Mord in München Zwischen Ehrverbrechen und Eifersuchtsdrama

In München erstach ein 24-jähriger Tunesier seine 18-jährige Ehefrau: Er habe sich von der deutschen Abiturientin in seiner Ehre verletzt gefühlt, sagte er. Die Polizei jedoch sieht in der Tat kein Ehrverbrechen. Eine Frauenrechtlerin widerspricht.

Von , München


München - In der Nacht hat sie noch gefeiert. Die schriftlichen Abiturprüfungen sind überstanden. Wenige Stunden später wird sie erstochen: Vom Ehemann, dem 24-jährigen Tunesier Aimen A.

Bestatter mit dem Leichnam der 18-jährigen Abiturientin: War es Ehrenmord?
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Bestatter mit dem Leichnam der 18-jährigen Abiturientin: War es Ehrenmord?

Die 18-jährige deutsche Abiturientin lebte seit Herbst getrennt von ihrem Mann und war in eine vom Jugendamt betreute Wohngemeinschaft ins begehrte Münchner Stadtviertel Lehel gezogen.

Dort lauert ihr Aimen A. am Samstagmittag auf, Anwohner bemerken einen Streit. Die beiden gehen in den Hausflur. Zeugen berichten später von Hilferufen der Abiturientin, kurz darauf läuft Aimen A. weg. Seine Frau bleibt leblos zurück, erstochen mit einem 20 Zentimeter langen Messer. Das hat ihr Mann nur wenige Tage zuvor gekauft, stellt sich später heraus. Bei der Obduktion der 18-Jährigen werden zahlreiche Einstiche in den Oberkörper festgestellt.

In der Ehre gekränkt, der Stolz verletzt?

Aimen A. wird kurz darauf von der Polizei gestellt und gesteht die Tat. Er habe seine Frau am Samstagmorgen auf dem Handy angerufen, doch habe sich eine männliche Stimme gemeldet, gibt er zu Protokoll. Dies sei der Auslöser für seine Tat gewesen. "Wir überprüfen nun die Handydaten und ob tatsächlich ein Mann abgehoben hat", sagt Münchens Polizeisprecher Dieter Gröbner zu SPIEGEL ONLINE.

Streit im Hausflur? All dies klingt nach einem Eifersuchtsdrama, nach Mord im Affekt. Aber warum hat sich Aimen K. ein so großes Haushaltsmesser gekauft? Warum führt er es mit sich? Nach seiner Verhaftung sagt der 24-Jährige Polizeiangaben zufolge, er habe aus Eifersucht gehandelt, seine Ehre sei gekränkt und sein Stolz verletzt worden. Und er sagt, seine Frau habe es nicht anders verdient. Er habe ihre Kontakte zu anderen Männern nicht länger akzeptieren können. Mehrfach habe er sie gewarnt, aber sie hätte ihn nicht ernst genommen.

Ehrenmorde in Deutschland
Offizielle Zahlen
48 Menschen wurden seit 1996 in Deutschland Opfer von sogenannten "Ehrenmorden" - das ergab im Mai 2006 eine Untersuchung des Bundeskriminalamts (BKA). 36 der Opfer waren Frauen. Ein Ehrenmord ist nach dem BKA-Bericht ein Mord, der "aus vermeintlich kultureller Verpflichtung heraus innerhalb des eigenen Familienverbands verübt wird, um der Familienehre gerecht zu werden".
Die meisten Fälle spielten sich in türkischen Familien ab. Die Täter waren zumeist Väter, Brüder oder Mütter der Opfer. "Blutrache-Delikte", die sich aus ähnlichen Motiven auch gegen nicht verwandte Opfer richten, gingen nicht in die Untersuchung ein.
Inoffizielle
Zu ähnlichen Zahlen wie das Bundeskriminalamt kommt die Organisation Terre des Femmes: Nach Auswertung von Zeitungsberichten gab es in Deutschland zwischen 1996 und 2005 mindestens 49 Ehrenmorde oder versuchte Morde wegen der vermeintlich verletzten Familienehre. Die Berliner Schutzeinrichtung Papatya hat alleine von Oktober 2004 bis Januar 2005 acht Ehrenmord-Opfer verzeichnet.
Dunkelziffer
Experten schätzen, dass die Dunkelziffer der Ehrenmorde sehr groß ist - denn viele der Morde tauchen nicht in der Zeitung auf oder werden nicht so zur Anzeige gebracht, dass sie als Ehrenmord zu identifizieren sind. Eine gesonderte Kriminalitätsstatistik über Ehrenmorde gibt es in Deutschland nicht.
International
In der Türkei sind nach Regierungsangaben in den vergangenen sechs Jahren etwa 1800 Frauen im Namen der Ehre ermordet worden - das heißt fast jeden Tag eine. Die Uno schätzt die Zahl der Ehrenmorde jährlich weltweit auf etwa 5000. Die höchste Ehrenmordrate hat Pakistan.

