Moschee-Eröffnung in Ostberlin Schrein des Anstoßes

Der erste Moschee-Neubau Ostdeutschlands steht - doch der Konflikt mit den Anwohnern ist längst noch nicht geklärt: Während die Ahmadiyya-Gemeinde in Berlin ihr Gebetshaus feierte, demonstrierten Hunderte Gegner. Sie fürchten die Islamisierung ihres Stadtteils.

Von und


Berlin - Es klingt leicht belustigt, als Abdullah Uwe Wagishauser dem holländischen Journalisten antwortet: "Sie haben offenbar keine Ahnung von Moscheebau in Deutschland", sagt der Konvertit und Vorsitzende der Ahmadiyya-Gemeinde in Deutschland. "Hier kann man sich nicht aussuchen, wo man sein Gebetshaus hinstellt." Er lächelt, will erklären, warum das schöne weiße Haus in einem hässlichen Industriegebiet steht. Und warum ausgerechnet im Osten der Stadt.

Am Donnerstagabend wurde die Khadija-Moschee eröffnet, das Gebetshaus der Berliner Ahmadiyya-Mitglieder in Heinersdorf - und der erste Moschee-Neubau in Ostdeutschland. Nach zwei Jahren Bauzeit ist sie fertig, aber der Konflikt um das Gebetshaus offenbar noch nicht beendet. Der weiße Betonkomplex mit Kuppel und Minarett steht neben einem Autoteile-Händler, nahe der Schnellstraße 114, die aus Berlin hinausführt. Selbst diesen trostlosen Platz wollen manche Gegner nicht der muslimischen Bevölkerung überlassen.

Mit dem Plan zum Moscheebau kam vor zwei Jahren der Islam in das ostdeutsche Heinersdorf. Viele der 6500 Bürger wissen bis heute nicht so recht, wie sie das finden sollen. Am Tag der Einweihung wird das verschlafene Wohnviertel daher erneut zum Austragungsort eines lokalen Kulturkampfes. Vier Demonstrationen waren angekündigt, zwei gegen das muslimische Gebetshaus und zwei gegen die islamfeindlichen Gegner. Für den Fall von Ausschreitungen fand die Feier unter Polizeischutz statt.

"Die Politiker haben uns verarscht"

Insgesamt sind an diesem Abend in Heinersdorf 500 Polizisten im Einsatz. Tatsächlich findet jedoch nur eine Demonstration der Moscheegegner statt: An der Tankstelle unweit der Eröffnungsfeier versammeln sich rund 150 Leute, Anwohner, Rentner, Jugendliche, Mitglieder der "Interessengemeinschaft Pankow-Heinersdorfer Bürger", einem eingetragenen Verein. Die Gruppe hat fleißig Unterschriften gegen den Bau der Moschee gesammelt, doch diese wurde trotzdem gebaut. "Die Politiker haben uns verarscht", sagen hier viele. Sie alle eint die Wut auf "die da oben"- und die Angst vor dem Islam, aus unterschiedlichen Motiven.

"Die bauen die Moschee doch nur, um unter sich zu bleiben und gegen uns zu hetzen", ruft ein Rentner mit Filzhut und Hornbrille, er ist schon fast heiser. Eine Sozialwissenschaftlerin fürchtet gar den "Endsieg durch den Vormarsch der Ahmadiyya weltweit". Auf einem kleinen Laster doziert sie mit monotoner Stimme über Lautsprecher, sie spricht von einer "Expansionsstrategie" der Muslime und ihrer "Legalitätstaktik".

Vor dem Veranstaltungswagen stehen drei Kraftfahrer mit geschorenen Haaren. "Mit dem Dschihad haben die ja auch Kontakt, die machen doch in Afghanistan Krieg", sagt einer der drei, er trägt einen Lonsdale-Pullover, eine beliebte Kleidermarke der Neonazis.

Zwar hatte die NPD ihre Demonstration aus Mangel an Interesse kurzfristig abgesagt. Doch mindestens 20 Neonazis haben laut Polizei trotzdem ihren Weg zur Protestveranstaltung gefunden, mit Bomberjacken und aggressiven Parolen. "Die passen nicht zu uns, die wecken Ängste", sagt einer. Welche Ängste das sind, kann er nicht beantworten.

Mit den neuen Nachbarn kamen auch Neonazis

Die 150 Protestler stehen im Regen und halten Plakate hoch, auf denen Sprüche wie "Willkommen im Mittelalter" stehen. Doch das ist noch harmlos: Vor zwei Jahren waren es zehnmal so viele, die sich für eine Informationsveranstaltung über den Moscheebau in die Turnhalle einer Schule drängten. Mit den Nachbarn kamen auch Neonazis. Einer rief "wir sind das Volk", erst leise, dann lauter. Auch viele Heinersdorfer schlossen sich an. Ein schauerliches Bild, das die Ahmadiyya-Gemeinde bis heute nicht vergessen hat.

Bei der Feier unter der Moscheekuppel am Donnerstagabend halten Politiker vor den geladenen Gästen Reden, die von den Konflikten der Vergangenheit überschattet sind. "Das ist der Abschluss eines Prozesses, der allen eine Menge Aufregung und Schmerz beschert hat", sagt Heidi Knaacke-Werner, Berliner Senatorin für Integration. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse wünscht "Gottes Segen und uns miteinander Frieden". Nach so viel Streit, Vorurteilen und Angst sei es gut, dass endlich Alltag einziehen könne in das Gebäude.

Die Ahmadiyya-Gemeinde in Deutschland zählt 30.000 Menschen, die meisten stammen aus Pakistan. Als Minderheit unter den verschiedenen muslimischen Glaubensrichtungen wurden sie in der asiatischen Welt von anderen Muslimen als Ungläubige gebrandmarkt und verfolgt. In Berlin wollte die Gemeinde schon einmal eine Moschee errichten, im Jahr 1920. Sie sollte allein von den Spenden weiblicher Angehöriger finanziert werden, doch die Weltwirtschaftskrise entwertete das gesammelte Geld.

88 Jahre später, während einer neuen Finanzkrise, wird sie nun schließlich eröffnet. Von draußen dringt ab und zu der Lärm von Trillerpfeifen und klatschenden Demonstranten herüber. Doch die Gemeindemitglieder sind zuversichtlich. "150 Gegner - das waren schon mal mehr", sagt der Student Asif Malik, "das ist doch eine Verbesserung". Im Hintergrund singen bunt verschleierte Mädchen mit hohen Stimmen im Kanon "Moschee, viel weißer als der Schnee".



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.