Partnern", sagte Seehofer. Details über die Kontakte zwischen Berlin und Moskau wollte Seehofer nicht nennen.

Die Aussagen des Ministers sind nach dem derben diplomatischen Schlagabtausch zwischen Berlin und Moskau ziemlich überraschend. Hintergrund der Affäre sind Ermittlungen des Generalbundesanwalts, der staatliche russische Stellen verdächtigt, die brutale Tötung eines Georgiers im April unterstützt oder gar orchestriert zu haben.

Seit die Fahnder in Karlsruhe den Fall Anfang Dezember übernommen haben, ist aus den Mordermittlungen eine hochbrisante Politaffäre geworden. Wenn die Bundesanwälte die Beteiligung Moskaus an der gezielten Tötung im Kleinen Tiergarten in Berlin nachweisen können, wäre das ein außenpolitischer Skandal, der nicht nur die schon heute schwierigen deutschen Beziehungen zu Russland betrifft.

Gegenseitig Diplomaten ausgewiesen

Pünktlich zur Übernahme des Falls startete Berlin bereits eine symbolische Strafmaßnahme. Da die russische Seite sich bei den Ermittlungen völlig unkooperativ zeigte, wurden Anfang Dezember der Vizemilitärattaché und ein Diplomat der russischen Botschaft ausgewiesen. Der Attaché soll für den russischen Militärgeheimdienst GRU tätig sein, der Diplomat für den Inlandsdienst FSB.

Moskau revanchierte sich. Am vergangenen Donnerstag wurde der deutsche Botschafter Géza Andreas von Geyr ins Moskauer Außenministerium bestellt. Dort wurde ihm mitgeteilt, dass sein Vizemilitärattaché, ein Oberst der Luftwaffe, und einer seiner Diplomaten Russland innerhalb von sieben Tagen verlassen müssen. Als Grund wurde Verärgerung über die deutsche Strafaktion genannt, die ungerechtfertigt sei.

Bisher haben sich die deutschen Ermittler in Moskau die Zähne ausgebissen. Zuerst schickten die Berliner Fahnder Fragen zum Hintergrund des festgenommenen Täters. Nichts tat sich. Dann versuchten es Verfassungsschutz und der BND über ihre Kontakte. Doch es half nichts, die Russen schwiegen. Nun hofft man, dass der Besuch eines hochrangigen deutschen Beamten in Moskau vor gut zwei Wochen das Eis gebrochen hat und die Russen wenigstens ein bisschen kooperieren.

Konkret gehen die Ermittler der Spur nach, dass russische Geheimdienste und andere staatliche Stellen den späteren Killer mit einer falschen Identität ausgestattet und ihm bei der Einreise nach Deutschland geholfen haben. Der Todesschütze, der laut seinem Pass Vadim Sokolov heißt, wurde nach der Bluttat festgenommen. Bisher verweigert er jede Aussage.

Reichlich Indizien dafür, dass Russland den Täter unterstützte

Wie Moskau in dem Fall kooperieren soll, ist kaum vorzustellen. Bei einem Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Paris Anfang der Woche hatte Präsident Putin zwar Hilfe in Aussicht gestellt. Kurz darauf aber wütete er öffentlich, der erschossene Georgier sei Terrorist und ein Feind Russlands gewesen. Zwischen den Zeilen schwang bei Putin ziemlich düster die Legitimierung des Mordes in Berlin mit.

Indizien, dass der Täter mithilfe von staatlichen Stellen nach Berlin reiste, gibt es reichlich. Der angebliche Name des Täters findet sich in russischen Datenbanken erst ab 2015, sein Reisepass war quasi druckfrisch und ähnelt Papieren, die für GRU-Agenten ausgegeben werden. Seine angebliche Adresse in Sankt Petersburg stimmt nicht, und Daten in seinem Visa-Antrag führen zu einer Firma, die dem GRU zugerechnet wird. Alles zusammen spricht für eine fingierte Tarnidentität.

In mühsamer Kleinarbeit wurde auch rekonstruiert, wie der Täter wohl wirklich heißt. So fanden die Ermittler ein altes russisches Fahndungsfoto in den Interpol-Dateien, das dem Bild des festgenommenen Todesschützen stark ähnelt. Die Forensiker sind sich nach einem genauen Bildabgleich ziemlich sicher, dass es sich bei dem damals gesuchten Vadim Krasikov um den Mann handelt, der in Berlin schoss.

Tatverdächtiger in Mordfall mit gleichem Vorgehen

DER SPIEGEL und seine Kooperationspartner konnten dies ebenfalls verifizieren. Ein Abgleich von Bildern des damals gesuchten Krasikov mit Fotos des Tiergartenmörders mithilfe einer Gesichtserkennungssoftware ergab Übereinstimmungen zwischen 82 und 90 Prozent.

Krasikov wurde 2014 im Zusammenhang mit einem Mord in Moskau gesucht, den er 2013 in Moskau begangen haben soll. Der Modus Operandi von damals gleicht dem Tiergartenmord: der Täter näherte sich seinem Opfer mit dem Fahrrad, schoss in Rücken und Kopf und flüchtete mit dem Fahrrad.

Die Russen indes bleiben bisher bei der Legende, der Todesschütze sei Vadim Sokolov. Solange man an diesem Punkt nicht weiterkommt, heißt in Berlin, könne man nicht von einer Kooperation sprechen. Zugeben aber, dass der Schütze mit einer falschen Identität ausgestattet wurde, können die Russen nicht - es wäre ein Schuldeingeständnis erster Klasse.

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