Mügelns Bürgermeister Deuse redet sich um Kopf und Kragen

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2. Teil: Deuse sieht in Mügeln das "neue Sebnitz" - Politiker sind entsetzt und fordern seinen Rücktritt


Der Bürgermeister windet sich. "Bedauerlich" sei es, sagt er dann. "Bedauerlich", dass ihm niemand einen Hinweis gegeben habe, "welchen Hintergrund diese Zeitung hat." Er habe hunderten Medien Interviews gegeben, also hat er sich auch 15 bis 20 Minuten Zeit für die "Junge Freiheit" genommen, am Telefon.

Er hätte es wohl auch getan, wenn er Bescheid gewusst hätte. "Aber dann hätte ich meine Worte wohl mit mehr Bedacht gewählt".

Dann sagt er auch, dass er den Text autorisiert hat - und dass er "meiner Denkweise entspricht".

Es entspricht Deuses Denkweise, dass er Mügeln in dem Interview das "neue Sebnitz" nennt. Der sächsische Ort war im Jahr 2000 in die Schlagzeilen geraten, als die "Bild"-Zeitung meldete, der kleine Joseph Abdullah sei in einem Freibad von Rechtsradikalen inmitten hunderter Gäste ertränkt worden. Später stellte sich heraus, dass der Junge einem Unfall zum Opfer gefallen war.

Es entspricht Deuses Denkweise, dass er sich und seinen Ort als Opfer einer Kampagne der Medien sieht, die sich "im Sommerloch" dankbar auf alles stürzten, was sich bietet. Deuse findet, dass er seine Meinung nicht offen sagen kann, dass zwischen Medien und Volk eine "tiefe Kluft" entstanden ist. "Wie vor 1989 zwischen Volk und Partei?", fragt der Interviewpartner. Antwort: "Das haben Sie gesagt."

Es entspricht Deuses Denkweise, dass Politiker "giftige Parolen" über Mügeln von sich gegeben hätten. Dass er über Kanzlerin Angela Merkel denkt, sie stehe "eben auch unter Druck". Dass er kritische Aussagen von Aufbau-Ost-Minister Wolfgang Tiefensee "populistisch" findet.

"Nichts mit dem braunen Terror zu tun"

Deuse findet, dass er als Jahrgang 1948 "mit dem braunen Terror von damals nichts zu tun" hat. Deswegen fragt er sich, warum die Deutschen nicht unverkrampft zu sich selbst stehen können. "Warum dürfen nicht auch wir mal unseren Nationalstolz zeigen? Ich zum Beispiel bin stolz darauf Deutscher zu sein, aber wenn ich das sage, lande ich ja schon wieder in der Ecke."

Dass er diesen Eindruck selber forcieren könnte, auf diese Idee kommt Deuse nicht.

Der Mügelner Bürgermeister habe das Problem des Rassismus noch immer nicht begriffen, stellt Sachsens Grünen-Fraktionschefin Hermenau heute fest. Dafür sei das Interview ein weiterer Beweis. Ihre Bundeskollegin Renate Künast fordert Deuses Rücktritt: "Der Bürgermeister von Mügeln muss weg." Auch SPD-Innenpolitiker Sebastian Edathy legt Deuse den Rückzug nahe. Die sächsische Linksfraktion nennt ihn "untragbar".

Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU), der Mügeln nach dem Vorfall besuchte, lässt über seinen Sprecher ausrichten: "Der Ministerpräsident gibt dieser Wochenzeitung (der "Jungen Freiheit" - d.Red.) keine Interviews und empfiehlt auch jedem anderen, dies nicht zu tun." Für die FDP distanziert sich Generalsekretär Dirk Niebel von Deuse. Dieser sei selbst dafür verantwortlich, was er wem sage - allerdings schrieb Niebel selbst vor einigen Jahren für die "Junge Freiheit" einen Artikel. Der niedersächsische FDP-Fraktionschef Philipp Rösler geht davon aus, dass der Fall Deuse am Montag im FDP-Präsidium zur Sprache kommt.

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Deuse ist verantwortlich, aber er hat auch Verantwortung - der er mit seinen Abwehrreflexen kaum gerecht wird. Zieht er jetzt die Notbremse? Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE kündigt der Bürgermeister an, sich nach Rücksprache mit einem Rechtsanwalt künftig gegenüber Medien zurückzuhalten.

Die "Junge Freiheit" versucht sich einstweilen bei den Mügelnern mit ihrer Berichterstattung als das einzig wahrheitsliebende Organ anzubiedern. Sie schreibt ausführlich über eine angebliche Medienkampagne gegen das Städtchen. Mitarbeiter verteilten heute auf dem Marktplatz, wo die Hetzjagd auf die acht Inder begann, die neue Ausgabe ihrer Postille, steckten in fast jeden Briefkasten ein Exemplar.

In den Artikeln neben dem Interview mit Deuse ist davon die Rede, dass niemand im Ort die - von Zeugen längst bestätigten - ausländerfeindlichen Parolen gehört haben will. Dass im Ort immer das gleiche Bild von den indischen Markthändlern gezeichnet werde: eines von aufdringlichen, Frauen belästigenden Männern. Es ist von Anti-DVU- und NPD-Parolen die Rede, die angeblich am Tag der Antifa-Demo auf eine Häuserwand geschmiert worden seien - tatsächlich war der Slogan schon lange vor dem Protest zu lesen. Auch von dem angeblichen brutalen Überfall auf einen jungen Mann, der aus der Antifa-Demo heraus mit Knüppeln niedergeschlagen worden sein soll, hat niemand etwas mitbekommen, der den Protestzug begeleitet hat.

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