Doch während der Münchner Boulevard schon in großen Lettern vom "Ehrenmord im Lehel" textet, definiert die örtliche Polizei die Tat nicht als Ehrverbrechen: "Die Voraussetzungen für einen Ehrenmord sind nicht erfüllt", sagt Sprecher Gröbner. Tatsächlich hat das Bundeskriminalamt (BKA) in einem 2006 vorgelegten Bericht "zum Phänomenbereich 'Ehrenmorde in Deutschland'" solche Morde als Tötungsdelikte definiert, "die aus vermeintlich kultureller Verpflichtung heraus innerhalb des eigenen Familienverbandes verübt werden, um der Familienehre gerecht zu werden". In den vergangenen Monaten sorgte insbesondere der Fall der von ihrem Bruder auf offener Straße erschossenen türkischstämmigen Berlinerin Hatun Sürücüfür Aufsehen. Die jetzt in München ermordete Abiturientin aber war Deutsche, es ging nicht um ihre Familie.

Expertin: "Mischung von Motiven"

Sibylle Schreiber, Referentin für Ehrverbrechen bei der Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes", widerspricht der BKA-Definition: Diese sei "sehr eingegrenzt" und könne "bei der Beurteilung beziehungsweise Einschätzung dieser Verbrechen nicht so ausschließlich angewendet werden". Zwar morde beim klassischen Ehrenmord ein Familienmitglied, um die Ehre der Familie wieder herzustellen, doch sei es immer "sehr schwierig, Eifersuchtsmord und Ehrenmord voneinander abzugrenzen", so Schreiber zu SPIEGEL ONLINE.

Im konkreten Münchner Fall sieht sie "eine Mischung von Motiven". Der Mord an der Abiturientin habe aber "sehr viel mit der Ehre des tunesischen Ehemanns zu tun". Hinweise seien etwa das Gefühl des Mannes, die Frau gehöre ihm. Es sei wahrscheinlich, "dass er im Scheidungsfall abgeschoben wird, als geschiedener Rückkehrer nach Tunesien hätte er dort an Status verloren".

Außerdem sei es bezeichnend, dass Aimen A. sich nicht von seiner Tat distanziert habe: "Ehrenmorde sind geplante Morde, der Täter bereut nicht." Während des Gerichtsverfahrens, so mutmaßt Sibylle Schreiber, werde er möglicherweise auf Affekt verweisen und dadurch Strafminderung anstreben. "Da hoffe ich, dass die Staatsanwaltschaft genauer hinschaut, denn offenbar hat er sich das Messer schon vorher besorgt."

Gerichte - "wenig Erfahrung mit traditionsbedingter Gewalt"

Das Ehedrama nahm seinen Ausgang in Tunesien, wo Aimen A. und das Mordopfer im vergangenen Sommer heirateten. Zusammen gingen sie nach München, wohnten bei ihren Eltern im nördlichen Münchner Stadtteil Milbertshofen. Aimen A. arbeitete als Friseur. Doch schon bald engte er seine Frau ein, die Abitur machte. Sie entfloh der Beziehung in die betreute WG im Lehel, er blieb bei den Schwiegereltern. Offensichtlich habe er sich nicht damit abfinden können, dass seine junge Frau nichts mehr von ihm wissen wollte, mutmaßt die Polizei.

Frauenrechtlerin Schreiber kritisiert den ungenügenden Schutz der von Ehrverbrechen bedrohten Frauen in Deutschland. Das System sei bisher eher auf den Schutz vor Eifersuchtsmorden ausgerichtet gewesen: "Die Trennungsphase von ihrem Partner ist die gefährlichste Phase überhaupt im Leben einer Frau, darauf sind die deutschen Schutzsysteme ausgerichtet." Im Unterschied dazu aber würden bei Ehrmotiven die Morde "noch Jahre später begangen, die Motive sind schwerwiegender, der Antrieb des Täters ist größer". Deshalb fordert Schreiber spezielle Schutzprogramme für gefährdete Frauen, etwa langfristige Sperrvermerke bei Banken und Versicherungen, die die Identität verschleiern.

Leider aber hätten deutsche Gerichte "wenig Erfahrung mit traditionsbedingter Gewalt", so Schreiber. Diese sei früher sogar eher als strafmindernd anerkannt worden, "erst in den letzten Jahren verändert sich das."

Das sieht man im bayerischen Innenministerium ähnlich - kommt aber zu anderen Schlüssen. "Grundsätzlich ist der Begriff Ehrenmord falsch und verharmlosend", sagt Sprecher Michael Ziegler zu SPIEGEL ONLINE. Die Medien sollten ihn nicht unreflektiert verwenden. Ehrenmorde seien "tiefstes Mittelalter, Mord hat in unserer Gesellschaft nichts mit Ehre zu tun, das sollten wir verbal auch zum Ausdruck bringen".

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