Tödliche Schüsse im Kleinen Tiergarten US-Geheimdienste wollen mutmaßlichen Mörder identifiziert haben

Der Mann, der am helllichten Tag in Berlin einen Georgier getötet haben soll, ist womöglich ein ehemaliger russischer Geheimdienstmitarbeiter. In Russland wurde er vor Jahren bereits wegen Mordes verurteilt.

Spurensicherung am Tatort: Ist der mutmaßliche Täter enttarnt?
Christoph Soeder/dpa

Spurensicherung am Tatort: Ist der mutmaßliche Täter enttarnt?

Von , , und


US-amerikanischen Geheimdiensten ist es womöglich gelungen, die Identität des Mannes zu klären, der Ende August in Berlin den Georgier Zelimkhan Khangoshvili erschossen haben soll. Nach Informationen des SPIEGEL und seiner internationalen Recherchepartner "Bellingcat", "The Insider" und "Dossier Center" handelt es sich um einen 48-jährigen russischen Staatsbürger.

In die EU war der Mann mit einem echten russischen Reisepass mit der gefälschten Identität eines Vadim Sokolov eingereist, wie der SPIEGEL und seine Partner vorvergangene Woche enthüllt hatten. Die US-Behörden haben nach Angaben aus Nachrichtendienstkreisen deutsche Stellen über die aus ihrer Sicht wahre Identität des Mannes informiert.

Nach SPIEGEL-Informationen war der mutmaßliche Auftragskiller am 17. August von Moskau nach Paris geflogen und von dort drei Tage später weiter in die polnische Hauptstadt Warschau. Dort bezog er ein Hotelzimmer im Stadtzentrum, das er für mehrere Tage angemietet hatte. Nach seiner Verhaftung in Deutschland konnten polnische Sicherheitsbehörden persönliche Gegenstände von ihm in dem Hotel sicherstellen. Die Identität des Mannes war zu dem Zeitpunkt aber unklar.

Nach Informationen des SPIEGEL und seiner Partner soll der Tatverdächtige Angehöriger einer Einheit des russischen Innenministeriums gewesen sein, bevor er Anfang der Nullerjahre wegen Mordes zu einer langen Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

Die mutmaßlich wahre Identität ist ein wichtiger Puzzlestein bei der Frage, ob der Mord an Khangoshvili womöglich von einem russischen Geheimdienst oder dem Regime des tschetschenischen Diktators Ramsan Kadyrow in Auftrag gegeben oder sogar organisiert wurde. Der Kreml hat eine russische Beteiligung an dem Mord in Berlin bestritten.

Im zweiten Tschetschenienkrieg hatte Zelimkhan Khangoshvili gegen russische Truppen gekämpft und war später als Informant und Vermittler für georgische und ukrainische Behörden sowie US-Dienste tätig.

Nach Deutschland war Khangoshvili 2016 gekommen - zuvor lebte er in der Ukraine. Dorthin war er aus Sicherheitsgründen geflohen, nachdem er in der georgischen Hauptstadt Tiflis einen Anschlag, bei dem er von mehreren Schüssen getroffen wurde, überlebt hatte. In Deutschland wurde er auf Grundlage russischer Geheimdienstinformationen zwischenzeitlich als islamistischer Gefährder geführt, später aber wieder ausgestuft.

Der Mord in Berlin erinnert an den Anschlag auf den ehemaligen russischen Agenten Sergej Skripal und dessen Tochter in Großbritannien im vergangenen Jahr. Damals hatte der russische Militärgeheimdienst GRU versucht, die beiden umzubringen. Im Anschluss war es zu einer diplomatischen Krise zwischen dem Westen und Russland gekommen. Mehr als hundert russische Diplomaten waren aus verschiedenen Ländern ausgewiesen worden, unter anderem aus Deutschland.

Der SPIEGEL, "Bellingcat", "The Insider" und das "Dossier Center" hatten bereits vor über einer Woche Hinweise auf die mutmaßlich echte Identität von Vadim Sokolov. Bislang hatten der SPIEGEL und seine Partner auf eine Veröffentlichung verzichtet, da aus mehreren Quellen widersprüchliche Angaben vorlagen.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.