Jakob Augstein

Mord in Freiburg Tat und Wahrheit

Ein Verbrechen ist geschehen. Ist die Herkunft des Täters ein Thema? Soll die "Tagesschau" berichten? Oder verfestigen schon solche Fragen die Vorurteile? Deutschland steckt in der Rassismus-Spirale, daraus gibt es kein Entkommen.
Gedenken an ermordete Studentin Maria L.

Gedenken an ermordete Studentin Maria L.

Foto: Patrick Seeger/ dpa

Das Netz macht kurzen Prozess. Und auch in den sogenannten seriösen Medien wird der Weg vom Tatverdächtigen zum Täter immer kürzer. Zumal wenn es sich um einen Ausländer handelt, einen Flüchtling noch dazu. Bei so einem kommt der Tatverdacht dem Urteil gleich, und was andernfalls keine Zeile wert wäre, wird zur Geschichte. Denn es gibt das geschriebene Recht, und vor dem Recht sind alle Menschen gleich. Und dann gibt es das Gefühl von Gerechtigkeit. Aber vor dem Gefühl sind die Menschen gar nicht gleich.

Hier hat dieses Gefühl einen Namen Rassismus.

Wäre Maria L. von einem Deutschen getötet worden, wir wüssten wahrscheinlich nicht von ihr. Weil sie aber vielleicht Opfer eines Flüchtlings wurde, kennt sie nun das ganze Land. Der Freiburger Oberbürgermeister Salomon hat gesagt: "Die Tat ist nicht schlimmer, weil sie ein Flüchtling begangen hat. Wäre es ein Deutscher gewesen, wäre ich nicht weniger entsetzt."

Das ist ein kluger Satz - aber viele Medien und Menschen sehen das anders: Das vom Ausländer verübte Verbrechen ist schlimmer.

Es traut sich nur - noch - keiner, das auch auszusprechen. Darum windet sich die Öffentlichkeit auch so sonderbar. Die "Tagesschau" berichtete zunächst nicht - tat es später aber dann doch - und begründete ihr anfängliches Zögern unter anderem damit, es habe sich um einen regionalen Einzelfall gehandelt. Selbst eine sich für liberal haltende Zeitung wie die "Süddeutsche" kritisierte die Redaktion dafür . Also für die verspätete Befassung mit dem Thema.

Dabei wurden im vergangenen Jahr nach einer Statistik des Bundeskriminalamtes 331 Frauen Opfer von versuchtem oder vollendetem Mord oder Totschlag durch den aktuellen oder früheren Partner - und immerhin 84 Männer. "Würde man die Meldungen darüber jedes Mal in die Abendnachrichten einbauen, würden wir denken, wir leben in einem Land, in dem Gewalt gegen Frauen eine wahre Epidemie ist - und es würde stimmen", hat Margarete Stokowski hier geschrieben.

Es geht um die Angst

Aber es geht nicht um die Tatsachen, es geht nicht um die Frauen, es geht nicht um die Opfer - es geht, streng genommen, nicht einmal um die Täter. Es geht um die Angst. Und es ist das Wesen der Angst, dass sie zur Realität macht, was sie fürchtet. Der Freiburger Fall ist ein Lehrstück: Wer die Sorgen und Ängste der Menschen mit Nahrung füttert und gleichzeitig darauf hinweist, dass sie unbegründet sind, ist entweder bigott oder dumm.

In ihrem Bemühen, es allen Recht machen zu wollen und gleichzeitig die moralische Oberhand zu behalten, verwickeln sich die Medien in performative Widersprüche. Die "Zeit" nennt die Sorgen der Menschen "soziale Realitäten", schreibt von der "Vergewaltigung und Ermordung einer Studentin in Freiburg durch einen afghanischen Asylbewerber" als sei das eine Tatsache, und das alles unter der Überschrift "Da hilft nur Aufklärung". Solcher Journalismus will zu viel. Jeder Artikel, der einen assoziativen Zusammenhang zwischen Kriminalität und Migration herstellt oder berücksichtigt, dreht an der Rassismus-Spirale.

"Freiburg" ist nun nach "Köln" zur neuen Chiffre für lüsterne und gefährliche Migranten geworden. Die Anwältin Seyran Ates hat im Fernsehen mal gesagt, islamistische Terroristen seien "Testosteronbomben".

Die Biologisierung von Kultur ist eine besondere Spielart des Rassismus

Viel zu oft münzt sich der Begriff inzwischen auf jeden muslimischen Migranten. Er vermischt auf gefährliche Weise Wissenschaftlichkeit mit Populismus und setzt trübe Assoziationen frei: Bomben muss man entschärfen, und wenn es die Hormone sind, von denen die Gefahr ausgeht, warum dann nicht mit entsprechenden Behandlungen?

Die Quintessenz des Bildes, das sich mancher Europäer inzwischen vom Muslim macht, könnte aus Otto Weiningers "Geschlecht und Charakter" stammen, jenem 1903 veröffentlichten, bizarren Werk des Antisemitismus und der Frauenfeindlichkeit. Wer starke Nerven hat, sollte sich im Netz umhören. Es ist wie ein Streifzug durch die Spelunken, Clubs und Kontore der Dreißigerjahre. Was man damals über die Juden zu wissen glaubte, weiß man heute über die Muslime. Der Muslim ist alles, was der Europäer nicht ist: fanatisch, lüstern, brutal und intolerant. Der "Andere", das war früher der Jude.

Heute ist es der Muslim. Jede Berichterstattung über muslimische Migranten sollte das berücksichtigen.