Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Lasst die Deutschen zahlen

Die Eurokrise ist zurück, wir haben es nur noch nicht gemerkt. Demnächst wird ein Franzose Währungskommissar - ausgerechnet er soll die Südländer zum Sparen treiben. Für die Deutschen könnte das teuer werden.
EU-Währungskommissar Moscovici: Kann er Sparkurs?

EU-Währungskommissar Moscovici: Kann er Sparkurs?

Foto: Yannis Kolesidis/ dpa

Ein "Über-Versailles" hat Rudolf Augstein den Euro einmal genannt. Das war in den Augen der Zeitgenossen eine maßlose Übertreibung, die dem SPIEGEL-Herausgeber den Vorwurf eintrug, deutschnational zu denken. Aber Augstein hatte nur aufmerksam die französischen Tageszeitungen gelesen. "'Deutschland wird zahlen', sagte man in den Zwanzigerjahren. Heute zahlt es", triumphierte der "Figaro", als klar war, dass die Einführung des Euro endgültig sein würde. "Maastricht, das ist der Versailler Vertrag ohne Krieg."

Am Mittwoch vor einer Woche hat Jean-Claude Juncker den ehemaligen französischen Finanzminister Pierre Moscovici als seinen neuen Währungskommissar benannt. Wir werden uns dieses Datum merken müssen, auch wenn wir das vielleicht noch nicht wissen. Es ist der Tag, an dem endgültig klar wurde, dass der "Figaro" (und mit ihm Rudolf Augstein) recht behalten hat, und nicht die braven Seelen, die immer noch an das europäische Projekt und seine friedensstiftende Wirkung glauben.

Deutschland lebt im Gefühl, auf Grund seiner wirtschaftlichen Stärke seinen Wohlstand bewahren zu können. Bislang hat die Kanzlerin die Bürger damit beruhigt, dass die deutschen Interessen bei ihr sicher seien, weil ohne deutsches Geld in Europa nichts läuft. Aber das setzt voraus, dass vornehmlich in Berlin über die Verwendung des Geldes entschieden wird und nicht in Paris, Rom oder Brüssel.

Die Deutschen sind vielleicht naiv, blöd sind sie nicht

Es gibt verschiedene Formen der Enteignung, die über die Vergemeinschaftung von Schulden ist im Verkehr von Staaten die einfachste und leider auch gründlichste. Mit Moscovici soll jetzt ein Mann die Südländer zu mehr Disziplin anhalten, der in seiner Zeit als Finanzminister nicht in der Lage war, auch nur einen Haushalt aufzustellen, der die Brüsseler Kriterien erfüllte.

Herr Juncker will uns glauben machen, dass ausgerechnet dieser Pariser Schuldenkönig in Zukunft seinen Parteifreunden in den Arm fällt, wenn sie auf Kosten des deutschen Nachbarn ihre Wohlfahrtspolitik fortsetzen. Dazu kann man nur sagen: Die Deutschen sind vielleicht naiv, blöd sind sie nicht.

Man kann sich die Lage in Frankreich gar nicht düster genug malen. Das Land hat erneut den Offenbarungseid geleistet und in Brüssel um Aufschub gebeten. Das Wachstum ist ein Witz, die Zahl der Arbeitslosen verharrt auf Rekordniveau. Dazu kommt eine mentale Krise, für die der unglücklich agierende Monsieur Hollande nur das traurige Abbild liefert.

Wer glaubt, dass sozialdemokratische Politik einem Land im Niedergang wieder auf die Beine hilft, sollte die Malaise in Frankreich genau studieren: 80 neue Steuern hat der Präsident seit Amtsübernahme eingeführt, darunter jede Steuer, die im SPD-Parteivorstand jemals erdacht wurde.

Die Stagnation in unserem Nachbarland sollte uns nicht mit Schadenfreude erfüllen, sondern mit Sorge. Eine stolze Nation im Abstieg kann gefährlicher sein als eine Nation im Aufstieg. Dass Frankreich nur dann zu alter Größe zurückfindet, wenn Deutschland wieder kleiner wird, darauf kann man sich in Paris sofort einigen.

Auf der Linken predigen sie schon seit Langem, dass es das deutsche Spardiktat (und nicht etwa das Versagen der eigenen Eliten) sei, an dem Frankreich leide. Aber auch im Ausbildungslager der rechten Madame Le Pen lernt der Nachwuchs, dass in Deutschland der Feind steht. Entscheidend ist bei Zwangsvorstellungen nicht, ob sie stimmen. Entscheidend ist, dass viele Leute daran glauben.

Es soll kein "Weiter so" geben

Deutschlands Grund für den Euro war immer ein gebrochenes Selbstbewusstsein. Es wünschte sich ein Großeuropa, um darin unterzutauchen, nicht um es zu regieren, wie seine Gegner gern behaupten. Frankreich hingegen wollte Nationalstaat bleiben, so wie Italien und Spanien auch. "Nach 1945 hatten die Franzosen außenpolitisch immer die besseren Karten, nicht zuletzt wegen ihrer erprobten Diplomatie", schrieb Rudolf Augstein 2001 hellsichtig. "Während Deutschland ganz erpicht schien, in Europa zu verschwinden wie ein Stück Würfelzucker im Kaffee, hat Frankreich es stets geschafft, europäische Vorschläge mit den Interessen des eigenen Landes zu verbinden."

Ein "Weiter so wie bisher" werde es mit ihm nicht geben, hat "Mosco" in seinem Blog unter dem Titel "Stolz und Verantwortung" geschrieben: Die EU brauche eine Neuausrichtung, um die Menschen mit Europa zu versöhnen. Wenn ein Franzose an Aussöhnung denkt, ließe sich dazu mit Augstein sagen, ist das meist gut für Frankreich, aber schlecht für Deutschland.

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Foto: SPIEGEL ONLINE